Kinderarmut

Kinderarmut in Duisburg: Kein Auto, kein Urlaub und Hunger

90 Prozent seiner Gäste stammen aus prekären Verhältnissen, sagt Pascal Rusche, Leiter des Jugendzentrums St. Peter in Duisburg-Rheinhausen.

90 Prozent seiner Gäste stammen aus prekären Verhältnissen, sagt Pascal Rusche, Leiter des Jugendzentrums St. Peter in Duisburg-Rheinhausen.

Foto: Foto: Oliver Mengedoht / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Kein Auto, kein Urlaub, keine engen Beziehungen und Hunger – Kinderarmut in Duisburg hat viele Seiten. Zwei Jugendliche und Experte berichten.

„90 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die ins Jugendzentrum kommen, haben Erfahrung mit Armut“, sagt Pascal Rusche. Er leitet das Jugendzentrum St. Peter in Duisburg-Rheinhausen und steht seinen Besuchern auch nach ihrem Schulabschluss noch zur Seite.

Sie holen sich bei ihm einen Rat, Unterstützung, suchen seine Nähe, „vielen fehlen enge Beziehungen“, sagt Rusche. Auch das ist Kinderarmut.

Duisburg: Bürokratie abbauen, um Kinderarmut zu vermeiden

Fragt man den Sozialarbeiter, was anders werden müsste, um Kinderarmut zu verhindern, fallen ihm viele Aspekte ein: Bürokratische Hürden abbauen etwa. „Die Hilfsangebote müssen einfacher gestrickt sein. Auch wenn man nichts mehr zu essen hat, ist der Weg zum Amt lang“, weiß er. Das sei eine „Selbstoffenbarung, mit der sich viele schwer tun“.

Die Kirchengemeinde hat eine Holzhütte eingerichtet, in der Lebensmittel gespendet werden können und in der man sich bei Bedarf bedienen kann. „Das meiste wird nachts geholt, wenn es niemand sieht“, sagt Rusche. Nur die wenigsten überwinden ihre Scham und kommen tagsüber, Müttern gelinge das für ihre Kinder noch am ehesten.

Mehr Personal für die Jugendzentren

Was braucht es noch? „Eine stärkere Familien-Hilfe, auch rund um die Uhr, ein schneller reagierendes Jugendamt, mehr Streetwork, stärkere personelle Besetzung der Jugendzentren.“ Rusche fällt viel ein. Allerdings hat der ehemalige Leiter des Jugendrings Duisburg wenig Vertrauen in die Umsetzungsfähigkeiten der Politik. Nicht zuletzt auch, weil sein eigenes Jugendzentrum in einem baulich schlechten Zustand ist und die Stadt entgegen der Einschätzung der Bezirksvertretung zwei Einrichtungen im Westen gestrichen hat.

Er ist lange im Geschäft, seine Arbeit hat sich aber extrem gewandelt. Früher hat der Sozialarbeiter vielfältige Angebote gemacht. Wenn die Kinder heute zu ihm kommen, haben viele Hunger. „Wir machen Koch- und Backangebote, damit das wenigstens nett verpackt ist, dass sie was zu essen kriegen“, erzählt der 44-Jährige.

Selbstwert gemessen an den Likes auf TikTok

Rund 50 Kinder kommen regelmäßig. Er beobachtet eine Zunahme psychischer Störungen, muss vermehrt Gespräche wegen Suizidgedanken führen. „Die Orientierungslosigkeit wird immer größer“, sagt Rusche.

Die Jugendlichen würden sich stark hinterfragen. Ihren Wert, ihr Können, ihren Stand messen sie daran, wie viele Likes sie auf TikTok oder Instagram haben. „Sie fragen sich nicht, wie sie später Geld verdienen wollen, sondern wie viel“, bedauert der 44-Jährige.

„Urlaub? Den gibt es in meiner Welt nicht“

Tim und Ahmed (Namen geändert) gehören zu den Jugendlichen, die eine Kindheit in Armut erlebt haben. Sie wissen, was es heißt, nie die angesagten Schuhe zu haben oder Markenklamotten zu tragen. „Meine Sachen waren nie kaputt, aber immer gebraucht“, sagt Tim, „das war schon peinlich“, gesteht er.

Was kennzeichnet Armut für euch? „Urlaub“, sagt Tim, „den gibt es in meiner Welt nicht“. Auch ein Auto besitzt die Familie nicht. „Und Handys gibt’s nur gebraucht, in der Billig-Variante“, ergänzt Ahmed, „von nix kann man halt nix sparen.“ Früh haben sie gelernt, vorsichtig mit Geld umzugehen.

„Fußballspielen wäre toll, wenn da nicht überall Verbotsschilder stehen würden“

Und dann ist da die direkte Umgebung. Tim lebt in einem Block, kennt Dealer, Leute, die im Knast verschwinden, „ein Kreislauf, viele kommen da nie raus.“

Wohin also in der Freizeit? „Ich wollte immer sauber bleiben, da ist das Jugendzentrum das beste. Hier kann ich abhängen, keiner meckert bei lauter Musik“, sagt Tim. Treffen sie sich bei „Kollegen“, würde wegen der Lautstärke sofort die Polizei gerufen, berichtet Ahmed. Viele Gleichaltrige seien mehr in den Shisha-Bars. „Aber saufen, kiffen, das ist nicht so meins“, sagt der 17-Jährige. Fußballspielen wäre toll, wenn da nicht überall die Verbotsschilder stehen würden.

„Redet ein Politiker hochdeutsch, schalte ich sofort ab“

Die Kommunalwahl interessiert die beiden nicht, erstmals dürften sie wählen, „aber wenn so ein Politiker Hochdeutsch redet, schalte ich sofort ab“, sagt Ahmed. Liefern würde die Politik eh nicht, „die Toiletten an der Schule sind noch genauso kaputt wie vor fünf Jahren.“

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