Theater

Interreligiöses Theaterprojekt: Religion kann auch witzig

Als sechsjähriger Junge wusste Uri noch nicht viel mit seiner Religion anzufangen, nun schon. Eine von vielen Erfahrungen, die in dem Duisburger Theaterprojekt stecken.

Als sechsjähriger Junge wusste Uri noch nicht viel mit seiner Religion anzufangen, nun schon. Eine von vielen Erfahrungen, die in dem Duisburger Theaterprojekt stecken.

Foto: Tanja Pickartz

Duisburg.  Nach drei Monaten kommt das interreligiöse Theaterprojekt „Trialog“ im Dezember in Duisburg zur Aufführung. Zu Besuch bei einer Probe.

Uri (44) ist Jude, Handan (34) Muslima und Sabine (56) Protestantin. Was sie gemeinsam haben? Viel, sagen sie. Herausgefunden haben sie das bei dem Theaterprojekt „Trialog“, das Amateurschauspieler jüdischen, islamischen und christlichen Glaubens zusammenbringt. Derzeit hat das Team seine letzten Proben in der Cubus-Kunsthalle, in denen es ein collagen-artiges Theaterstück erarbeitet hat, das sich aus persönlichen Erfahrungen der Teilnehmer nährt.

„Wir sind überrascht, wie ähnlich die Erfahrungen zum Teil sind, unabhängig von der Religion“, sagt Stefan Filipiak, Theaterregisseur und -pädagoge, der das Projekt gemeinsam mit der Theaterpädagogin Riccarda Tomberg leitet. „Die Atmosphäre unter den Schauspielern ist unglaublich offen. Sie fragen sich gegenseitig viel, tauschen Erlebtes aus, Vorurteile und Klischees“, so Filipiak.

Eigene Erfahrungen in ein Theaterstück verwandelt

Handan zum Beispiel erzählt: „Seit dem 11. September haben die Vorurteile gegenüber dem Islam auf jeden Fall zugenommen. Das merke ich im Alltag, das entlädt sich aber vor allem in Hasskommentaren in den sozialen Medien, weil die Leute da ungehemmter sind. Ich höre dann oft von Bekannten oder Freunden: ,Du bist ja okay, du bist eine Ausnahme, aber die anderen ...’.“ Handan hat über eine Nachbarschaftsapp von dem Projekt erfahren. Da sie sich ohnehin für interreligiösen Austausch interessiert, war sie sofort dabei.

Sabine erfuhr in der Karmelkirche, in der sie regelmäßig zum Gottesdienst geht, von „Trialog“. „Die Karmelkirche“, so sagt sie, „ist die einzige Kirche, die noch voll ist. Alle anderen sind leer.“ Denn Nachwuchs komme kaum nach und die Missbrauchsskandale in der vergangenen Zeit hätten das Image der Kirche stark beschädigt. Sabine wird oft damit konfrontiert: „Die Leute fragen mich: Wie kannst du noch glauben? Die Kirche ist doch das Letzte und du hast studiert und bist aufgeklärt.“ Tatsächlich ist die 56-Jährige in einem durch und durch unchristlichen Haushalt aufgewachsen: Ihre Eltern waren Kommunisten. Erst bei ihrer katholischen Tante in Süddeutschland habe sie gesehen, wieviel der Glaube ihr geben könne. „Aber die Aufteilung in katholisch und evangelisch finde ich nicht mehr zeitgemäß“, sagt sie.

Erst zwei Wochen nach offiziellem Probenbeginn kam Uri zur Gruppe dazu. Per Anschreiben an seine liberale jüdische Gemeine in Oberhausen hatte er davon erfahren. „Das Projekt kam für mich wie gerufen“, sagt er. „Ich habe Islamwissenschaften und Arabistik studiert und in meiner Gemeinde bereits einige Vorträge zum Thema Klischees und Vorurteile gegenüber Muslimen gehalten. Dieses Projekt hier verkörpert Toleranz und ein friedliches Verständnis füreinander.“

Vorurteile, Klischees, Krisen, aber auch viel Humor

Bei diesem setzen auch die theaterpädagogischen Methoden der Projektleiter an: „Es geht zunächst einmal darum, die Persönlichkeiten der anderen kennenzulernen: Wer ist das überhaupt, mit dem ich da spiele?“

Zweimal die Woche probte die 14-köpfige Truppe im Alter von 25 bis Mitte 70 miteinander. Und anders als es das Thema Religion erwarten lassen könnte, werden die Szenen mit viel Humor, Selbstironie und Zynismus ein- und vorgespielt: Einzeln treten die Schauspieler ein paar Schritte nach vorne und berichten von den ersten Berührungspunkten mit ihrer Religion. „Als ich sechs Jahre alt war, sagte mir meine Mutter, ich sei Jude. Ja, was heißt das denn überhaupt?“, fragt sich Uri. Eine christliche Mitspielerin erzählt: „Im katholischen Religionsunterricht haben sie gesagt, Evangelen kommen nicht in den Himmel: armer Papa.“ Kurz danach ertönt ein lauter Schrei, die Schauspieler drehen sich erschrocken zu einem muslimischen Mitspieler um: „Oh, ‘tschuldigung. Ich wollte nicht radikal sein“, sagt er.

Doch neben all den Witzeleien geht es um ernste Themen wie dem Glauben als Trostspender, als Halt, als Schutzraum, aber auch um Zweifel und Glaubenskrisen. Teilnehmerin Hanna Chellay sagt lachend: „Ein bisschen erinnert das ganze auch an eine ,Gruppentherapie’.“

>>>> Tickets und Termine

Aufführungen: 13. Dezember, 19 Uhr in der Liberalen Jüdischen Gemeinde „Perusch“ (Friedensplatz 15 in Oberhausen); 20. Dezember, 19.30 Uhr in der Kulturkirche Liebfrauen (König-Heinrich-Platz 3).

Karten für 5 Euro gibt es über info@theatervolk.de oder 0203 / 34 83 71 11.

Das Projekt wurde aus Mitteln des Landes NRW gefördert.

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