Zwangs-Ehen

Geraubte Kindheit: Ausstellung in Duisburg über Zwangsehen

"Zwangsheirat in muslimischen Milieus in Deutschland" – die Bilder werden in Marxloh gezeigt.

"Zwangsheirat in muslimischen Milieus in Deutschland" – die Bilder werden in Marxloh gezeigt.

Foto: Morris Willner

Duisburg-Obermarxloh.   Kinder aus dem osttürkischen Van haben gemalt, was sie mit Zwangsehen verbinden. Die verstörenden Bilder werden in Marxloh gezeigt.

Bilder, die niemanden kalt lassen, zeigt die Ausstellung „Mit dem Malstift gegen die geraubte Kindheit“, von Terre des Femmes. Ein jährlicher Malwettbewerb an Schulen im südosttürkischen Van soll in einer Region Öffentlichkeit gegen Zwangs- und Frühehen schaffen, in der 40 Prozent der Mädchen minderjährig verheiratet werden. 20 der besten Kunstwerke aus dem Wettbewerb von Schülerinnen zwischen 13 und 23 Jahren sind nun von den beiden Vereinen Jungs und Mabilda nach Deutschland geholt worden.

Im Jugendzentrum Zitrone verstummte der höfliche Redefluss, sobald sich die Eröffnungsgäste den Bildern zuwandten. Die jungen Männer aus den Heroes-Gruppen, die Sozialarbeiterinnen, die Mädchen mit dem sperrigen Gruppennamen „Grrrls Voice of Heroes“, Jugendamtsleiter Hinrich Köpcke – alle schwiegen beeindruckt und ließen die Bilder einfach nur auf sich wirken.

Eine Braut brennt lichterloh als Kerze

Da brennt eine Braut lichterloh als Kerze und ist schon halb verzehrt, der Vater beugt sich als übermächtig, gierige Gestalt über die puppenkleine Tochter, die sich verzweifelt an ihr Spielzeug klammert, an einer Wand im Hintergrund hängt drohend ein automatisches Gewehr. Aber es werden auch subtilere Formen des Zwangs abgebildet.

Der Vater verspricht seinem Sohn Geschenke, wenn er in eine frühe Ehe einwilligt. Dieses Bild wurde von einem Jungen gemalt. „Viele Jungs sagen zwar, dass sie da nicht mitmachen, aber dann hört man, dass sie doch schon geheiratet haben“, sagt einer der Heroes, die anderen nicken, solche Zermürbungsgeschichten kennen alle.

Mädchen wischt sich schnell die Schminke ab

„Als meine Mutter auf einmal zu mir meinte: „Bring den Kaffee raus, wir haben Gäste“, da habe ich ganz schnell alte Klamotten angezogen und meine Schminke verschmiert, damit die mich nicht hübsch finden“, erzählt eine junge Frau vom Druck, der in vielen Familien herrsche.

Sie sei bis zu der neuen gesetzlichen Handhabe gegen die Verheiratung Minderjähriger von 2017 mit den Beratungskapazitäten oft an den Grenzen des Machbaren gewesen, berichtet Fatma Güler, die Leiterin von Mabilda.

Konsequenzen der Zwangsheirat werden erkannt

Inzwischen spürt sie eine Veränderung: „Die Flüchtlingsfamilien haben Angst bekommen, dass Frühehen ihren Aufenthalt gefährden könnten.“ Ihr Team klärt die Geflüchteten schon in den Integrationskursen über mögliche Konsequenzen der Verheiratung ihrer minderjährigen Kinder auf.

Gute Nachrichten gab es auch für die Heroes. „Die Finanzierung dieses Projektes, das es seit sieben Jahren in Duisburg gibt, stand immer auf der Kippe, nun ist sie durch das NRW-Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration zusammen mit der Stadt für die nächsten drei Jahre gesichert“, freute sich Susanne Reitemeier-Lohaus, die die Heroes damals nach Duisburg holte.

Fachleute gehen von hoher Dunkelziffer aus

Jährlich wenden sich in Deutschland etwa 3000 Mädchen, die von Zwangsheirat bedroht sind, an die Beratungsstellen.

Die Fachleute gehen aber aufgrund ihrer Erfahrungen von einer um ein Vielfaches höheren Dunkelziffer aus.

Vom 10. - 14. November wird die Ausstellung im Jugendzentrum Regionalzentrum Nord, auf der Marienstraße 16a in Marxloh auch öffentlich zu sehen sein.

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