Offener Brief und Antwort

Ex-Dozentin kritisiert VHS-Fest: „Reine Männerveranstaltung“

Eine der kritisierten Männerrunden (v.l.) bei den Feierlichkeiten der Volkshochschule Duisburg (v.l.): Politikwissenschaftler Martin Florack, Josip Sosic (VHS-Fachbereichsleiter Öffentlichkeitsarbeit), WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn, VHS-Direktor Volker Heckner und Ulrich Aengenvoort (Direktor Volkshochschul-Verband).

Eine der kritisierten Männerrunden (v.l.) bei den Feierlichkeiten der Volkshochschule Duisburg (v.l.): Politikwissenschaftler Martin Florack, Josip Sosic (VHS-Fachbereichsleiter Öffentlichkeitsarbeit), WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn, VHS-Direktor Volker Heckner und Ulrich Aengenvoort (Direktor Volkshochschul-Verband).

Foto: Tamara Ramos / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Erst mit fast 80 Jahren beendete Doris Segeroth ihre Zeit als Dozentin an der Volkshochschule. Nun kritisiert sie diese in einem Offenen Brief.

Doris Segeroth hat unserer Redaktion einen offenen Brief an den Leiter der Volkshochschule Duisburg, Volker Heckner, geschickt. Darin kritisiert sie, dass bei den Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der VHS Frauen nicht als Rednerinnen oder Diskussionsteilnehmerinnen beteiligt waren. Ihren Brief haben wir der VHS-Leitung vorgelegt. Die Reaktion lesen Sie unter dem Brief in der Antwort des städtischen Kommunikationsamtes.

Offener Brief von Doris Segeroth, Essen, an Volkshochschuldirektor Volker Heckner:

Sehr geehrter Herr Direktor Heckner, ich beziehe mich auf die 100-Jahr-Feier der Volkshochschule Duisburg am 13. September. Ich war von 1982 bis 2017 als Dozentin an Ihrer Volkshochschule mit dem Kurs „Aktuelles Zeitgeschehen, gemeinsam diskutieren“ tätig. Ebenso leitete ich 20 Jahre lang einen Literaturkurs. Mit fast 80 Jahren wurde ich 2017 durch den damaligen Direktor, Herrn Dr. Jahn, verabschiedet. Ich war mit Begeisterung als Dozentin an Ihrer VHS tätig und hatte stets eine große Anmeldezahl von Teilnehmern. Ich wollte, dass eine junge Dozentin oder ein junger Dozent meine interessante Stelle einnahm.

Über Ihre Einladung zum Volkshochschul-Festakt habe ich mich sehr gefreut. Die Einladung sagte mir, dass außer der Moderatorin, Frau Kristina zur Mühlen, keine Frau als Rednerin bzw. politische Frau auf dem Programm war. Ich war erstaunt, glaubte, dass bis zum Fest sicher noch bekannte und für die VHS wichtige Frauen dazu kämen. 2019 ist das Jahr, in dem Frauen vor 100 Jahren das Wahlrecht bekamen, ihr Wort aber schon viel länger von Wichtigkeit und in der Öffentlichkeit ihnen das Recht zur Rede gegeben war. 100 Jahre Volkshochschul-Festakt war eine reine Männerveranstaltung! Frauen kamen nur als Moderatorin und Blumenverteilerinnen vor. An der Wand wurde ständig: „VHS Volkshochschule – 100 Jahre Wissen verteilen“ ausgestrahlt.

Wer bringt das eigene und extra für die Seminare erarbeitete Wissen an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, nur Dozenten oder überwiegend Dozentinnen? Wer arbeitet für 19,50 Euro die Unterrichtsstunde ohne Altersvorsorge? Ich habe es 35 Jahre getan, ohne eine weitere Altersrente dafür zu bekommen. Teilnehmende sind überwiegend Frauen.

In den Ansprachen und in der Talkrunde habe ich gedacht und gehofft, dass Herr Oberbürgermeister Link, Herr Parlamentarischer Staatssekretär Kaiser, Herr Dezernent Thomas Krützberg und auch Sie, als neuer Volkshochschuldirektor, sich der Dozentinnen und Dozenten mit ihren Aufgaben und Sorgen annähmen.

Mindestens 15 Jahre habe ich im Vorstand der VHS mitgearbeitet. Es wäre sicher für viele Gäste des Festaktes interessant gewesen, von den Vorteilen der Mitbestimmung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der Dozentinnen und Dozenten und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der VHS-Kurse zu allen anfallenden Aktionen der VHS zu berichten. Dass diese außergewöhnliche Mitbestimmung an der VHS nur in ganz wenigen Städten Deutschlands stattfindet und auch in Duisburg, wäre eine wichtige Mitteilung gewesen.

Die Podiumsdiskussion „Was die Gesellschaft zusammenhält: Meinungsbildung in Zeiten von Fake News und Filterblasen“ – Gäste: Jörg Schönenborn, Martin Rabanus, Dr. Martin Florack. Die zweite Podiumsdiskussion des 100-jährigen VHS-Festes war auch nur mit Männern bestückt. Seit wann bilden nur die Gedanken der Männer den Zusammenhalt der Gesellschaft? Wären nicht die Gedanken von wenigstens einer Frau zu diesem Thema wichtig gewesen? In der Universitätsstadt Duisburg gäbe es sicherlich geeignete Professorinnen. Die hervorragende Festrede von Herrn Dr. Volker Busch „Baustelle Gehirn – Glück und Gesundheit durch lebenslanges Lernen“ bestätigte, dass Frauen und Männer gleiche Gehirnkonstellationen haben.

Ich habe sehr gern an der VHS Duisburg gearbeitet, vollstes Vertrauen von den verschiedensten Sachgebietsleitern erhalten. Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Das ist mein Wunsch auch für die Zukunft der Volkshochschule Duisburg.“

Das antwortet das Amt für Kommunikation der Stadt Duisburg:

„Die Volkshochschule schätzt Frau Segeroth als langjährige Dozentin der VHS in Duisburg sehr. Über viele Jahre hat sie sich mit großem Engagement als Kursleiterin und Vorstandsmitglied für die VHS eingesetzt. Der von ihr formulierte Vorwurf, dass Frauen in der aktuellen Volkshochschule Duisburg nur eine untergeordnete Rolle spielen würden, können wir allerdings nicht teilen.

Zum Festakt selbst und zur Podiumsdiskussion bei der Langen Nacht haben wir Funktionsträger eingeladen – unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Abstammung, politischer Ausrichtung, Religion oder sexueller Orientierung – so auch die zuständige Kulturministerin Isabel Pfeifer-Poensgen. Dass sich diese durch Ihren Staatssekretär vertreten ließ, ist eine Entscheidung, auf die die VHS schwerlich Einfluss nehmen konnte.

Darüber hinaus ist die VHS Duisburg stolz, dass sie unter allen Volkshochschulen landesweit für die Podiumsdiskussion mit dem WDR-Direktor Jörg Schönborn ausgewählt wurde. Seit vielen Jahren widmet sich die VHS Duisburg inhaltlich dem Thema „Frauen“, so zum Beispiel in Frauengesprächskreisen im Rahmen der politischen Bildung oder mit der aktuellen Vortragsreihe „Spannende Frauen“. Unser Jour Fixe am 10. Oktober widmet sich übrigens dem aktuellen Weltmädchentag mit dem Thema „Mädchen sein Duisburg“.

Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass die Resonanz auf den Festakt und die Lange Nacht bisher sensationell gut war. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die von Frau Segeroth benannten Schwerpunkte für uns keine Bedeutung haben und nicht im Fokus stehen. VHS-Direktor Volker Heckner wird sich dennoch kurzfristig um einen Termin mit Frau Segeroth bemühen, um in einem persönlichen Gespräch zu klären, was an Fragen offen geblieben ist.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben