Gesichter & Geschichten

Interview mit Mahmut Özdemir mal anders: Politik ist tabu!

Heute mal ohne Trikot: Mahmut Özdemir auf der Tribüne des PCC Stadions. Früher hat der 33-Jährige für den VfB Homberg gekickt, heute spielt er beim „FC Bundestag“.

Heute mal ohne Trikot: Mahmut Özdemir auf der Tribüne des PCC Stadions. Früher hat der 33-Jährige für den VfB Homberg gekickt, heute spielt er beim „FC Bundestag“.

Foto: Tanja Pickartz / FUNKE Foto Services

Duisburg-Homberg.  Wie viel Privates mag Hombergs Bundestagsabgeordneter Mahmut Özdemir erzählen? Ein Experiment: Das Spiel hat 60 Minuten, davon 30 ohne Politik.

Sechzig Minuten reden, davon dreißig ohne Politik. Das ist zwei Monate vor der Kommunalwahl eine schwierige Disziplin. Aber Mahmut Özdemir spielt mit. Er stellt sich unserem ungewöhnlichen Versuch, seinen glatten Politiker-Panzer wenigstens ein kleines bisschen anzuknacken. Wer ist dieser Homberger Junge mit türkischen Wurzeln, der 2013 als damals jüngster Bundestagsabgeordneter mit 26 Jahren auszog, um in Berlin Karriere zu machen?

Die Sache mit der Skaterbahn

Eins steht schon vorher fest: Angst, im Regen stehen gelassen zu werden, hat der 33-Jährige nicht. Obwohl die Wetter-App Dauerregen prognostiziert, hält er am Wunsch-Treffpunkt fest: die Skateranlage in seinem Heimatstadtteil und Wahlkreis Homberg. Wenn es eine Anekdote gibt, die in fast jedem Artikel über den Duisburger Bundestagsabgeordneten zu lesen ist, dann ist es die Sache mit der Skaterbahn, die sowas wie seine politische Wiege ist. Denn weil der elfjährige Mahmut mit seinen Inlinern von Supermarktparkplätzen vertrieben wurde, fand er den Weg zu den Falken, der sozialistischen Jugend Deutschlands. Von dort ackerte er sich in der lokalen Politik weiter vor, bis die Skateranlage viele Jahre und Debatten später 2007 eingeweiht wurde.

Unsere Begegnung beginnt allerdings nicht mit dieser hübschen Geschichte, sondern mit einem überraschend deftigen Fluch aus dem Mund des Mannes in weißem Hemd und blauem Sakko. Das Tor zum Skaterglück ist zu und Özdemir ist richtig sauer. „Wie kann man das denn hier mitten im Sommer einfach abschließen?“, wettert er. Das Schild mit den Öffnungszeiten fotografiert er. „Darum kümmere ich mich.“

Pummelchen im Schneeanzug

Das ist jetzt zwar Politik, aber noch erlaubt, denn unsere Zeit läuft ja noch gar nicht. Zuerst brauchen wir einen Ort. Der Gesprächspartner fackelt nicht lange und wir düsen zum PCC-Stadion. Özdemir ist Fußballer – früher für den VfB Homberg, heute als Linksaußen und Vizekapitän für die Berliner Mannschaft des „FC Bundestag“. Fürs Foto auf der überdachten Tribüne ist das Stadion eine gute Idee, fürs Gespräch nicht. Es ist ungemütlich. „Darf ich Sie lieber auf einen Kaffee einladen?“ Er darf.

Jetzt aber. Wir sitzen warm und trocken im Eiscafé auf der Augustastraße, wo Mahmut Özdemir herzlich begrüßt wurde. Man kennt ihn, natürlich. Er bestellt Cappuccino und Wasser. Die Stoppuhr läuft, das Spiel beginnt. Worüber redet man mit einem Politiker, wenn man nicht über Politik redet? Urlaub wär zur Einstimmung doch gut. Schließlich ist jetzt Sommerpause. „Ich kenne keine Ferien“, sagt mein Gegenüber und wickelt den Keks vom Kaffeetassenunterteller aus der Folie. Er mag lieber darüber sprechen, wie gerne er hier in seinem Homberg einfach nur zuhause ist und sich die Zeit nimmt, am Schreibtisch zu sitzen und sämtliche Bürgeranfragen höchst persönlich zu lesen.

Der sensible Krebsmann

In einer Quiz-Show würde jetzt die Hupe für die falsche Antwort dröhnen. Noch keine Minute geschafft und schon ist Politik im Spiel. Nächster Versuch. Wir hangeln uns über seine liebste Frühstücksroutine (schwarzer Kaffee, Frankfurter Allgemeine Zeitung und die süßen französischen Küchlein mit dem Namen Madeleines) zur Kindheit im achten Stock des Weißen Riesen an der Ottostraße, der als nächstes Hochhaus gesprengt werden soll. „Daran habe ich wundervolle Erinnerungen“, sagt Mahmut Özdemir und es klingt sehr echt, als er von der tollen Aussicht, den vielen Kindern im Viertel und dem Spiel im Schnee schwärmt. „Da gibt es ein Foto von mir, auf dem ich als kleines Pummelchen vor dem Haus im Schneeanzug stehe.“

Schwierig, so ohne Politik

Das Bild des kleinen Mahmut hängt noch in der Luft, als Özdemir aus dem privaten Fotoalbum auch schon wieder in die große Wohnungspolitik hüpft -- mit einem Abriss über die Entwicklung im Hochheider Quartier. Es fällt ihm sichtlich schwer, den Politiker vor die Tür zu schicken. „Ich seh’ schon, das passt Ihnen nicht“, sagt er und grinst, als mein Kugelschreiber kleine blaue Kästchen statt Worte auf den Block kritzelt. „Ich gebe mir wirklich Mühe“, schiebt er hinterher.

Und dann läuft es plötzlich. Kurz nachdem wir entdeckt haben, dass wir das gleiche Sternzeichen haben. Krebsmänner und -frauen werden gerne unterschätzt. Das schafft Gemeinsamkeit. Auch sensibel und einfühlsam? Özdemir nickt und lächelt. Privat wird es trotzdem nicht. „Diesen Teil von mir möchte ich gerne abschirmen.“ Aber einen Spalt breit macht er die Tür auf.

Wir reden über die spartanische Einrichtung seines Berliner Appartements, ein Zimmer, knapp 30 Quadratmeter, mit Küchenzeile. „Quadratisch, praktisch, gut. Mehr brauche ich da nicht.“ Wir sprechen darüber, dass er ein Familienmensch ist und auch mit 33 Jahren noch gerne mit seinen Eltern Zeki und Aynur Özdemir in Homberg unter einem Dach lebt. „Ich habe da natürlich meinen abgetrennten Bereich.“ Er erzählt davon, wie seine Eltern ihm beigebracht haben, dass man stets seine Rechte einfordern muss. Damals, als er noch Grundschüler war, sind sie mit ihm zum Protest in die Schule marschiert, weil sein Lehrer meinte „Ein Türkenjunge bekommt keine Eins.“

Das sind Erinnerungen, die auch seine politische Arbeit prägen, über die wir jetzt ja ausnahmsweise nicht reden. Mahmut Özdemir beschreibt stattdessen seinen Kleiderschrank, in dem die Kombinationen (Anzug, Hemd, Krawatte) für jeden Wochentag immer akkurat vorbereitet sind. Und unrasiert aus dem Haus gehen, das geht gar nicht. „Ein Gentleman von Welt ist immer rasiert. Das hat mir meine AG 60 plus beigebracht.“

Frikadellen wie bei Mama

Penibel? Sehr penibel! „Ich sortiere meine Stifte immer in der gleichen Reihenfolge.“ Er liebt übrigens Lamy-Füller. Nach dem Interview wird er sich bei Meister auf der Augustastraße einen neuen kaufen, in Gelb. Unordnung gibt es nicht. Dreckige Socken liegen niemals auf dem Boden. Und die Küche ist sofort nach dem Kochen wieder tipptopp. Kocht er selber? „Wenn ich muss, dann kann ich das.“ Steak braten zum Beispiel. Oder selbst gemachte Frikadellen. „Aber ich habe es noch nie geschafft, die so gut hinzubekommen wie Mama.“

Fußball mit Tränen

Und sonst so? „Ich bin immer noch der Junge von nebenan.“ Berlin, meint er, habe ihn nicht verändern können. „Ich bin bodenständig.“ Wenn er Zeit hat, trifft er sich mit guten Freunden aus der Studienzeit und der Politik. Und: Er liebt es, an seinen Autos herumzuschrauben. Volkswagen. Etwas anderes fährt er nicht. „Davon habe ich mehrere in der Garage.“ Beim Basteln wird gerne laut geflucht. „Wenn man mal eben das Abgasreinigungsventil auswechseln möchte und dann reißt eine Schraube ab, dann ist das nicht lustig.“ Ungeduldig ist er, das gibt Özdemir zu. Und emotional. „Beim Fußball schreie ich gerne mal rum.“ Auch als Fan des MSV. Da hat er schon vor Wut geheult. Hier gibt es mehr Artikel aus dem Duisburger Westen

Der Wecker klingelt. Geschafft! Halbzeit. „Und jetzt?“, fragt mein Mitspieler. Jetzt darf er über all das reden, was er politisch für Homberg geschafft hat und was er hier in seiner Heimat noch vorhat. Das tut er auch, aber geschrieben wird darüber erst beim nächsten Mal. Dieser Teil der Spielregeln stand im Kleingedruckten. Gut, dass Mahmut Özdemir Humor hat. „Das hat Spaß gemacht“, sagt er zum Abschied.

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