Interview

Grünen-Chef Banaszak: Wir müssen wieder Antworten geben

Felix Banaszak ist seit Januar Landesvorsitzender von Bündnis 90 - Die Grünen in Nordrhein-Westfalen. Seit 2104 lebt er wieder in Duisburg.

Felix Banaszak ist seit Januar Landesvorsitzender von Bündnis 90 - Die Grünen in Nordrhein-Westfalen. Seit 2104 lebt er wieder in Duisburg.

Foto: Tanja Pickartz

Duisburg.   Der Duisburger Felix Banaszak (28) ist Landessprecher der Grünen. Er machte seine Berufung zum Beruf und will die Partei wieder stark machen.

Der Duisburger Felix Banaszak ist seit Januar Landessprecher der Bündnisgrünen. Er stellte sich den Fragen der Redaktion.

Als Landesvorsitzender der Grünen sind Sie jetzt Berufspolitiker, was ist davon Berufung, was ist Beruf?

Ich sag’s mal so: Politik ist jetzt noch stärker mein Leben. Ich habe die Zeit, den ganzen Tag Politik zu machen und muss mir keine Sorgen machen, wie ich meine Miete bezahle. Es ist formal ein Beruf, aber ich mache Politik aus großem Spaß und Leidenschaft.

Was verdient eigentlich ein Landesvorsitzender der Grünen?

Wir machen unsere Gehälter bewusst auf unserer Homepage bekannt. Wir haben ein Bruttogehalt von 4400 Euro im Monat. Das ist völlig ausreichend, um davon das Leben zu bestreiten.

Landeschef bekommt 4400 Euro

2009 sind Sie Mitglied der Grünen geworden, schon 2012 waren Sie Geschäftsführer der Jugendorganisation, 2013 ihr Vorsitzender. Was ist das? Zielstrebigkeit?

Es gibt bei den Grünen offene Strukturen, die es einem schnell möglich machen, Verantwortung zu übernehmen. Ohne Zielstrebigkeit funktioniert das natürlich nicht.

Am Steinbart-Gymnasium waren Sie schon Schülersprecher. Wurde Ihnen da auch was in die Wiege gelegt?

Ich bin der erste bei uns in der Familie, der sich in einer Partei engagiert. Wir waren aber immer eine diskussionsfreudige, politikinteressierte Familie. Ich war schon immer daran interessiert, wie man in demokratischen Systemen die Stimme von Menschen stärken kann, die erst einmal die schlechteste Position haben und das sind in der Schule nun mal die Schüler. Ich war neben der Schule im Tanzverein, in einem Rock’n’Roll-Club, und dort dann auch im Vorstand. Wenn ich etwas mache, dann zu 100 Prozent. Dann kann ich auch nicht einmal die Woche vorbeischauen und ein bisschen mitmachen.

Sein Herz schlägt links


Amnesty, Attac, Student in Berlin. Sind Sie ein typischer linker Alternativer oder alternativer Linker?

Um es mit verbrauchten Worten zu sagen: Mein Herz schlägt links. Aber was heißt Linkssein heute im 21. Jahrhundert? Ist Links, die Faust zu recken und Klassenkampfparolen auszurufen, oder heißt es nicht, für Minderheitenrechte zu streiten, gegen Ausgrenzung, gegen Diskriminierung. Und was heißt soziale Gerechtigkeit in einem von Strukturwandel geprägten Land, gerade hier in Duisburg? Ich finde die Bezeichnung emanzipatorischer Linke für mich am besten.

Für einen 28-Jährigen ist Politik nicht alles. Was machen Sie sonst mit Menschen in Ihrem Alter?

Ich versuche, wieder mehr Sport zu machen. Ich bin früher Halb-marathon gelaufen. Im Sommer fahre ich viel Rennrad. Ich habe auch noch alte Schulfreundschaften, die ich zum Beispiel im „Gräfen“ im Dellviertel treffe. Das war schon zu Jugendzeiten meine Stammkneipe und ist es geblieben. Ansonsten reise ich gerne, wenn die Zeit es zulässt. Ich lese gerne, gehe mal ins Theater. Ich war früher oft im Filmforum und müsste das wieder mehr machen.

Sozialpolitik ist einer Ihrer Schwerpunkte. Prägt da Duisburg?

Ja, sehr, die eigenen Lebensumstände prägen immer den Blick auf Politik. Ich habe auch in Hochfeld gewohnt und in Meiderich. Ich kenne daher unterschiedliche Duisburger Realitäten. Ich finde es wichtig, dass die Grünen nicht den Blick für das Leben außerhalb des Bio-Supermarktes verlieren. In Duisburg erleben wir einen neuen Strukturwandel, die Schwerindustrie bröckelt weiter. Vieles gerät ins Wanken. Duisburg muss sich wie das ganze Ruhrgebiet mit der Frage beschäftigen, wie Wohlstand erzeugt und verteilt werden kann. Und wie reagieren wir mit unseren Sozialstaatsmodellen darauf? Die Armut nimmt zu. Es wird viel zu wenig getan. Das prägt mich sehr und treibt mich um.

Fehler in der Landespolitik

Kommen wir zur Landespolitik. Die Grünen haben ihren Stimmenanteil bei der letzten Landtagswahl halbiert. Sie sprechen von Fehlern. Welche waren das?

Man hat uns nicht mehr abgenommen, dass wir zu den großen Fragen der Zeit die richtigen Antworten haben. Am Ende war nicht mehr klar, wofür man die Grünen noch braucht. Das zog sich durch alle Politikbereiche. Es gab eine konkrete Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik, das hat unter anderem die Schulpolitik betroffen. Oder die Hygieneampel wurde als Bürokratiemonster wahrgenommen. Wir konnten nicht mehr erklären, wohin sich NRW in den nächsten 10, 15 Jahren entwickeln sollte, damit hier eine neue Zukunftsvision entsteht.

Und was muss nun besser werden, mit Ihnen als Landesvorsitzender? Bei den Inhalten und der Politikvermittlung, die Sie bemängelt haben?

Die Grünen müssen die Partei werden, die in dieser sich rasant verändernden Welt den sozialen Zusammenhalt sicherstellt. Sicherheit im Wandel ist für mich die Formel dazu. Wir müssen es wieder schaffen, frühzeitig gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen zu erkennen und Konzepte dazu zu entwickeln. Wenn wir aus der Braunkohle wollen, müssen wir zum Beispiel auch den sozialverträglichen Ausstiegsplan haben und Perspektiven vorweisen.

Ideen-Labore für alle

Politik muss auch anders vermittelt werden?

Ja. Deshalb machen wir zum Beispiel grüne Ideen-Labore, zu denen wir Menschen einladen, mit uns zu diskutieren. Dabei sehe ich die Partei als atmendes, lernendes System, das auch offen für Ideen von außen ist. Wir entwickeln Formate, mit denen wir mit Menschen ins Gespräch kommen, die nicht in Verbänden organisiert sind. Im Bundestagswahlkampf habe ich eine Veranstaltung gemacht, „Bier mit Banaszak“. Da habe ich mich einen Abend im „Hübi“ in Ruhrort hingesetzt und jeder, der wollte, kam auf ein Bier vorbei, um über Politik zu reden. Da haben mir mehrere Gäste gesagt, dass sie vorher nie auf einer Partei-Veranstaltung waren.

Ihr Amt als Duisburger Grünen-Vorsitzender legen Sie jetzt nieder. Wie steht’s um die Grünen hier? Haben Sie den Aufbruch, den Sie für die Landesgrünen fordern, vor Ort verwirklichen können?

Wir sind insgesamt gut aufgestellt. Wir hatten vor meiner Zeit eine schwierige Phase mit Zerwürfnissen zwischen Partei und Fraktion. Wir sind jetzt geschlossen. Wir haben neue aktive Mitglieder dazugewonnen und eine bessere Verknüpfung in die Zivilgesellschaft geschaffen, unter anderem bei dem Outlet-Bürgerentscheid. Ich glaube, ich übergebe den Kreisverband in einem guten Zustand. Ich freue mich, als aktives Basismitglied weiter dabei zu sein.

ZUR PERSON: FELIX BANASZAK

Felix Banaszak wurde 1989 in Duisburg geboren. Sein Abitur machte er am Steinbart-Gymnasium. Danach zog er für den Zivildienst und das Studium (Sozial- und Kulturanthropologie) nach Berlin. In Berlin trat er beim Bundestagswahlkamp 2009 in die Partei der Grünen ein. Seit 2014 lebt er wieder in Duisburg.

Von 2014 bis 2017 leitete er das Büro der bündnisgrünen Europaabgeordneten Sven Giegold und Terry Reintke. 2016 wurde er zum Duisburger Kreisvorsitzenden gewählt. Bundesweit bekannt wurde Banaszak auch wegen seines Einsatz für die Steinbart-Schülerin Bivsi, die nach Nepal abgeschoben worden war.

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