Integration

Duisburger Telc-Sprachkurs fällt komplett durch die Prüfung

In den Deutsch-Sprachkursen für Geflüchtete und Zuwanderer treffen unterschiedliche Lernkulturen aufeinander.

Foto: Ralf Rottmann

In den Deutsch-Sprachkursen für Geflüchtete und Zuwanderer treffen unterschiedliche Lernkulturen aufeinander. Foto: Ralf Rottmann

Duisburg.   Die 20 Schüler eines B2-Sprachkurses sind geschlossen an der schriftlichen Prüfung gescheitert. Akademie weißt Kritik an der Dozentin zurück.

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Nach dem Integrationskurs sollen Geflüchtete die deutsche B1-Sprachprüfung haben, sich dann in einem 300-stündigen B2-Kurs „sprachlich und fachlich für bestimmte Arbeitsbereiche qualifizieren“. Soweit der Anspruch, den das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) formuliert. Doch oft treffen in der Realität nicht nur fremde Lebenswelten, sondern auch andere Lernkulturen aufeinander. Dennoch gibt es erstaunliche Erfolge aber auch bemerkenswerte Misserfolge wie diese: dass ein kompletter Kurs durch die Prüfung rasselt. Die Geschichte einer schwierigen Ursachenforschung.

Schüler klagen: Keine Reaktion auf Beschwerden

Die Chemie zwischen den 21 Schülern im B2-Kurs ESF 32, zumeist Syrer, und ihrer Lehrerin in der Bildungsakademie Ruhr scheint von Beginn nicht gestimmt zu haben. Schon nach wenigen Tagen gab es die ersten Beschwerden. Das berichtet Saffouf Hassan, der als „Klassensprecher“ auf mehreren Seiten seine Beschwerden und die seiner Mitschüler gesammelt hat und ins Deutsche übersetzen lies. Zusammenfassend lauten die Vorwürfe: Die Lehrerin sei weder didaktisch noch persönlich in der Lage gewesen, den Kurs angemessen auf die Prüfung vorzubereiten. „Sie besitzt keine Erfahrung, um einen solchen Kurs zu leiten“, sagt Saffouf Hassan. Es habe selbst als Lehrer gearbeitet, sagt der Syrer, der zudem beklagt, dass weder die Leitung der Akademie, noch das Jobcenter und das Bundesamt für Migration auf die mehrfach vorgebrachten Beschwerden regagierten.

In den Folgen des Zwists zwischen Klasse und Lehrerin decken sich die Angaben von Schule und Behörden, nicht aber in den Ursachen. „Die Gruppe ist in der schriftlichen Prüfung geschlossen durchgefallen“, bestätigt Lennart Gödde, Projektleiter der Bildungsakademie Ruhr. Zweifel an der Qualifikation der Dozentin dementiert er energisch. „Sie hat Lehramt studiert und ist seit dem Ende ihres Referendariats für uns tätig. Außerdem ist sie zertifizierte B2-Prüferin.“ Einen solchen Kurs habe sie nicht zum ersten Mal geleitet. Gödde: „Bei der Gruppe davor sind nur zwei von 24 Schülern durchgefallen.“ Die Lehrerin habe sich „über das normale Maß hinaus engagiert und dieser Gruppe Angebote zur Unterstützung gemacht, die aber nicht akzeptiert wurden.“ Auch deshalb fühle sie sich von den Vorwürfen persönlich schwer getroffen.

Verhalten nicht akzeptabel

Wie erklärt er sich das schlechte Abschneiden? „Wir machen die Erfahrung, dass auch das Geschlecht eine Rolle spielt“, sagt der Projektleiter. Es gebe Schüler, die akzeptierten keine Frau als Lehrerin, auch ein Lehrer mit türkischen Wurzeln sei – ungeachtet seiner Qualität – zunächst abgelehnt worden. „Das ist ein Verhalten, das wir nicht akzeptieren“, betont Lennart Gödde.

Dass in der Folge des Konflikts mancher nur unregelmäßig den Unterricht besuchte, sei ein weiterer Grund für den Komplett-Durchfall, vermutet Pera Jordeva. „Die Prüfung ist nicht einfach“, sagt die geschäftsführende Gesellschafterin der Bildungsakademie, „Man muss regelmäßig kommen und lernen.“ Die Tücken des schriftlichen Tests würden „vorher erklärt und geübt“. Dazu gehöre etwa das Verfassen eines Briefes, der mindestens 150 Wörter umfassen muss. Auch wer 149 Worte richtig schreibt, fällt durch.

>>>>>> Sprachlehrer berichtet über seine Erfahrungen

„Selten, aber kein Einzelfall“, sagt ein erfahrener Lehrer für Deutsch als Zweitsprache über den komplett durchgefallenen Kurs. Etwa aus Syrien komme „eine ganze neue Art von Lernenden“, hat der Pädagoge selbst erfahren. „Sie haben eine hohe Motivation, sind aber auch sehr fordernd, wenn’s um den Lehrer und den Unterricht geht.“

Das habe mit den Erfahrungen im Herkunftsland und dem Lernverständnis zu tun: „Dort ist offenbar zunächst der Lehrer für den Erfolg seiner Schüler verantwortlich.“ Deshalb stelle er nicht selten eine ganz andere Idee vom Lernen fest: „Dass man Vokabeln lernen und regelmäßig kommen muss, um die Prüfung zu bestehen, ist nicht jedem von Beginn an klar.“

Auch selbst habe er schon Kritik erfahren an der nach Meinung einzelner Schüler zu wenig autoritären Art zu unterrichten: „Sie schreien uns nicht an. Das sind wir aber gewohnt, wir lernen dann besser.“ Den Wunsch habe er zurückweisen müssen: „Das ist so genannte schwarze Pädagogik.“

Allerdings hält der Lehrer auch Kritik an der Telc-Prüfung für durchaus berechtigt. So gebe es manchmal in der Hörverstehen-Aufgabe einen Sprecher mit leicht süddeutschem Akzent. „Das ist dann für Ausländer nicht so leicht zu verstehen.“ Auch sei eine nachträgliche Einsicht in die Korrekturen, die von Telc selbst vorgenommen werden, nicht vorgesehen.

Insgesamt sei der Schwierigkeitsgrad in den B2-Prüfungen in jüngster Zeit gestiegen, findet der Sprachlehrer. „Die Durchfallquoten in den schriftlichen Prüfungen sind zuletzt gestiegen. Nicht nur bei uns, auch bei den anderen.“

>>>Telc: Verbreiteter Sprachtest für Flüchtlinge

Die Abkürzung Telc steht für „The European Language Certificates“ – die europäischen Sprachzertifikate. Die gleichnamige gemeinnützige GmbH mit Sitz in Frankfurt ist eine Tochter des deutschen Volkshochschulverbandes. Sie bietet über 70 Zertifikate zehn Sprachen an.

Die Prüfung mit dem Telc-Sprachtest ist weit verbreitet. In Duisburg bedienen sich alle Anbieter von Sprachkursen dieses Anbieters, obwohl er einer von mehreren ist. Der bekannteste Mitbewerber ist das Goethe-Institut.

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