Dokumentarfilm

Festivalleiter Ruzicka geht in seine letzte Duisburger Filmwoche

„Die Frisur ist mein Markenzeichen“, sagt Werner Ruzicka; ein Friseur in London hat sie ihm verpasst, verriet er im Gespräch.

„Die Frisur ist mein Markenzeichen“, sagt Werner Ruzicka; ein Friseur in London hat sie ihm verpasst, verriet er im Gespräch.

Foto: Stephan Eickershoff

Duisburg.   Mit der 42. Duisburger Filmwoche verabschiedet sich Ruzicka. Er blickt auf über 40 Jahre Festival des deutschsprachigen Dokumentarfilms zurück.

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Mit der 42. Duisburger Filmwoche verabschiedet sich Werner Ruzicka, der das Festival des deutschsprachigen Dokumentarfilms seit 1985 geleitet hat, in den Ruhestand. Der 70-Jährige wurde im Februar mit dem Ehrenpreis der deutschen Filmkritik geehrt. „Als Widerständler gegen die Konsensbildung hat er sich in seiner über 40-jährigen Schaffenszeit dem Dokumentarfilm intellektuell rigoros und leidenschaftlich wie kaum ein anderer verschrieben“, hieß es in der Jury-Begründung. Zum Abschied ein Rückblick auf eine einmalige Filmfestivalzeit.

Wie sind Sie zum Film gekommen?

Werner Ruzicka: Ich habe in Bochum Germanistik studiert und hatte Anfang der 70er Jahre Glück, Filmwissenschaft gab es nicht. Da gab es zum Teil sehr engagierte Lehrer, die neue Ansätze aus Frankreich mitbrachten. Ich beschäftigte mich mit Film-Semiotik, es interessierte mich, den Film als Text zu sehen. Ich habe dann an der VHS Bochum das kommunale Kino aufgebaut.

Wie sind Sie nach Duisburg gekommen?

Auf einem kleinen, sehr wichtigen Umweg. Nach vier Jahren Erwachsenenbildung kamen Filmemacher aus München, wir haben das Ruhrfilmzentrum gegründet. Das war ein Versuch, archivarische Filmarbeit zu machen, das Ruhrgebiet im Wandel zu beschreiben. Dann wurde die Duisburger Filmwoche gegründet, und da war ich ganz schnell in der Kommission.

Wie waren die Anfänge?

Die Gründer waren eine Gruppe von Cineasten, genauer von Cinephilen. Das Ruhrgebiet war ein kleines Zentrum von Filmliebhabern; Hamburg, München, Köln oder Berlin kamen erst später. Hier wollte man eine Art Werkschau machen von den interessantesten Filmen des Jahres. Doch der Dokumentarfilm wurde missachtet. Klaus Wildenhahn wollte dem Fernsehen neue dokumentarische Impulse geben. Den Menschen eine Stimme geben, war das Konzept. Es war ein Aufbruch.

Wie hat sich die Filmwoche verändert, was war das Besondere?

Was in Duisburg gezeigt wurde, war bis dahin ungesehen und ungehört: Wie die Menschen über sich nachdenken. Dann gab es eine neue Phase, die mit Harun Farocki verbunden ist, der Essay-Film. In den 70er Jahren kam die Filmwoche zu sich. Seitdem ist die Filmwoche die Wagenburg für all die Leute, die im Dokumentarfilm die Kunst sehen, die komplexe Welt der Menschen zu zeigen und sie einzubeziehen. Dann entstanden die Filmhochschulen.

Aber leider nicht in Duisburg.

Das ist schade, eine vertane Chance. Damals gab es eine Vakanz, aber kein Interesse.

Wobei die Duisburger nicht gerade in die Filmwoche strömen.

Wir haben es mit Werbung bei Zielgruppen versucht, doch da gab es andere Interessen. Wir haben daraus gelernt, dass man sich nicht anwanzen soll. Etwa ein Drittel der Besucher kommen aus Duisburg und Umgebung, ein Drittel sind Filmemacher, ein Drittel Experten. Duisburg ist ein Muss für Leute, die sich mit Dokumentarfilm und Kunst beschäftigen. Das ist unser Markenzeichen.

Warum werden die Diskussionen über die Filme protokolliert?

Es ist Kult, dass Filmstudenten die Diskussionen aufzeichnen. Daraus ist ein einmaliges Archiv geworden. Künftige Generationen von Filmemachern waren hier, Karrieren wurden begründet.

Wer findet die abstrakten, künstlerischen Mottos?

Ich denke mir was aus und berate das mit der Kommission. Ich möchte ein „Hallo?“ bewirken, einen Anstoß geben. Im letzten Jahr war das „Mittel der Wahl“ – es war das große Wahljahr in den USA, in Frankreich, in Deutschland. Aber es ging auch um die Mittel des Films, die Digitalisierung.

Warum müssen manche Filme vier Stunden dauern?

Sie spielen auf den Film von Kristina Konrad an. Vier Stunden Uruguay – ich hatte auch die ersten 20 Minuten einen Fluchtreflex, dann wollte ich gar nicht mehr raus. Der Film ist wie ein Roman. Es geht um das Ende der Militärdiktatur. Die Menschen sagen: Wir können was entscheiden und wir reden drüber. Es ist ein historischer Moment.

Haben Sie es mal bereut, einen Film gezeigt zu haben?

Ja, das gibt es immer. Bei manchen sieht man die Fehler erst, wenn sie auf die große Leinwand kommen. Es waren pro Jahr nie mehr als ein, zwei Filme.

Sie haben so unendlich viele Filme gesehen, wann wissen Sie, wann ein Film was taugt oder nicht?

Für mich ist ein verbindliches Maß: Nach sieben Minuten muss der Film den Arsch hochkriegen, sonst bringt es nichts. Aber die Kommission wägt ab. Wenn einer sagt weitergucken, dann wird weiter geguckt.

Wie wird Ihr Leben nach der Filmwoche aussehen?

Ich werde meine Jobs an den Filmhochschulen weiter machen, ich berate, vor allem im Dramaturgischen. Und dann vielleicht eine Art Lehrbuch für Dokumentarfilm machen. Aber ich möchte auch weiter denken, weiter nachlesen. Der Mensch ist das Lebewesen, das sich sichtbar gemacht hat. Eine Anthropologie des Sehens. Das ist nicht einfach, wenn man so solitär arbeitet. Aber das ist etwas, wo ich meine Ernte einfahren könnte.

Bewegt Sie die Frage, wer Ihr Nachfolger wird?

Es verbietet sich, dass ich während der Filmwoche darüber nachdenke, was nachher kommt. Es wird seit zwei Jahren über meine Nachfolge geredet. Die Stadt tut sich wahnsinnig schwer. Das ist schade.

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