Integration

Geflüchtete Ärzte pauken für den Neustart in Duisburg

Foto: Lars Heidrich

Um hier arbeiten zu können, müssen geflüchtete Ärzte eine schwierige Prüfung bestehen. Dafür bereits sie in Kurs der SfS in Duissern vor.

Delman Hesso ist Neurochirurg. Bis die Bomben auf Aleppo fielen, war er Assistenzarzt in der Uniklinik der syrischen Metropole. Jetzt, ein Jahr nach seiner Flucht, simuliert er auf Deutsch die Diagnose eines Kreuzbandrisses mit Dr. Paul Hajmassy in einem Unterrichtsraum der SfS Schulungsgesellschaft. Die Duisserner Akademie für Sprachtraining hat eine Qualifizierung entwickelt, die im Ruhrgebiet einzigartig ist: „Deutsch für ausländische Ärzte“ bereitet geflüchtete Mediziner gezielt auf die schwierigen Prüfung vor, die Voraussetzung dafür sind, dass die begehrten Fachkräfte möglichst bald in Deutschland beruflich Fuß fassen können. Unterstützt und gefördert wird die Qualifikation vom „Integration Point“ der Agentur für Arbeit.

Maßgeschneidert für Anforderungen

Möglichst schnell sollen hoch qualifizierten Geflüchten und Zuwanderer die Lücken im Medizinbetrieb schließen. Doch in einem Integrationskurs allein lernt niemand medizinische Begriffe für Fachsprachen- und Gleichwertigkeitsprüfungen, die Ärzte bei der Bezirksregierung ablegen müssen, um die ausreichende Qualität ihrer Abschlüsse nachzuweisen. „Eine Menge Bürokratie, aber das muss sein“, sagt Georg Talian, der SfS-Geschäftsführer. „Es geht schließlich um Arbeit am Menschen, die viel Sorgfalt erfordert. Der Arzt muss Patienten und Kollegen verstehen.“

Der Grundgedanke für den achtmonatigen Kurs war ein anderer. „Es macht wenig Sinn, alle durch die gleiche Massen-Maßnahme zu schleusen“, findet Wolf Schneiderheinze, Lehrer und Mitglied der Geschäftsführung von SfS. „Die Frage muss sein: Wer hat welche Ausbildung, was bringt er mit, wie sind hier die Anforderungen?“ Viele Bauingenieure, ausgebildete Pflegekräfte saßen schon in Schneiderheinzes Klassen. „Es macht Sinn, in Anpassungskurse zu investieren“, sagt er.

Die Einsicht, jene Flüchtlinge, deren Asylantrag mit hoher Wahrscheinlichkeit erfolgreich sein wird, schon vor der Bewilligung zu fördern, reifte gleichzeitig auch in der Politik. „Diese Entscheidung fiel e schon 2015“, berichtet Heike Bruckmann von der Agentur für Arbeit. Sie stellt die Bildungsgutscheine aus, Voraussetzung ist die bestandene Sprachprüfung für das Niveau B1. Einige der 18 Teilnehmer, sieben Zahnärzte und elf Humanmediziner, leben in den Nachbarstädten. „Wir haben uns dort bei den Integration-Points bekannt gemacht“, erklärt Georg Talian, „das Angebot hat sich auch bei den Flüchtlingen herumgesprochen.“

Ehemalige Chefärzte lernen Deutsch

Als Dozenten hat die Schule Mediziner gewonnen, wie Dr. Rainer Schwich, den Zahnarzt. „Die Kollegen sind hoch motiviert, ich bin fasziniert“, lobt er. Wie das ist, mit einer Fremdsprache zu arbeiten, kann der Moerser nachvollziehen. „Ich habe im Ausland studiert, auch in Belgien gearbeitet.“ Hervorragend qualifiziert seien seine Schüler, sagt Schwich. Doch auch eine Kieferorthopädin wie Margret Hovhannisyan aus Armenien muss hier lernen, wie sie Behandlungsstrategien diskutiert, wie das Gesundheitssystem funktioniert.

Dr. Paul Hajmassy hat sich aus dem Lehrbuch Fälle herausgesucht, die ihm als Chirurg und Orthopäde besonders liegen. „Es wird jeden Tag besser“, beschreibt er über die Fortschritte. Über Zweifel erhaben sei die fachliche Kompetenz seiner Kollegen, sagt er. „Hier sitzen auch ehemalige Chefärzte.“ Etwa 80 Prozent, schätzt Hajmassy, werden in Krankenhäusern bald eine Stelle finden. Scheitern wird, wer die sprachlichen Defizite nicht ausgleicht. Einen Arztbrief schreiben zu können, das allein reiche nicht. „Das Verhältnis Arzt-Patient ist eine Vertrauenssache“, sagt Hajmassy, „da ist die Sprache entscheidend.“

Im Februar endet der erste Kurs, ein zweiter steht schon vor dem Start. Für Delwan und Jalal, Margret und Mousa soll er Sprungbrett sein für die Fortsetzung ihrer Karriere, die Krieg und Flucht unterbrach. „Wir gehen langsam, aber wir gehen nie zurück“, hat einer von ihnen auf einen Zettel geschrieben. Er hängt jetzt an der Wand. „Ein gutes Motto“, findet Georg Talian.

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