BÜHNE

Freiheitskämpfer für Duisburgs Theater am Marientor gesucht

In der Ruhe liegt die Kraft. Hinter der Bühne bereitet sich Abla Alaoui auf ihr Vorsingen vor.

In der Ruhe liegt die Kraft. Hinter der Bühne bereitet sich Abla Alaoui auf ihr Vorsingen vor.

Foto: Lars Heidrich

Duisburg.   Zwei Tage lang findet im Duisburger Theater am Marientor das finale Vorsingen für das Musical „Wallace“ statt. Besetzt werden müssen 28 Rollen.

Artig stellt er sich vor als er die Bühne im Theater am Marientor betritt, die Bühne, auf der er gerade noch in der Osterzeit als Jesus in Andrew Lloyd Webbers Klassiker „Jesus Christ“ gefeiert wurde. „Guten Tag, meine Name ist Patrick Stanke und ich habe eine Steppnummer vorbereitet, aber meine Steppschuhe leider vergessen.“ Wolfgang DeMarco, künstlerischer Direktor im TaM amüsiert dieser Auftritt sichtlich. „Du kannst auch in Turnschuhen steppen“, beruhigt er den Kandidaten, der in der deutschen Musical-Szene längst zu den großen Namen zählt.

Sätze für die Ewigkeit

Doch zum Steppen ist Stanke ja nicht eingeladen worden. Hören will es ihn, das Kreativ-Team, das DeMarco, Regisseurin Katja Thost-Hauser und die musikalische Leiterin Inga Hilsberg bilden. Aber erst muss der Ton stimmen. „Sag mal was bitte“, fordert DeMarco Stanke auf. Der tut wie ihm geheißen: „Eins, zwei, drei Hallihallo.“ Ton stimmt, kann losgehen. Stanke hebt an: „Mein Leben löscht ihr aus, aber nicht meinen Geist.“ Ein Satz für die Ewigkeit, der nach einer gewichtigen Stimme verlangt. Genau die wird gesucht, bei den Auditions für das Musical „Wallace“, das am 14. November dieses Jahres im TaM Welturaufführung feiern wird.

Bühnenreifer Kuss

Geklärt werden muss aber in diesen beiden arbeitsreichen Tagen nicht nur, wer den Titelhelden – den schottischen Freiheitskämpfer William Wallace, besser bekannt als Braveheart – darstellen wird. Zu besetzten sind 28 Rollen, für die sich 600 Künstler beworben hatten. 50 wurden zum finalen Vorsingen eingeladen. Auch Abla Alaoui ist dabei. Ganz so berühmt wie Stanke ist sie in der Musicalwelt noch nicht, aber auch längst kein unbeschriebenes Blatt mehr.

Nun soll sie als Margarethe ihren Geliebten Wallace im Kerker zur Umkehr bewegen, um sein Leben zu retten. Leider knirscht das Mikro mitten in ihrem Appell „Das ist der Weg“. Also das Ganze noch mal von vorn. Und zur ermunternden Inspiration mimt Stanke stumm auf der Bühne den im Tower von London gefangenen Revoluzzer. Abla Alaoui erfreut die Situation: „Der Patrick Stanke kniet vor mir. Das ist mir neu.“

Was sie noch nicht weiß – später wird er sie auch noch bühnenvollendet küssen. Das Duett „Schenk mir diese Nacht“, mit dem sich Margarete und Wallace ihre Liebe gestehen, ist nicht leicht zu singen. Da kann ein wenig Motivation nicht schaden. Außerdem nutzt Katja Thost-Hauser, die mit DeMarco das Buch für das Wallace-Musical geschrieben hat, die Auditions, um verschiedene Varianten der Szene auszuprobieren.

Stimmgewaltig angeschmachtet

So müssen Hannes Staffler und Femke Soetange, die sich ebenfalls um die beiden Hauptrollen bewerben, erstmal die Selbstgespräche führenden Nachdenklichen geben, bevor sie sich ihre Liebe gestehen. Und Mathias Edenborn fängt sich von seiner Partnerin Dionne Wudu zunächst eine Ohrfeige ein, bevor sie ihn stimmgewaltig anschmachtet. Die Sängerin, die zuletzt ebenfalls bei „Jesus Christ“ als Maria Magdalena brillierte, legt dem Pianisten Achim allerdings stimmlich etwas zu viel Temperament an den Tag. „Den Schluss ein bisschen sanfter, dass es nicht so ein Waldhornding wird“, bittet der Mann am Klavier. Kein Problem für Dionne Wudu. Der zweite Versuch gelingt ihr großartig.

Heftige Nummer

Zwar kein Problem, aber eine echte Herausforderung wittert hingegen Hannes Staffler als DeMarco ihn auffordert: „Hannes, mach noch mal die Nummer ,Die Wahrheit in mir’!“ „Jau“, antwortet der mit schmerzverzogenem Gesicht. „Darf ich vorher noch was trinken. Die Nummer ist nämlich echt heftig.“ Worauf niemand gekommen wäre, der die Bemerkung zuvor nicht gehört hätte. Denn die heftige Nummer präsentiert er höchst leichtzüngig.

Andrea Matthias Pagani entlockt mit seinem Auftritt der Regisseurin sogar ein dickes Lob. „Ich bin glücklich“, meint Katja Thost-Hauser. „Ich aber noch nicht“, schaltet sich Inga Hilsberg ein. „Du liegst immer um ein Viertel im Ton daneben. Bitte noch einmal.“ Nach dem zweiten Vortrag ist auch die musikalische Leiterin richtig zufrieden.

Welturaufführung

Das wird sicher keine leichte Entscheidung für das Kreativ-Team, wer welche Rolle übernehmen soll. Wolfgang DeMarco indes ist begeistert, wie viele namhafte Künstler sich für einen Part in „Wallace“ beworben haben. Schließlich erfüllt sich für ihn mit der Realisierung des Musicals ein Herzenswunsch. Aber vermutlich für die Auserwählten auch, denn wie oft ist es einem Künstler schon vergönnt, bei einer Welturaufführung auf der Bühne zu stehen.

Anne Welte will nochmal zurück ins TaM 

Sie war die erste Madame Thénardier als 1996 das Musical „Les Misérables“ im Duisburger TaM an den Start ging. Ach was, sie war die Madame Thénardier, die zusammen mit Tom Zahner als leichfleddernder, schmieriger Wirt und Göttergatte in den Duisburger Aufführungen von „Les Mis“ Triumphe feierte: Anne Welte.

Nach 23 Jahren ist die Künstlerin nun zurückgekehrt. Vorerst um bei den Auditions für „Wallace“ für die Rolle der Gouvernante oder der Miss Short vorzusingen. „2006 hatte ich für die Rolle der Short schon mal vorgesungen und sie bekommen. Aber das Musical wurde dann doch nicht produziert“, erzählt Anne Welte. Nun hofft die 54-Jährige auf die zweite Chance. Und mit ihr hoffen alle ihre Fans von damals.

Der alte Geist weht noch durchs Haus

Ins TaM zurückzukehren sei für sie „schon schön“, aber es habe auch ein wenig Magendrücken verursacht. „Dieses Theater ist schon was Besonderes und atmet noch den alten Geist von Les Mis, für das es ja gebaut wurde“, sagt Anne Welte. „Als ich durch die Räume und die Flure gegangen bin, hatte ich alles wieder vor Augen.“ Viele Erinnerungen seien in ihr wach geworden. „Les Mis ist einfach ein außergewöhnliches Stück, es schafft ein Gemeinschaftsgefühl wie kein anderes Musical es kann. Wir waren damals ein richtiges Familien-Ensemble“, schwärmt Anne Welte.

Ihre Black Box hinter der Bühne für den schnellen Kostümwechsel hat sie ebenso wiedergefunden, wie ihre alte Garderobe. „Wenn ich die Rolle in Wallace bekomme, hätte ich gerne meine alte Garderobe wieder“, wünscht sich die Künstlerin.

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