Der Prozessauftakt

Loveparade-Ombudsmann: „Ich bin heute sehr angespannt!“

Oberhalb des Unglücksortes: Jürgen Widera ist evangelischer Pfarrer und seit April  2013 von der Stadt Duisburg als Ombudsmann beauftragt, Ansprechpartner für die Opfer der Loveparade-Katastrophe zu sein. 

Foto: Federico Gambarini (dpa)

Oberhalb des Unglücksortes: Jürgen Widera ist evangelischer Pfarrer und seit April 2013 von der Stadt Duisburg als Ombudsmann beauftragt, Ansprechpartner für die Opfer der Loveparade-Katastrophe zu sein.  Foto: Federico Gambarini (dpa)

Duisburg.   Wir haben mit Pfarrer Jürgen Widera, Mitglied im Vorstand der Stiftung „Duisburg 24. Juli 2010“, über den heutigen Auftakt Prozesses gesprochen.

Die Angehörigen der Opfer mussten lange darauf warten. Das Grauen, das sich am 24. Juli 2010 im Tunnel der Karl-Lehr-Straße und an der Rampe zum Loveparade-Gelände abspielte, können die Angehörigen der 21 Todesopfer wie auch die 541 verletzten Menschen nicht mehr vergessen. Nach sieben Jahren beginnt heute – vor dem Duisburger Landgericht – räumlich ausgelagert in eine Messehalle nach Düsseldorf, der Prozess um die Katastrophe der Loveparade. Angeklagt wegen fahrlässiger Tötung sind Angestellte des damaligen Veranstalters und Bedienstete der Stadt Duisburg.

Wir sprachen mit Jürgen Widera, evangelischer Pfarrer und seit April 2013 von der Stadt Duisburg als Ombudsmann beauftragt, Ansprechpartner für die Opfer der Loveparade-Katastrophe zu sein. Jürgen Widera ist zudem Mitglied im Vorstand der Stiftung „Duisburg 24. Juli 2010“: Zweck der Stiftung ist die Unterstützung hilfsbedürftiger Personen, die unmittelbar oder mittelbar durch das Massenunglück anlässlich der Loveparade in Duisburg am 24. Juli 2010 in Not geraten sind, zudem übernimmt die Stiftung die Ausrichtung der jährlichen Gedenkfeier, die Unterhaltung und Pflege der Gedenkstätte und hat eine Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle eingerichtet.

Herr Widera, wo werden Sie am Freitag zum Prozessauftakt sein?

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Ich werde in Düsseldorf sein. Wir erwarten viele Menschen. Wie wir dies von den Jahrestagen her kennen, werden ja auch Eltern von Opfern aus dem Ausland kommen, und da möchten wir als Stiftung natürlich auch vor Ort präsent sein, um sie zu begrüßen. Das wird von uns auch so erwartet.

Wie ist heute Ihre Gemütslage zum Prozessauftakt?

Angespannt, würde ich sagen. Gespannt in dem Sinne, dass wir ja alle keine genaue Vorstellung davon haben, wie dieser Prozess verlaufen wird, was da geschehen wird. Das bereitet auch bei mir ein Unbehagen, ganz zu schweigen von dem Unbehagen bei denen, die betroffen sind.

Wird der Prozess einen Rechtsfrieden oder eher einen Seelenfrieden bringen?

Also Rechtsfrieden, das kann ich überhaupt nicht einschätzen. Seelenfrieden? Das wird sehr davon abhängen, was in dem Prozess geschieht. Ob der Prozess die Antworten auf die Fragen gibt, die die Opfer seit sieben Jahren mit sich herumschleppen. Wenn die Ursachen und die Verantwortlichkeit tatsächlich aufgeklärt werden, dann glaube ich schon, kann dieser Prozess sehr zum Seelenfrieden beitragen, um ein Stück innere Ruhe wieder zu bekommen.

Müssen Ihrer Meinung nach Ex-Oberbürgermeister Sauerland und Lopavent-Chef Schaller auf der Anklagebank sitzen?

Nein.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, „Die Kleinen hängt man und die Großen lässt man laufen“?

Ich kenne nicht die Ermittlungen im Einzelnen. Aber die Staatsanwaltschaft sagt, dass sie nicht in die Planungen involviert waren. Wenn jemand wie Sauerland sagt „ich will die Loveparade hier in Duisburg haben“, dann hat das als Konsequenz, dass man eine politische Verantwortung daraus zieht, aber keine strafrechtliche. Das wird häufig verwechselt. Eine politische oder auch moralische Verantwortung ist etwas anderes als eine strafrechtliche Schuld. Dass Sauerland nicht die Konsequenz aus der politischen Verantwortung gezogen hat, halte ich für verurteilenswert, dafür hat er ja dann auch die rote Karte bekommen. Aber in einem Rechtsstaat kann man nicht denjenigen, der eine politische Verantwortung hat, dafür auch noch ins Gefängnis befördern.

Rechnen Sie damit, dass der eine oder andere Angeklagte die Verteidigungsstrategie fährt, indem er jetzt vor Gericht unbekannte Fakten auspackt?

Ja, das kann durchaus so sein. Also, dass da Fakten ans Licht kommen, die bisher nicht bekannt waren, das erwarte ich, das erhoffe ich sogar. Bisher ist ja immer noch unklar, wie es zu dieser Katastrophe hat kommen können.

Wo waren Sie als am 24. Juli 2010 das Loveparade-Unglück geschah?

Ich war Gott sei Dank mit unseren Kindern, die sonst auch auf der Loveparade gewesen wären, bei einer Familienfeier in Köln. Von der Katastrophe haben wir nichts mitgebekommen. Abends auf der Heimfahrt, wir hatten kein Radio an, kamen uns auf der Autobahn ganze Batterien von Krankenwagen entgegen und ich dachte zuerst, das ist eine Art Wachablösung. Aber als ich dann das Radio angemacht habe, habe ich von ersten Toten gehört.

Hatten Sie als der von der Stadt eingesetzte Ombudsmann viele Fälle zu betreuen? Sagen Sie uns mal eine Größenordnung.

Ja, das ist bis heute – sieben Jahre danach – nicht abgerissen. Klar am Anfang waren es sehr viel mehr Leute, die sich bei mir gemeldet haben. Aber auch heute noch melden sich Leute, die Fragen haben, die Hilfe und Unterstützung brauchen. Das waren in diesem Jahr vielleicht sieben oder acht Personen. Sieben Jahre danach! Es ist auch für mich erschütternd zu sehen, dass es Menschen gibt, die nachweislich durch das Loveparade-Unglück noch siebeneinhalb Jahre danach extremste Probleme haben.

Das Gespräch führte Stefan Endell

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