Ukraine

Flucht aus Ukraine: Zirkus in Duisburg nimmt Familien auf

| Lesedauer: 5 Minuten
Varvara, Illia, Yevhen, Alla und Viacheslav (von links) haben gemeinsam mit drei anderen ukrainischen Familien Zuflucht beim Circus Probst in Duisburg gefunden.

Varvara, Illia, Yevhen, Alla und Viacheslav (von links) haben gemeinsam mit drei anderen ukrainischen Familien Zuflucht beim Circus Probst in Duisburg gefunden.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Der Circus Probst hat vier ukrainische Musiker samt ihrer Familien in Duisburg aufgenommen. Die Menschen erzählen grausame Geschichten.

„Bah, Bah“, macht Viacheslav Kravchenko die Sirenen nach, die in seiner ukrainischen Heimatstadt Odessa den Beginn des russischen Angriffskrieges signalisiert haben. Die ersten Tage haben er und seine Familie, Ehefrau Varvara und die Kinder Illia, Yevhen und Alla, im Keller verbracht, „voller Angst, Raketen sind geflogen“, sagt Viacheslav in gebrochenem Englisch. Seine und drei andere ukrainische Familien sind jetzt zum Glück in Sicherheit – beim Circus Probst, der gerade vor der Duisburger Schauinslandreisen-Arena gastiert.

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Wie kam es dazu? Brigitte Probst, Zirkusdirektorin, gute Seele und irgendwie „Mutti“ des Circus Probst, hat die vier Musiker ihres Orchesters samt ihrer Familien aufgenommen, 14 Menschen insgesamt. Auf der Tournee wohnen die Familien, wie der Rest der internationalen Artisten, in ihren Wohnwagen, wenn der Winter kommt, dürfen die Ukrainer im neuen Winterquartier in Goch leben. Beschult werden die Kinder sowieso, Strom und Internet für den Kontakt in die Heimat gibt es auch. „Ein riesiges Dankeschön an Brigitte“, sagt Vlodimir, ein anderer Musiker. „Ihr seid doch Familie“, sagt Brigitte Probst.

So flohen Musiker mit ihren Familien nach Duisburg

Unkompliziert und unbürokratisch also, menschlich vor allem, und sicher. Das Gegenteil davon, was Vichaeslav und seine Familie in den letzten Wochen erlebt haben. Über Warschau, Berlin und Düsseldorf gelangen sie nach Duisburg, alleine vor der Grenze zu Polen warten sie 15 Stunden, insgesamt 20 solcher Grenzposten passieren sie auf ihrer Flucht. Schlimmer noch: „Meine Eltern und Schwiegereltern sind noch in der Ukraine, und mein Bruder“, sagt Viacheslav mit eingefrorener Miene.

Er selbst hat ein sogenanntes „White Ticket“, als Vater von drei Kindern, zwei davon sehr jung, muss er nicht kämpfen, zumindest nicht in der dritten der vier Eskalationsstufen der ukrainischen Regierung. Vor der vierten Stufe, bei der jeder Bürger der fähig ist, eine Waffe tragen muss, ist er in Deutschland sicher. Trotzdem denken sie immer an die Heimat, Sohn Illia trägt eine rote Mohnblume mit ukrainischer Flagge am Hemd. Seit der Invasion der Krim 2014 nutzen Ukrainer dieses Symbol, erzählt Viacheslav, „der rote Mohn steht für das Blut der Gefallenen“.

Wut und Ohnmacht im Angesicht des Krieges

„Ich wünschte, ich könnte noch mehr Leute aufnehmen“, seufzt Brigitte Probst, und man spürt, dass sie das auch so meint, „ich kenne noch so viele Artisten.“ Bald geht es für die 14 Ukrainer zum Amt nach Goch, damit sich alle registrieren können, „aber erstmal wollte ich den Druck rausnehmen“, sagt Probst. Ankommen, schlafen, essen, spielen, zumindest ein bisschen Normalität. Es sei unvorstellbar, sagt sie, was gerade in der Ukraine passiert. Lichttechniker Alex pflichtet ihr bei, er selbst ist Russe, von Putin will er nichts wissen.

Brigitte Probst redet sich in Rage. „Die Menschen in der Ukraine haben sich die Freiheit, die Demokratie doch erarbeitet“, sagt sie, in ihrer Stimme schwingt Wut über die Ohnmacht im Angesicht des Krieges. Was Demokratie und Freiheit bedeuten, hat Probst selbst erlebt, mit ihren Musikern. „Früher, bevor das Land demokratisch wurde, durfte Vlodimir keine Sekunde früher nach Deutschland kommen, als auf seinem Visum stand“, erinnert sie sich. In den vergangenen Jahren aber konnten die Familien der Musiker ihre Schulferien ganz problemlos bei ihren Vätern in Deutschland verbringen. Nur ein kleiner Auszug der Freiheit, die der russische Angriffskrieg gerade in Schutt und Asche legt.

>> IN DEN ZIRKUS GEHEN, UM DEN UKRAINERN ZU HELFEN

  • Spaß macht ein Zirkusbesuch ja schon, jetzt wird er auch noch solidarisch. Ohne die Einnahmen der Vorstellungen wird es schwer für den Circus Probst, die ukrainischen Familien angemessen zu versorgen.
  • Ab Donnerstag, 27. März, und bis Sonntag, 3. April, schlägt der Zirkus seine Zelte auf dem Alfrediplatz vor der Schauinslandreisen-Arena auf. Mehr Informationen zum Programm, Tickets und zum Zirkus selbst gibt es im Internet und circus-probst.de
  • „Surprise“ heißt die neue Show des Circus Probst, „und wir haben wirklich viele Überraschungen in petto“, schmunzelt Brigitte Probst. International ist die Show auch, zum Beispiel mit Artisten aus der Mongolei oder verwegenen Motorradfahrern aus Kolumbien.

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