Dokumentarfilm-Festival

„Joe Boots“: Der Krieg tötet auch unsichtbar

Joe Boots betäubt sein Trauma nicht mehr mit Alkohol oder Tabletten, sondern hält es mit gesunden Mitteln wie Sport in Schach.

Foto: Doxs

Joe Boots betäubt sein Trauma nicht mehr mit Alkohol oder Tabletten, sondern hält es mit gesunden Mitteln wie Sport in Schach. Foto: Doxs

Duisburg.   „Doxs!“ in Duisburg: Ein bewegender, intensiver Film von Florian Baron über einen US-Kriegsveteranen, dem eine Explosion die Seele zerrissen hat.

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Veteranen sind alte Männer, die vom Krieg erzählen? Der US-Kriegsveteran Joe Boots ist nicht viel älter als Florian Baron (33). Begegnet sind sie sich in Pittsburgh bei einem Stipendium des Filmemachers aus Berlin, der mit Joe Boots einen Protagonisten für einen Dokumentarfilm gefunden hat, der in einer halben Stunde mehr über Kriege erklärt als manch große Hollywood-Produktion – ohne auch nur ein Bild vom Krieg zu zeigen. Bei „Doxs!“, dem Dokumentarfilmfestival für Kinder und Jugendliche, wurde „Joe Boots“ am Donnerstag vor Schülern im Filmforum gezeigt.

„Desert Storm“ hat das Leben von Joe Boots radikal verändert. Dabei hat die Explosion, die er bei der Suche nach versteckten Bomben erlebt hat, ihn nicht körperlich verletzt. Sie hat seine Seele zerrissen. Posttraumatische Belastungsstörungen, heißt die Diagnose.

Patriotismus und Vorbehalte

Joe Boots kommt aus einer Bergarbeiterfamilie. Dass er zum Militär gehen würde, hatte er schon im Kopf, als der Anschlag auf das World Trade Center im November 2001 den Anstoß gab. Patriotismus, ja Nationalismus und Vorbehalte gegenüber Arabern hatte er schon als Kind verinnerlicht. Im Zweiten Golfkrieg wurde der 19-jährige gebraucht. Nach zwei Jahren kehrte er zurück als einer, der keine Kontrolle mehr über sich hatte, oft ausrastete, zu viel trank, depressiv war. Die Militärärzte gaben ihm Psychopharmaka, die ihn nicht heilen konnten. Täglich töten sich in den USA 22 Soldaten.

Als Joe Boots erfuhr, dass er Multiple Sklerose hat, ändert er sein Leben. Er ließ „das Arschloch“, zu dem er geworden sei, zurück. Seinen eigenen Krieg gegen das Trauma führt er mit gesunder Ernährung, Sport, Meditation.

Zu dem, was Joe Boots ohne Selbstmitleid, sehr reflektiert und authentisch erzählt, zeigt der Film Bilder aus seinem neuen Leben mit Hund, Alltagsleben in Pittsburgh und Familien in Heiler-Welt-Bilderbuchkulisse. Da schleicht sich der Gedanke ein: Was, wenn im Papierkorb an der Straßenkreuzung eine Bombe wäre, so wie es Joe Boots im Krieg immer erwarten musste?

Warum ich?

Im anschließenden Gespräch sagte Joe Boots, dass er bei den Dreharbeiten eigentlich nicht gewusst habe, was da passiert. Er habe sich gefragt: Warum ich, das erleben doch viele? Aber das Ergebnis sei wunderbar und habe eine therapeutische Wirkung; dafür sei er dankbar. Er habe geweint, als er die erste Fassung des Films gesehen habe. „Jetzt ist es bewegend, das mit dem Publikum zu teilen.“ Seine Botschaft, die – wie er ironisch sagt – nach Hippie-Fantasien klingt: In welchen Land man geboren wird, ist Zufall. Es ist unsere Erde.

>>TREFFEN MIT FILMEMACHER

Das Konzept für „Joe Boots“ war auch von der Doku-Klasse unter die Lupe genommen worden. Bei eintätigen Workshops vor dem Festival werden die Stoffe von Filminteressierten im Alter von 16 bis 23 Jahren mit Regisseuren diskutiert.

Grundlage sind die Bewerbungen für das 3sat-Stipendiatenprogramm „Ab 18!“.

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