Fehlersuche

Duisburg: Polizei zieht aus Fall Marvin erste Konsequenzen

In ihrer Wohnung hatte die Mutter des vermissten Marvin eine Erinnerungsstätte für ihren Sohn aufgebaut. Bei der Suche nach dem Jungen hat die Polizei möglicherweise Fehler gemacht.

In ihrer Wohnung hatte die Mutter des vermissten Marvin eine Erinnerungsstätte für ihren Sohn aufgebaut. Bei der Suche nach dem Jungen hat die Polizei möglicherweise Fehler gemacht.

Foto: Lars Fröhlich / FUNKE Foto Services (Archiv)

Duisburg/Bochum/Recklinghausen.  Die Polizei in Duisburg setzt nach dem Fall Marvin bei Vermissten jetzt auf das Vier-Augen-Prinzip. In Recklinghausen ermittelt die „EK Schrank“.

Im Fall des nach zweieinhalb Jahren zufällig wieder gefundenen Marvin läuft die Arbeit der Ermittlungsbehörden auf Hochtouren - und das an zwei verschiedenen Baustellen. Während die Polizei in Recklinghausen die Hintergründe des Verschwindens des Jungen und mögliche Straftaten im Zusammenhang damit zu erhellen versucht, steht beim Präsidium in Duisburg die Suche nach möglichen Fehlern im Fokus. Warum blieb Marvin noch monatelang vermisst, obwohl nach der Ausstrahlung des Falls in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ im Sommer dieses Jahres ein Hinweis auf den Mann einging, bei dem der 15-Jährige am Freitag der vergangenen Woche in einem Schrank entdeckt wurde?

„Wenn ein Fehler passiert ist, dann müssen wir die Ursache dafür feststellen, Konsequenzen ziehen und dafür Sorge tragen, dass das nicht wieder passiert“, stellt die Duisburger Polizeisprecherin Jacqueline Grahl klar, „der Fall hat Priorität bei uns.“ Die Staatsanwaltschaft prüfe nun, ob es strafrechtliche Verstöße bei der Duisburger Polizei gegeben habe. Die Behörde selbst habe bereits „disziplinarrechtliche Vorermittlungen“ eingeleitet, sagt Grahl. Beides stünde allerdings noch ganz am Anfang. Die Akten zu dem Fall gingen nun einerseits an die Staatsanwaltschaft und andererseits auch an die Duisburger Polizei. „Dann werden wir überprüfen, wie und ob es zu vorwerfbaren Versäumnissen gekommen ist“, sagt Grahl.

Polizei Duisburg setzt bei Vermissten-Fällen künftig auf das Vier-Augen-Prinzip

Personelle Konsequenzen wie Ver-, Umsetzungen oder Suspendierungen habe es bislang nicht gegeben. Allerdings hat die Behörde anderweitig reagiert: „Wir setzen bei solchen Fällen künftig auf das Vier-Augen-Prinzip bei Spuren und Hinweisen“, sagt Grahl. Bewertungen einzelner Beamter sollten dadurch in Zukunft auch „gegebenenfalls überdacht und korrigiert“ werden können. Und es gibt noch eine weitere Konsequenz für die Vermissten-Fälle: „Wir werden uns alle offenen Verfahren noch einmal ansehen.“ Die Prüfung auf mögliche Fehler im Fall Marvin werde einige Zeit in Anspruch nehmen. „Aber wir gehen da transparent mit um“, verspricht Grahl.

Der Hinweis auf den Verdächtigen, der nach der „Aktenzeichen XY“-Sendung im Sommer 2019 eingegangen war, bezieht sich nach Polizeiangaben auf einen Zeitpunkt Mitte 2016, wo es einen Kontakt zwischen Marvin und dem Mann gegeben haben könnte. Da war der Junge noch nicht vermisst. In einer Oer-Erkenschwicker Wohngruppe war Marvin seit Anfang 2017 untergebracht, vor dort verschwand er halbes Jahr später. Nähere Angaben zu den Hinweis machte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen zunächst nicht.

In Recklinghausen hat die eigens eingerichtete 18-köpfige Ermittlungskommission „EK Schrank“ auch an den Feiertagen nicht nachgelassen. Zur Frage nach dem aktuellen Stand der Ermittlungen gibt sich die zuständige Bochumer Staatsanwaltschaft weiter bedeckt. Er könne noch nichts Neues mitteilen, sagt deren Sprecher Oberstaatsanwalt Christian Kuhnert: „Wir müssen das einmal komplett durchermittelt bekommen.“

„EK Schrank“ der Polizei Recklinghausen ermittelt auf Hochtouren

„Wasserstandsmeldungen“ werde es seitens der Behörden vorerst nicht geben. Nur soviel: Marvin solle weiter zu den vergangenen zwei Jahren, in denen er bei dem jetzt 44-Jährigen an der Hochstraße in Recklinghausen gelebt haben soll, befragt werden. Auch die Auswertung der umfangreich in der Wohnung gesicherten möglicherweise kinderpornografischen Daten dauere an, sagte Kunert.

Die „EK Schrank“ ist bei ihrer Arbeit auf Spuren, Zeugenbefragungen im Umfeld des Verdächtigen und die Aussage Marvins angewiesen. Der wegen des Verdachts einer schwerwiegenden Sexualstraftat in U-Haft sitzende Mann hat bei den Behörden bislang keine Angaben gemacht. Marvins Mutter postete am Ersten Weihnachtsfeiertag ein Bild auf ihrer Facebook-Seite: „Es gibt auch Menschen, die keine frohen Weihnachten haben, weil ihr Leben gerade nicht froh ist“, schreibt sie, „all denen wünsche ich vom ganzen Herzen, dass sie zur Ruhe kommen und im Inneren ihre wohlwollende Stille finden.“

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