Vermisst

Familien-Alptraum: Marvin aus Duisburg seit 18 Monaten weg

Stiefvater Michael Bock, Mama Manuela Bock und Patentante Anke Gramer, von links, hoffen weiter, dass Marvin irgendwann nach Hause kommt.

Stiefvater Michael Bock, Mama Manuela Bock und Patentante Anke Gramer, von links, hoffen weiter, dass Marvin irgendwann nach Hause kommt.

Foto: Lars Fröhlich

Duisburg.   Am 11. Juni 2017 gab es das letzte Lebenszeichen. Seither ist Marvin, damals 13 Jahre, wie vom Erdboden verschluckt. Die Familie hofft weiter.

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Vor der Wohnungstür liegt sein Skateboard, als könnte er gleich damit lossausen. Aber ob ihn das überhaupt noch interessieren würde? Hat er schon einen Bart, ist er dick oder dünn, hat er ein pubertäres Pickelgesicht oder lebt er gar nicht mehr? Seit anderthalb Jahren ist Marvin aus Hochfeld verschwunden. Und es dreht sich jeden Tag alles um ihn. Seine Mutter Michaela Bock macht jeden Tag eine Kerze an und geht dann in den sozialen Netzwerken auf die Suche nach ihrem Kind.

In sozialen Netzwerken auch üble Beleidigungen

Hier bekommt sie Unterstützung von anderen, die auch Vermisste suchen. Hier warten aber auch weitere Belastungen: „Üble Beleidigungen von Leuten, die mir schlimme Sachen unterstellen“, erzählt sie. „Das ist ein Alptraum, der nicht aufhört“, beschreibt die 52-Jährige ihr Leben. Noch schrecklicher die Vorstellung, „damit den Rest meines Lebens zuzubringen, das schlägt aufs Gemüt, das schlägt auf die körperliche Gesundheit“. In manchen dieser Träume sieht sie ihren Sohn neben seinem verstorbenen Vater, in anderen in den Fängen böser Menschen, manchmal in der Obdachlosenszene.

Auch die Vorstellung, dass er plötzlich vor der Tür steht, ist ambivalent, in die Erleichterung würde sich womöglich Wut mischen, beschreibt Manuela Bock ihre Gefühlswelt und ringt um Fassung. „Wie soll man einen Jungen erziehen, der lange auf der Straße lebte“, fragt sie - und wünscht sich doch nichts mehr, als solche Probleme anzugehen.

Rückblick: Marvin hatte die letzten Monate vor seinem Verschwinden in einer Jugendeinrichtung in Oer-Erkenschwick verbracht. Der damals 13-Jährige war nach dem Tod seines Vaters außer Rand und Band geraten, zusammen mit dem Jugendamt hatte die Familie die Entscheidung getroffen, dass er außerhalb Duisburgs vielleicht zur Ruhe kommen könnte. Medikamente, eine Behandlung in der Psychiatrie sollten ein übriges tun. Von hier aus schreibt er am 11. Juni 2017 eine letzte Whatsapp-Nachricht, fragt, was es mittags in der Gruppe zu essen geben wird. Und seither ist Stille. „Der fragt doch nicht nach dem Essen, um dann zu verschwinden“, sagt Bock, nicht mal sein Handykabel habe er mitgenommen.

Die Familie hofft und lebt irgendwie weiter

Immer wieder gibt es angebliche Sichtungen, zuletzt von einer Zeugin, die ihn am 8. Oktober in Bonn am Bahnhof gesehen haben will. Nach einem Hin und Her zwischen der Bundespolizei und der Duisburger Behörde sei das aber weiterhin nicht überprüft. Auf die Sachbearbeiterin in Duisburg lässt Manuela Bock nichts kommen, sie sei immer ansprechbar und gehe jedem Hinweis nach. Komisch findet sie auch, dass er nie irgendwo auffiel, als Schwarzfahrer oder Taschendieb, von irgendwas muss er ja leben.

Irgendwie lebt auch die Familie weiter, die jüngere Schwester von Marvin mache sich gut in der Schule, verarbeite ihre Traurigkeit im Umgang mit Pferden, erzählt die Mutter. Im Sommer ist es leichter, „da kann man raus, sich ablenken“, sagt Bock. Der Winter sei hart, Weihnachten ganz schlimm. „Dieses Jahr wollen wir Heiligabend mit Freunden ausgehen und später Himmelslaternen hochschicken mit kleinen Botschaften.“ Und so die Hoffnung aufrecht erhalten.

Polizeistatistik: Im vergangenen Jahr 2010 Vermisstenfälle in Duisburg 

In der Polizeistatistik für 2017 wurden 2010 Vermisstenfälle gezählt , aus denen 1318 Anzeigen folgten - dabei geht es um demente Senioren, die sich verlaufen haben, Kinder, die zu spät von der Schule kommen oder Jugendliche, die in einer anderen Stadt wieder auftauchen, sagt Polizeisprecher Ramon van der Maat. Das zuständige Kommissariat beschäftigt sich auch mit Fällen wie dem voll bepackten Rad im Wald: Aus dem mutmaßlich Vermissten wurde ein Mann, der gesund und munter in China war. Er hatte alles stehen und liegen lassen, um sein Flugzeug zu kriegen.

Jugendliche tauchten wohlbehalten in Amsterdam auf

Aktuell wurden in der letzten Woche zwei Jugendliche aus Duisburg vermisst gemeldet worden. In einem Fall ist eine 15-Jährige mit ihrem gleichaltrigen Freund aus Emmerich abgetaucht. Vier Tage später sind beide wohlbehalten in Amsterdam aufgegriffen worden. Der Fall ging durch die sozialen Netzwerke, Fotos der beiden wurden vielfach geteilt.

Auch ein 17-Jähriger aus Asterlagen wird vermisst. Der junge Mann soll mit einem obdachlosen Mädchen befreundet sein. Beide sind seit Samstag verschwunden. Die Mutter des 17-Jährigen hat keine Anhaltspunkte, wo ihr Sohn sein könnte. Auch in diesem Fall wird auf Facebook mit Fotos gesucht, der Post wurde hundertfach geteilt.

Polizei ist zurückhaltend bei Fotos

Die Polizei Duisburg hat sich in beiden Fällen zunächst gegen eine Öffentlichkeitsfahndung entschieden. „Das ist eine sensible Thematik, wir gehen mit Fotos von Minderjährigen aus gutem Grund sehr vorsichtig um“, erklärt Pressesprecherin Stefanie Bersin. Einmal hochgeladene Bilder seien aus dem weltweiten Netz nicht mehr einzufangen. Deshalb recherchiere die Polizei zunächst im Umfeld des Vermissten. Freunde, Klassenkameraden, Internet-Bekanntschaften werden befragt, mögliche Aufenthaltsorte besucht. Eile sei geboten, wenn es Suizid-Androhungen gebe.

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