Arbeitslosigkeit

Hartz-IV-Empfängerin: Nach neun Jahren raus aus der Armut

Über ihren Weg raus aus Hartz-IV hat Birgit Stieler ein Buch geschrieben. Im Gespräch erzählt sie von ihrem Leben in Armut.

Über ihren Weg raus aus Hartz-IV hat Birgit Stieler ein Buch geschrieben. Im Gespräch erzählt sie von ihrem Leben in Armut.

Foto: Tamara Ramos / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Birgit Stieler lebte mit ihren Kindern von Sozialleistungen. So katapultierte sich die 59-Jährige aus der Hartz-IV-Schublade zurück ins Leben.

Sozialschmarotzer, Schnorrer, faule Sau – vielen Hartz-IV-Empfängern wird vorgeworfen, sich in der sozialen Hängematte auszuruhen. Die Duisburgerin Birgit Stieler sagt, sie hatte als Mutter von vier Kindern keine andere Wahl: Neun Jahre lebte sie von Sozialleistungen. Mit mehreren Minijobs zeitgleich hielt sie die Familie über Wasser. „Mit Hartz-IV kann man überleben, aber nicht leben“, sagt Stieler. Mit 59 Jahren ergattert sie eine Festanstellung im öffentlichen Dienst. Über ihren langen Weg raus aus der Armut und zurück in die Gesellschaft:

Die Liste ihrer Aushilfsjobs ist lang. Im ambulanten Notdienst erledigte die Duisburgerin als Alltagsbegleiter für Senioren den Wocheneinkauf. Nachts trug sie die Tageszeitung aus. „Um drei Uhr bin ich aufgestanden“, sagt Stieler. Bevor die Kinder in die Schule mussten, war sie zurück. Tagsüber arbeitete sie in einem Call-Center.

Leben in Armut: „Normalzustand“

200 Euro darf sie als Mutter von vier Kindern neben Hartz-IV hinzuverdienen. Geld, dass der alleinerziehenden Mutter nach der Trennung von ihrem Mann nicht fehlen durften. „Für uns war das Leben in Armut keine Krise, sondern Normalzustand“, sagt die gelernte Rechtsanwaltsgehilfin.

Zweimal pro Woche räumte sie Regale im Supermarkt ein. Ihr Arbeitgeber, ein Subunternehmer, zahlte keinen Mindestlohn. „Der ist heute noch lange nicht überall selbstverständlich“, ärgert sich Stieler. „Mit vielen Tricks wird dieser umgangen. Es ist immer möglich, sich an der Not der Menschen zu bereichern und es gibt leider immer Menschen, die diese Jobs machen.“ So wie die Duisburgerin. Sie brauchte die zusätzlichen Einnahmen neben der Grundsicherung für Arbeitslose. „Wenn ich mehrere Stunden auf dem Boden gekniet und Konserven eingeräumt habe, konnte ich kaum noch kriechen.“

Am Monatsende wird das Geld knapp

Erst im Bett fiel die Last von ihr ab. „Manchmal habe ich geheult, wenn die Kinder geschlafen haben. Ich wollte ihnen vorleben, dass sich Arbeit lohnt.“ Existenzängste plagten die Duisburgerin immer wieder. „Ich habe viel darüber gegrübelt, wie ich alle Rechnungen bezahlt bekomme.“

Gerade am Monatsende wurde das Geld knapp – „dann gab es oft Pellkartoffeln. Kein Fleisch.“ In sämtlichen Lebenslagen musste die Duisburgerin kreativ werden. Einmal im Jahr ging es mit der ganzen Familie ins Kino. „Popcorn und Cola habe ich mit reingeschmuggelt.“ Ansonsten wurden viele Sparaktionen genutzt, mit Coupons ging es etwa einmal in einen Freizeitpark. Auch die Schulmaterialkammer und das Bildungspaket waren wahre Hilfen. „Auf dem Amt sollte man immer viele Fragen stellen und die Hilfen suchen, die es gibt.“

Weihnachten ohne Geschenke?

Denn eines ist der Mutter wichtig: Den Kindern sollte es an Nichts fehlen. Trotz der angespannten finanziellen Lage gab es Taschengeld. „Nicht üppig viel“, aber die Kinder konnten sich so ihre eigenen kleinen Wünsche erfüllen. Weihnachten ohne Geschenke? Für die 59-Jährige undenkbar. „Jedes Kind bekam etwas für 40 Euro von mir. Dafür legte ich schon ab dem Sommer Geld zurück, damit es nachher nicht so ins Gewicht fiel.“

Trotzdem, so sagt sie, mussten die Kids das Verzichten lernen. „Bei Kindergeburtstagen überbieten sich Mütter mit Aktionen ja regelmäßig“, sagt Stieler. Sie selbst kann den Kindern nur ein Picknick im Freien bieten – „sie waren trotzdem zufrieden.“

„Ich konnte es kaum glauben“: Festanstellung mit 59 Jahren

Mit jedem Minijob stieg die Hoffnung auf eine feste Anstellung. „Immer und immer wieder wurde mir versprochen, mich zu übernehmen.“ Geklappt hatte es jedoch neun Jahre nicht. Mit 57 Jahren ist sie dann aber durch einen „glücklichen Zufall“ im öffentlichen Dienst gelandet. Jetzt, zwei Jahre später, ist der Vertrag entfristet.

„Ich konnte es kaum glauben. Es war Glück aber auch Einsatz“, weiß Stieler, und ergänzt: „Man darf niemals aufgeben, auch wenn das leicht gesagt ist.“ Mit ihrer jüngsten Tochter lebt sie in einer kleinen Wohnung in Wanheimerort. Worauf sie besonders stolz ist: „Es sind tolle Kinder geworden. Alle haben einen guten Weg eingeschlagen.“

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben