Schallplatte

Duisburg: Neuer Laden „Die Schallplatte“ eröffnet im Februar

Wolfgang Hoffmeister (rechts) übernimmt „Die Schallplatte“ und den Mitarbeiter Rolf Kowalski. „Ich bin auf sein Fachwissen angewiesen“, erklärt der neue Besitzer.

Wolfgang Hoffmeister (rechts) übernimmt „Die Schallplatte“ und den Mitarbeiter Rolf Kowalski. „Ich bin auf sein Fachwissen angewiesen“, erklärt der neue Besitzer.

Foto: Foto: Alexandra Roth / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Nach 65 Jahren schließt das Duisburger Musikgeschäft „Die Schallplatte“. Doch trotz Umsatzeinbrüchen stirbt das Kultgeschäft nicht wirklich.

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„Schüss“ steht auf dem kleinen Flyer, und „war schön“. Schon am Vokabular ist zu erkennen: Das Musikgeschäft „Die Schallplatte“ auf dem Sonnenwall ist ein Duisburger Original. Ab 2020 wird aus diesem „ist“ leider ein „war“, denn nach 65 Jahren schließt der wahrscheinlich beste Plattenladen in und um Duisburg. Seit 2013 führte der Hamburger Thomas Fenn das Geschäft, doch jetzt sind der rückläufige Umsatz und der aussterbende Kundenkreis der Schallplatte über den Kopf gewachsen. Thomas Fenn erinnert sich an die geballte Fachkompetenz im Laden, kritisiert die verrohende Musikkultur und verrät, wieso die Schallplatte eigentlich nicht wirklich schließt.

Die Geschichte der Duisburger Schallplatte begann in den 50ern

Jetzt, wo das Schicksal des Ladens besiegelt ist, wirkt Thomas Fenn gelöst. Im gemütlichen Hinterzimmer auf dem Sonnenwall sitzt er zwischen Bergen von Schallplatten und neben einem Topf mit Glühwein. „Nimm besser zwei Becher, das Zeug ist scheiße heiß“, warnt Fenn eine Kundin. Man merkt: Der Hamburger nimmt kein Blatt vor den Mund, vor allem aber brennt er für das Plattengeschäft.

„Am 18. September 1954 hat Gottfried Haunzwickl den Laden eröffnet, einige unsere Kunden haben damals schon bei ihm gekauft“, erinnert sich Fenn. 1974 übernahm Reiner Seehöfer, ehemals Laufbursche für Haunzwickl, den Laden, nach Seehöfers plötzlichem Tod 2013 übernahm wiederum Thomas Fenn. In Dassendorf bei Hamburg, dort lebt Fenn heute noch, hat der Musikverrückte seit 48 Jahren einen Musikvertrieb und ein Label. „Ich mach das im Prinzip, seit ich aus der Schule raus bin.“

Scheuklappen-Kaufverhalten macht Duisburger Schallplatte zu schaffen

Den Apex-Räuber der Musikindustrie, Spotify, macht Thomas Fenn eher weniger für den Rückgang des Umsatzes verantwortlich. „Das trägt sicher auch dazu bei, aber vor allem kriegen die Leute den Arsch nicht hoch.“ Will heißen, dass die Musik eher am heimischen Rechner erworben wird. „Dabei ist Amazon auch nicht schneller – und erst recht nicht billiger“, ärgert sich der Experte. „Manchmal stehen Leute vor dem Laden und vergleichen auf dem Handy unsere Preise“, seufzt Fenn.

Seine große Liebe zur Schallplatte überlebt auch die Schließung des Ladens. „Hier waren schon ein paar, die irgendwelche Angebote abstauben wollten. Ich verramsche die Musik nicht, da soll denen die Hand abfaulen“, ist Fenn fest entschlossen. Was viele Musikkäufer ebenfalls vergessen, ist die exzellente Beratung im Laden. Mit Rolf Kowalski steht, vor allem im Jazzbereich, ein wandelndes Lexikon hinter der Theke; wer auf der Suche nach einer Platte den Laden betritt, kommt nicht selten mir zehn zusätzlichen, weil verwandten, wieder heraus.

Die Schallplatte ersteht in Duisburg wieder auf

Was bis zum Ende des Jahres nicht verkauft ist, nimmt Thomas Fenn mit nach Hause, nach Dassendorf. Bei aller Liebe zum Geschäft, die Reiserei werde er nicht vermissen. „Ich bin alle 14 Tage hierhin gekommen, ich hab’s an der Lunge, das war anstrengend.“ Dann grinst er: „Allerdings hab ich auch 40 Jahre geraucht, bin ich also selber Schuld.“

Er habe manchmal fast ein schlechtes Gewissen, dass er den Laden schließe, sagt er, beinahe jeden Tag kommen jetzt Duisburger vorbei und berichten von ihrer langen Vergangenheit mit der Schallplatte. „Spaß gemacht hat es mit immer“, meint Fenn.

Zum Abgesang auf das ikonische Duisburger Geschäft hat er noch eine besondere Anekdote zum Thema Fachkompetenz parat. „Ein Kollege von mir hat sich in einem Mediamarkt deren Plattensortiment angeguckt und testweise nach Alben von John Coltrane gefragt. Der Verkäufer hat gesagt: ,Keine Ahnung, gucken sie mal unter K’.“ Das spöttische Lächeln von Thomas Fenn zeigt: Die Entscheidung zu schließen, ist ihm nicht leicht gefallen.

Wolfgang Hoffmeister lässt „Die Schallplatte“ auferstehen

Für alle Kunden, Fans und Wegbegleiter der Schallplatte hat Thomas Fenn noch eine ganz besonders gute Nachricht auf Lager: „Die Schallplatte wird es in Duisburg auch weiterhin geben.“

Im Februar eröffnet ein neues altes Geschäft „Die Schallplatte“ auf dem Pulverweg im Wasserviertel – unter neuer Führung. Der neue Betreiber wird Wolfgang Hoffmeister.

Der Wahl-Duisburger wird auch Koryphäe Rolf Kowalski beschäftigen. Ende des Jahres wird Hoffmeister zunächst die Website schallplatte-duisburg.de und die dazugehörige E-Mail-Adresse info@schallplatte-duisburg.de von Thomas Fenn übernehmen, um die Stammkundschaft auf dem Laufenden zu halten.

Warum Hoffmeister das Risiko eingeht? Er habe ein Ladenlokal, „und die Idee der Schallplatte soll weiterleben“, sagt er. Hoffmeister glaubt daran, dass das klappen kann: „Ich habe schon viele Ideen, möchte zum Beispiel Live-Gigs veranstalten.“ Und möglicherweise sogar das Sortiment „um ausgewählte Genres erweitern“.

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