Fotokunst-Projekt

Fotograf zeigt Duisburger Straßenmusiker im feinen Zwirn

Der Obdachlose und Straßenmusiker Muffin ist das Model sitzt am Freitag im Duisburger Hof Modell für das Projekt „Kleider machen Leute“ des Fotografen Can Kalvelage aus Essen.

Der Obdachlose und Straßenmusiker Muffin ist das Model sitzt am Freitag im Duisburger Hof Modell für das Projekt „Kleider machen Leute“ des Fotografen Can Kalvelage aus Essen.

Foto: Stephan Eickershoff

Duisburg.   Für ein Fotokunst-Projekt fotografiert Can Kalvelage Straßenmusiker in Schlips und Kragen. Der Erlös einer Ausstellung soll Obdachlosen helfen.

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Vor Muffin liegt eine Einkaufstüte, bedruckt mit Rosenmotiven. Darin verstaut: weißes Hemd, schwarzes Sakko, eine schwarze Hose mit Bügelfalte. „Ich brauch’ doch noch ein Gürtel“, fällt dem Mann, der auf den Duisburger Straßen lebt, ein. Der noch nicht fertig gedrehte Joint bleibt auf der Bank liegen und Muffin stürmt in seiner übergroßen Pluderhose nochmal in den Second-Hand-Shop. Seine Dreadlocks wirbeln beim Sprint.

Muffin, wie der Straßenkünstler sich nennt, zieht gestern zum ersten Mal in seinem Leben einen Anzug an. Der Fotograf Can Kalvelage ist dafür verantwortlich. Das Projekt „Kleider machen Leute“ des 20-Jährigen zeigt Obdachlose oder Menschen von der Straße im Alltag und als Gegensatz in feinem Zwirn. „Vorurteile abbauen und die Motivation steigern, wieder am Berufs- und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“, formuliert der Essener Kalvelage seine Ziele, die er mit der Street-Art-Fotografie erreichen möchte.

Mit Kamera und Klampfe

Für das Business-Outfit ist so gut wie alles beisammen, nur noch schicke Schuhe fehlen, um optisch aus dem Bordstein-Jongleur einen Bankangestellten zu machen. Kalvelage mit seiner Kamera und Muffin mit seinem Zupfinstrument Bağlama auf dem Rücken stehen in der Schuhabteilung des Ladens. „Nee, der drückt“, findet Muffin beim ersten Anprobieren. Wählerisch ist der junge Mann („Ich werde jedes Jahr 18“) aber nicht. „In 43? Wie wärs denn mit dem?“, fragt der Essener Fotograf und hält dem sitzenden Muffin einen dunkelbraunen Lederschuh hin. „Passt perfekt. Heute passt alles perfekt.“

Dabei lief im Leben des Straßenkünstlers keineswegs alles fehlerfrei. „Ich wollte Mamas Bild vom arbeitenden Sohn mit Frau, Kindern und Haus immer entsprechen“, erzählt Muffin. „Aber ich hab’s nicht geschafft, vielleicht auch weil ich es nie wirklich wollte.“

Einnahmen an Obdachlose

Freiwillig kündigte Muffin seinen Job und seine Wohnung, machte mit seiner Freundin Schluss und begann, auf der Straße zu leben. „Ich möchte aber wieder finanziell unabhängiger sein. Aber dann mit dem, was mir am meisten bedeutet – meiner Musik.“ Für Can Kalvelage sollen seine Bilder mehr als Kunst sein. „Es soll eine Ausstellung kommen, wenn ich genug starke Fotos und Porträts habe, aber die Einnahmen sollen komplett an meine Teilnehmer gehen.“ Es ginge ja darum, dass die Leute wieder auf die Füße kommen.

Der Fotokünstler wird dabei von Marian Prill unterstützt, der mit Can „Kleider machen Leute“ verwirklicht hat. Der Organisator von „Schule macht Werbung“ – einem Nachwuchsprojekt für Kreative – hat bereits Kooperationen geplant, wenn die Ausstellung ins Rollen kommt. „Es gibt bereits Firmen, die die Obdachlosen, wenn sie wollen, einstellen. Die Leute, die eine Chance haben möchten wieder auf eigenen Beinen zu stehen, bekommen von uns den nötigen Anschub“, sagt der 36-jährige Werbetexter.

Ginge es nach Kalvelage, könnten die kontrastreichen Bilder bald in Cafés oder Galerien zu sehen sein. „Muffin war aber erst mein zweites Model. Ich brauche noch mehr Motive.“ Für das letzte Foto im Sakko gehen Can und Muffin in einen Konferenzraum im Duisburger Hof. „Die Hose zwickt kaum noch, fast bequem“, findet Muffin und zieht das weiße Hemd glatt.

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