Loveparade

Loveparade: Kontroverse um Verein Lopa 2010 und Hintergründe

Zwei Tage nach der Massenpanik mit 21 Toten und über 500 Verletzten bei der Loveparade in Duisburg war der Tunnel an der Karl-Lehr-Straße mit tausenden Kerzen beleuchtet. Nun jährt sich das Loveparade-Unglück zum zehnten Mal.

Zwei Tage nach der Massenpanik mit 21 Toten und über 500 Verletzten bei der Loveparade in Duisburg war der Tunnel an der Karl-Lehr-Straße mit tausenden Kerzen beleuchtet. Nun jährt sich das Loveparade-Unglück zum zehnten Mal.

Foto: EICKERSHOFF, Stephan / WAZ FotoPool

Duisburg.  Die Stiftung 24.07.2010 und der Verein Lopa 2010 kümmern sich um Loveparade-Opfer. Vorwürfe wegen verschwundener Spendengelder stehen im Raum.

  • Vor zehn Jahren ereignete sich die Loveparade-Katastrophe in Duisburg. Auch heute gibt es noch viele offene Wunden und tiefe Gräben.
  • Die Kontrahenten in dieser traurigen Fehde um die Loveparade: Die Stiftung Duisburg 24.7.2010 und der Verein Lopa 2010.
  • Das Tischtuch zwischen den beiden ist zerschnitten. Viel ist in den vergangenen zehn Jahren zwischen der Stiftung Duisburg 24.7.2020 und dem Verein Lopa 2010 passiert. Vorwürfe wegen verschwundener Spendengelder stehen im Raum – eine Spurensuche.

Zehn Jahre nach der Loveparade-Katastrophe in Duisburg gibt es immer noch viele offene Wunden und tiefe Gräben. Zum zehnten Jahrestag wird es gemeinsame Gedenkfeiern von Hinterbliebenen und Betroffenen geben, denen manche aber demonstrativ fernbleiben. Das Tischtuch ist zerschnitten. Warum das so ist – eine Spurensuche.

Die Kontrahenten in dieser traurigen Fehde sind die Stiftung Duisburg 24.7.2010 und der Verein Lopa 2010. Erstere organisiert für die Duisburger Stadtverwaltung seit Jahren den Gedenktag, hält den Kontakt zu den Hinterbliebenen, betreibt eine Kontaktstelle und pflegt die Gedenkstätte. Lopa 2010 kümmert sich um Betroffene – um Traumatisierte, Verletzte, um jene, die auch nach zehn Jahren noch keinen Boden unter den Füßen haben.

Loveparade in Duisburg: Verein Lopa 2010 unterstellt der Stiftung Duisburg 24.7.2010 Untreue

Von außen betrachtet scheinen sich die beiden Initiativen zu ergänzen. Einzig verbindend ist jedoch ein seit Jahren in aller Öffentlichkeit ausgetragener Konflikt mit den immer gleichen Vorwürfen: Lopa 2010 verschickt regelmäßig E-Mails an einen bundesweiten Verteiler, in denen finanzielle Hilfen gefordert werden, um die Betroffenen zu unterstützen. Im gleichen Atemzug wird behauptet, dass die Stiftung zwar Spendengelder kassiere, diese aber nicht weitergeben würde. Ein Fall von Untreue also?

Über den Verein Lopa 2010 ist es wichtig, zu wissen, dass er sich als die einzig wahre Interessensvertretung der Betroffenen sieht. Nach Angaben des Gründungsmitglieds Jörn Teich gibt es 18 Mitglieder. Gerade werde an neuen Statuten gearbeitet, um künftig selbst Spenden sammeln zu können und um damit juristisch sicherer dazustehen, ergänzt der Vorsitzende Thoralf Schmidt: „Wir sind die Richtigen, um finanzielle Hilfe zu vermitteln.“ Wer würde diese Entscheidungen treffen? „Der Vorstand“, sagt Schmidt. Gelder könnten jedenfalls aus dem Hilfsfonds in Höhe von 5 Millionen Euro fließen, den der Landtag jetzt beschlossen hat.

Lopa 2010: „Keiner weiß besser als wir, wie es den Betroffenen geht“

Der Bedarf sei groß, nach dem Ende des Prozesses betreue er 60 Betroffene ehrenamtlich, sagt Thoralf Schmidt. Sie hätten Probleme mit Alkohol, Drogen, Suizidgedanken. Sein Engagement finde aber keine Anerkennung. Er nennt seine Hilfe „semiprofessionell: Ich war bei der Katastrophe auch vor Ort, ich fühle ähnlich, habe aus meiner Hypnosetherapie viel mitgenommen“. Teich und Schmidt bezeichnen sich vor allem als Experten in eigener Sache. „Keiner weiß besser als wir, wie es den Betroffenen geht“, behaupten sie.

Sind sie ein Opfer zweiter Klasse? „Ja, so fühlen wir uns.“

Geld wollen sie, um Betroffenen einen Führerschein zu bezahlen, damit diese eine Basis für eine Rückkehr in den Beruf haben. Oder um eine WG zu gründen für Traumatisierte, denen dann durch Fachkräfte geholfen werden solle. Staatlichen Stellen oder Wohlfahrtsverbänden, die für derartige Hilfen vorhanden sind, vertrauen sie nicht.

Lopa 2010: Anfeindungen gegen die Duisburger Stiftung

Jürgen Widera und Ulrike Stender von der Stiftung 24.7.2010 sind die Anfeindungen durch den Verein Lopa 2010 gewohnt. Sie tauchen auf, seit sich Teich, ursprünglich Teil der Stiftung und Beiratsmitglied, im Streit getrennt hat.

Widera betont, dass er Jörn Teich viel zu verdanken habe, weil dieser einige Kontakte hergestellt habe, als er 2013 zum Ombudsmann ernannt wurde. Aber dass Teich „zu hunderten Traumatisierten Kontakt hat, ist blanker Unsinn“, sagt Widera. 2014, als der Verein am aktivsten war, seien es keine 30 Leute gewesen. „Die Liste habe ich noch.“ Inzwischen seien es nochmals deutlich weniger. „Viele haben sich von ihm emanzipiert“, so Widera.

Stiftung Duisburg 24.7.2010 tolerierte keine Alleingänge: Lopa 2010 brach mit der Stiftung

Der Verein Lopa 2010 brach 2018 mit der Stiftung und begründete das mit der Einberufung von Ex-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ins Kuratorium – das sei „unzumutbar“. Schließlich habe auch sie die Loveparade gewollt. Außerdem würde die Stiftung Geld ausgeben „für Sachen, die wir nicht brauchen“, argumentierte die damalige Sprecherin Nadine Lange.

Dass Teich den Beirat verlassen hat, liegt laut Widera eher daran, dass dessen Alleingänge nicht toleriert wurden. „Das Kuratorium ist das Sprachrohr der Stiftung“, betont er, und für Entscheidungen gab es Gremien, das sei wohl nicht die Spielwiese gewesen, die für den persönlichen Imagegewinn gesucht wurde, vermutet Widera.

Die Vorstellung, Spendengelder mildtätig verteilen zu können, habe zwar die Stellung in der Opferszene stärken können, entspreche aber nicht dem Stiftungszweck, betont der Pfarrer. Teich sei mit der Idee gekommen, Betroffenen die Wohnungsrenovierung zu bezahlen oder bei Krediten zu helfen. Eine derartige Liste mit Wünschen für insgesamt 300.000 Euro habe vorgelegen. „Ich bin froh, dass wir das Geld gar nicht hatten“, sagt Widera heute.

Die Stiftung helfe stattdessen über die Kontaktstelle bei konkreten Fragen, vermittele Therapiemöglichkeiten, unterstütze bei Fragen zu Rente oder Berufsunfähigkeit, zu Auseinandersetzungen mit der Krankenkasse.

Lopa 2010: Fast alle Hinterbliebenen wollen wohl nichts mit dem Verein zu tun haben

Dass fast alle Hinterbliebenen der 21 Todesopfer nichts mit dem Verein Lopa 2010 zu tun haben wollen, habe auch damit zu tun, dass sich manche aus dem Umfeld des Vereins als Opfer ausgaben, aber tatsächlich gar nicht zu den Verletzten der Loveparade gehören, sagt Ulrike Stender von der Stiftung.

Manche hätten sich vor den Eltern der Todesopfer jahrelang selbst als Opfer ausgegeben, hätten behauptet, in den letzten Stunden der Kinder bei ihnen gewesen zu sein. Als dies als Lüge entlarvt wurde, „war das für die Eltern sehr verletzend“, sagt Stender. Es erkläre die große Distanz zwischen den Hinterbliebenen und den Betroffenen, den Wunsch, an den Gedenktagen unter sich zu bleiben.

Stender, die den Prozess privat begleitet hat, berichtet, dass die Lügengeschichten vor Gericht eklatant waren: „Es war sehr offensichtlich, dass Jörn Teich Menschen wie Sarah Vogt instrumentalisiert hat“, berichtet Stender. Teich sei als Opfer zur öffentlichen Person geworden. „Die wirklich Traumatisierten sind in den Medien nicht aufgetaucht, die hatten anderes zu tun“, ergänzt Widera.

Nebenklage nach Lügenvorwürfen zurückgezogen

Offiziell sind aktuell Nicole Ballhause, Sarah Vogt und Thoralf Schmidt Vorsitzende des Vereins Lopa 2010. In den Redaktionen kommen Pressemitteilungen aber auch über die E-Mail-Adresse der minderjährigen Tochter des Vereinsgründers Jörn Teich an. Schickt sie bundesweit an zig Medien Pressemitteilungen?

Michael Kaps hat da einen anderen Verdacht. Der Anwalt hat einen Bediensteten der Stadt im Prozess vertreten und 2018 den Antrag gestellt, die Nebenklage von Jörn Teich, dessen Tochter und Sarah Vogt nicht zuzulassen. Auf 20 Seiten und in mehreren Anhängen begründete er das so überzeugend, dass zumindest Sarah Vogt und Teichs Tochter ihre Nebenklage zurückzogen.

Jörn Teich blieb, bestätigte mit seinen Äußerungen vor Gericht im Grunde aber die Vorwürfe von Kaps und schadete seinem Image als meistgefilmter Betroffener der Loveparade. Wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung konnte er sich nach eigenen Angaben vor Gericht an die Erlebnisse bei der Loveparade nicht erinnern. „Er will Flashbacks haben, aber keine Erinnerung, was will man denn da sehen?“, fragt Kaps. Sobald sich Kameras und Mikrofone nähern, habe er schließlich reden und Details nennen können, kritisiert Kaps.

Falsche Aussagen vor Gericht

Auch bei Sarah Vogt entpuppten sich Aussagen vor Gericht als falsch, wie mehrere Prozessbeobachter berichten. So hatte Vogt etwa behauptet, Teich kaum zu kennen. Ihre Mutter berichtete dagegen, dass er ihre Tochter mehrfach abgeholt habe. Vermeintlich Erinnertes aus dem Tunnel wurde von Vogts eigener Schwester korrigiert.

Und dann sind da noch die Facebookeinträge von Vogt und Teich – vom 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring, vom Festival Ruhr in Love. Wer nach der Loveparade keine Massenveranstaltungen mehr ertragen kann, kann der den Besuch solcher Feste ertragen und verkraften?

Vogts Anwalt Marcus Brink erklärt dazu, dass die Strafanzeige wegen Falschaussage niedergelegt worden sei und seine Mandantin keine bewusste Lügnerin, sondern eine bei der Loveparade verletzte und traumatisierte Frau sei, die nicht immer klar sortieren könne, was sie erlebt und was sie gehört habe.

Von den Aktiven des Vereins Lopa 2010 ist nur Jörn Teich bis zum Ende des Prozesses Nebenkläger geblieben. Thoralf Schmidt etwa wurde nicht als Nebenkläger zugelassen, auch Nicole Ballhause nicht, beide hatten den erforderlichen Antrag nicht gestellt. Sarah Vogt und Teichs Tochter schieden 2018 als Nebenkläger aus. Prozesskostenhilfe wurde außerdem abgelehnt, weil das Gericht keinen Zusammenhang sah zwischen den angegebenen Verletzungen und der angeklagten Tat. Rein juristisch schließt das allerdings nicht aus, dass die Betroffenen bei der Loveparade Verletzungen erlitten haben.

Verein behauptet, Spendengelder seien verschwunden

Auffällig an den Pressemitteilungen und öffentlichen Äußerungen von Lopa 2010 ist, dass darin immer wieder von verschwundenen Spenden die Rede ist. Noch in der letzten Mail hieß es: „Die hohe Spendenbereitschaft der Bürger wurde für die Finanzierung der Seelsorge gebraucht, leider nicht für die Betroffenen. Heute ist bekannt, dass die Spenden in voller Höhe einbehalten wurden.“

Kritisiert wird etwa die Evangelische Kirche, bei der angeblich Geld versickert sein soll. Dazu erklärt Jens Peter Iven, Pressesprecher der Evangelischen Kirche im Rheinland, deren Notfallseelsorger den Prozess begleitet haben, dass die Bezirksregierung die Verwendung der öffentlichen Zuwendungen als korrekt bezeichnet habe. Von 2010 bis 2019 habe die Stiftung Notfallseelsorge insgesamt knapp 373.000 Euro an Spenden vereinnahmt, erklärt der Kirchenrat. „Bis auf einen überschaubaren Rest wurde das Geld für Maßnahmen, die dem Spendenzweck entsprechen, ausgegeben“, sagt Iven.

Das Landespfarramt für Notfallseelsorge habe das Projekt zwischenzeitlich an die örtlichen Systeme abgegeben. „Entsprechend hat der Stiftungsrat beschlossen, dass der Restbetrag aus Spendenmitteln für die Begleitung des Projektes Loveparade in Höhe von etwas mehr als 14.000 Euro der Stiftung Loveparade Duisburg 24.7.2010 überwiesen und damit wie der Rest zweckgebunden verwendet wird.“ Damit sei die finanzielle Beteiligung und die Begleitung der Loveparade-Opfer für die Stiftung Notfallseelsorge abgeschlossen. Jürgen Widera bestätigt den Eingang der Spende.

Schlosstheater dankt dem Verein Lopa 2010

Es gibt auch positive Reaktionen zum Verein Lopa 2010. Dank äußert etwa Intendant Ulrich Greb vom Moerser Schlosstheater, der ein Stück über die Loveparade inszenierte. Im Vorfeld führte er einige Gespräche mit dem Verein, mit Teich, über den weitere Kontakte geknüpft werden konnten.

So sei ein vielschichtigeres Bild von der Katastrophe zustande gekommen. Aber auch Greb bemerkte, dass sich „manche Quellen widersprechen, deshalb sind wir da vorsichtig gewesen“.

Die Mittel der Stiftung Loveparade 24.07.2010

Da der Verein Lopa 2010 wiederholt der Stiftung 24.07.2010 vorwirft, Gelder veruntreut zu haben, haben wir uns die letzten Bilanzen zeigen lassen. Der Verein kennt diese Abrechnungen nicht.

Die Stiftung erhält seit der Gründung 2015 jährlich bis zu 50.000 Euro von der Stadt Duisburg, die für die drei Stiftungszwecke bestimmt sind: die Organisation des Gedenktages, die Pflege der Gedenkstätte und die Beratungsstelle zur Vermittlung professioneller Hilfe für Traumatisierte.

Das Geld wird auf den Euro mit der Stadt abgerechnet, sagt Jürgen Widera. 2018 waren es 45.516 Euro, wovon rund die Hälfte für die Gedenkfeier aufgewendet werden.

In den Unterlagen sind dezidiert alle Ausgaben aufgelistet: Von größeren Posten wie Reise- und Hotelkosten der Angehörigen und Betroffenen für den Gedenktag sowie Dolmetscherhonoraren, den Ausgaben für Sicherheitsdienst und das Dixi-Klo bis hin zu einmal 17 Euro, die der IMD für den Kaffee beim Beiratstreffen in Rechnung gestellt hat. Für die Kontakt- und Beratungsstelle ist eine Mitarbeiterin auf 450-Euro-Basis angestellt.

Vom Land kamen rund 110.000 Euro für die Kosten der Notfallseelsorge während des Prozesses. Die Einsätze der Psychologen und Notfallseelsorger wurden pro Prozesstag stundenscharf abgerechnet. Kleinster Posten in der Bilanz 2018 sind rund 7000 Euro an Spenden, die vor allem in die Einzelfallhilfe geflossen sind, also zur Begleichung von Therapiestunden etwa. Stiftungsvorstand, Kuratorium und Beirat arbeiten ehrenamtlich.

Eine Zusammenfassung hat die Stiftung auf ihrer Webseite veröffentlicht: http://www.stiftung-duisburg-24-7-2010.de/files/finanzierung03.pdf.

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