Krankenhäuser

Immer mehr Patienten suchen die Notaufnahme auf

In der Notaufnahme muss es meist schnell gehen: Dr. Darius Buchczyk (r.), Chefarzt der Helios-Notaufnahme, hat allerdings beobachtet, dass viele Patienten nicht so dringende Hilfe benötigen.

Foto: Stephan Eickershoff

In der Notaufnahme muss es meist schnell gehen: Dr. Darius Buchczyk (r.), Chefarzt der Helios-Notaufnahme, hat allerdings beobachtet, dass viele Patienten nicht so dringende Hilfe benötigen. Foto: Stephan Eickershoff

Duisburg.  Duisburger Krankenhäuser spüren mehr Zulauf in der Notaufnahme. Patienten mit Bagatellkrankheiten wie Halsschmerzen werden häufiger.

Immer mehr Menschen suchen bei Beschwerden die Notaufnahme auf. Sowohl die Sana-Kliniken, die Helios St. Johannes Klinik als auch die Häuser der Malteser und des Evangelischen Klinikums Niederrhein hatten 2016 mehr Patienten in der Notaufnahme als im Vorjahr. Das Auffällige aus Sicht der Ärzte: Häufiger suchen Menschen mit weniger kritischen Krankheiten Hilfe in der Notaufnahme. Dabei gibt es längst eine Alternative.

Rund ein Drittel der Patienten, die die St. Johannes-Klinik anfahren, könnte zu einem niedergelassenen Arzt gehen, schätzt Dr. Darius Buchczyk, Chefarzt der Notaufnahme. Häufig klagten diese Patienten über Rücken- oder Halsschmerzen oder Durchfall. Natürlich empfänden die Menschen ihre Lage als ernst, aber es gebe eben auch kritischere Fälle. „Das ist nicht nur ein lokales, sondern ein deutschlandweites Phänomen. Und es kostet uns natürlich Zeit, die wir für die wirklich dringenden Fälle brauchen.“ Dr. Claudia Peters, ärztliche Leiterin der Malteser-Notaufnahmen in Huckingen und Homberg schätzt den Anteil der Patienten ohne Not sogar auf 60 Prozent (siehe Interview).

Notdienstpraxen sind wenig bekannt

Buchczyk macht als Ursache zum einen den schwachen Bekanntheitsgrad des Notdienstes aus. Viele Menschen würden die kostenlose Rufnummer 116 117 nicht kennen und deswegen das Krankenhaus aufsuchen. Die Notdienst-Telefonzentrale wurde als Alternative zur 112 eingerichtet. Anrufer können außerhalb der Praxisöffnungszeiten ärztliche Hilfe anfordern. In Duisburg gibt es vier Praxen in direkter Nähe zu den Krankenhäusern (siehe Info unten).

Zum anderen beobachtet der Chefarzt einen gesellschaftlichen Wandel: „Früher waren die Menschen besser eingebunden in sozialen Systemen. Bei Beschwerden hat man eher die Großmutter gefragt, die das schon mal hatte. Diese Sicht fehlt heute oft. Das Phänomen ist wirklich nicht zu unterschätzen.“ Das Internet trage ebenfalls mit seinen Suchfunktionen zur Verunsicherung bei. Krankheiten und Symptome können leicht in Foren erforscht werden. „Das sind keine sichere Quellen“, sagt Buchczyk.

System teilt Patienten ein

2014 suchten rund 28 000 Patienten die Helios-Notaufnahme auf, 2015 waren es 30 000, ein Jahr später noch einmal 1000 mehr. Das Sana-Klinikum gibt einen Anstieg von rund 32 600 (2015) auf 33 200 an. Das EvK kletterte nur leicht auf 16 512 Patienten (Vorjahr: 16 494). Die Malteser hatten in den Häusern St. Anna und Johannes-Stift zusammen einen Zuwachs von 1417 Patienten in der Notaufnahme außerhalb der Praxisöffnungszeiten.

Das Helios-Krankenhaus hat bereits reagiert und das Manchester-Triage-System eingeführt, das Patienten nach Dringlichkeit der Behandlung sortiert. Auch das Sana-Klinikum setzt auf das System, sagt eine Pressesprecherin. „Es wäre wünschenswert, wenn Patienten mit leichten Verletzungen Verständnis für das Auswahlsystem hätten.“

>> DIE NÄCHSTE NOTDIENSTPRAXIS

An diesen Standorten finden Patienten Notdienstpraxen: am Malteser-Krankenhaus St. Anna, Albert-Magnus-Straße 33 in Huckingen, am Ev. Krankenhaus Bethesda, Heerstraße 219 in Hochfeld, am Helios St. Johannes-Hospital, An der Abtei 7-11 in Hamborn, am Johanniter-Krankenhaus Rheinhausen, Kreuzacker 1-7.

Öffnungszeiten: Mi., Fr.: 14 - 20 Uhr, Sa, So., Feiertage: 10 - 14 Uhr und 16 - 20 Uhr ( St. Johannes-Hospital: 15 - 20 Uhr). Infos: www.kvno.de

Interview: „Bequemlickeit spielt eine große Rolle“

Die Menschen reagieren auf Beschwerden vorsichtiger als vor einigen Jahren. Das ist für Dr. Claudia Peters, ärztliche Leiterin den Malteser-Zentralambulanzen, ein Grund für das gestiegene Patientenaufkommen in Notaufnahmen. Dominik Loth sprach mit Peters über ihre Erfahrungen in den Notaufnahmen der Malteser, zu der das Krankenhaus St. Anna, das Krankenhaus St. Johannes-Stift und das Krefelder St. Josefshospital gehören.

Laut einer Untersuchung kann fast jeder zweite Patient in einer Notaufnahme ebenso gut einen niedergelassenen Arzt aufsuchen. Welche Erfahrungen haben sie gemacht?

Dr. Claudia Peters: Wir führen keine Statistik, schätzen aber den Anteil auf 60 bis 65 Prozent.

Woran liegt das?

Peters: Bequemlichkeit spielt eine große Rolle. Die Menschen glauben, dass sie im Krankenhaus schneller behandelt werden und dass wir zu jeder Tageszeit die maximale Versorgung bieten. Ein anderer Grund ist wohl die Unwissenheit über den Kassenärztlichen Notdienst. Viele kennen die kostenlose Nummer 116 117 nicht oder glauben, sie müssten weit fahren.

Was sind typische Fälle in der Notaufnahme, die keine echten Notfälle darstellen?

Peters: Klassische Fälle sind Rückenschmerzen oder grippale Infekte. Die Menschen sind vorsichtiger geworden. Sie informieren sich mehr und mehr im Internet. Das führt dann häufig zur Verunsicherung. Wir haben auch Patienten, die vergessen haben, ihre Rezepte für Medikamente abzuholen. Die möchten das bei uns nachholen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch immer wieder Fälle, wo wir Patienten fragen: Warum sind Sie nicht schon eher gekommen?

Ist mit dem Patientenaufkommen auch die Belastung für Ärzte und Pfleger gestiegen?

Peters: Die Belastung ist definitiv gestiegen. An jedem Fall hängt schließlich der administrative Aufwand, die Dokumentation ist die gleiche. Manchmal sehen wir den Computer mehr als die Patienten. Außerdem haben wir es häufiger auch mit aggressiven Patienten zu tun, die sich über die Wartezeiten aufregen.

Haben Sie die Möglichkeit, Patienten abzuweisen?

Peters: Nein, das machen wir nicht. Der Slogan der Malteser heißt: „Weil Nähe zählt“. Dafür stehen unsere Ärzte und unser Pflegepersonal ein. Wir helfen jedem Menschen und machen das kompetent und gerne.

Aber was bleibt Ihnen dann, um gegenzusteuern?

Peters: Wir sind gerade dabei, das Manchester-Triage-System einzuführen. Kommt ein Patient in die Notaufnahme, wird er von einer speziell ausgebildeten Krankenschwester ersteingeschätzt. Patienten mit schwerwiegenderen Beschwerden werden eher behandelt, andere müssen warten. Dadurch werden längere Wartezeiten für Patienten nachvollziehbar.

KV Nordrhein: Patienten müssen besser gesteuert werden

Rund eine Million Anrufe pro Jahr nimmt die Telefonzentrale des Notdienstes entgegen. Unter der 116 117 können sich Bürger kostenlos informieren, wo sich die nächste Notdienstpraxis befindet. Dennoch suchen viele Patienten mit Beschwerden lieber ein Krankenhaus auf. Aus Sicht der kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein liegt eine Ursache darin, dass in Duisburg und Umgebung besonders viele Krankenhäuser angesiedelt sind.

Notdienstpraxen können Patienten ohne Voranmeldung am Wochenende, an Feiertagen sowie mittwochs und freitags aufsuchen. Über die 116 117 erfahren Anrufer aus Duisburg zudem, wie sie den ärztlichen Fahrdienst bestellen können, welcher Facharzt Notdienst hat und welche Kindernotdienste erreichbar sind. Außerhalb der Praxiszeiten entfallen nach KV-Angaben auf niedergelassene Ärzte jährlich 1,3 Millionen Behandlungsfälle - gut die Hälfte der Gesamtzahl von 2,7 Millionen.

170 Einrichtungen in Nordrhein

Einen Grund für das hohe Patientenaufkommen in Notaufnahmen sieht die KV in der großen Zahl stationärer Einrichtungen. Mit rund 170 (gesamt NRW: 360) gebe es in Nordrhein so viele wie in den benachbarten Niederlanden zusammen. Dazu kommt: Das nächstgelegene Krankenhaus kenne jeder, die Erreichbarkeit werde besser eingeschätzt - „wobei sich 90 Prozent der Notdienstpraxen in direkter Nähe zu Kliniken befinden - wie in Duisburg“, teilt die KV auf Anfrage mit.

Verbesserung erhofft sich die KV Nordrhein mit einer besseren Patientensteuerung, bei der Patienten in den nötigen Versorgungsbereich gelenkt werden. An vielen Standorten arbeiten Notdienstpraxen und Krankenhäuser bereits zusammen. „Perspektivisch ist der Frage nachzugehen, wie und wo man diese Kooperation sinnvoll weiterentwickeln kann.“ Nach KV-Angaben gebe es seit längerem gemeinsame Ansätze zur Neugestaltung des Notdienstes der KV und der Krankenhausgesellschaft NRW.

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