Weltkriegsbombe

Duisburg: Bombe im Hafen entschärft – keine zweite entdeckt

| Lesedauer: 12 Minuten
Vor der Bombenentschärfung in Duisburg-Ruhrort am Mittwochabend: Sechs Container wurden an der Fundstelle auf der Kohleninsel zum Schutz des Tanklagers aufgebaut und mit rund 60.000 Litern Wasser beschwert.

Vor der Bombenentschärfung in Duisburg-Ruhrort am Mittwochabend: Sechs Container wurden an der Fundstelle auf der Kohleninsel zum Schutz des Tanklagers aufgebaut und mit rund 60.000 Litern Wasser beschwert.

Foto: Stadt Duisburg

Duisburg.  Auf der Kohleninsel im Hafen ist eine Weltkriegsbombe entschärft und dann doch keine zweite entdeckt worden. Tanklager liegt neben Fundstelle.

In Duisburg-Ruhrort ist auf der Kohleninsel am Mittwochmittag eine englische Fünf-Zentner-Bombe mit einem der gefährlichen Säurezünder gefunden worden. Ein weiteres Problem: Der Blindgänger lag in unmittelbarer Nähe eines großen Tanklagers auf der Ölinsel – ein aufwendiger Einsatz für Stadt, Feuerwehr und Kampfmittelbeseitigungsdienst. Entwarnung gab die Einsatzleitung erst nach 22 Uhr:

  • Weltkriegsbombe um etwa 12 Uhr auf Kohleninsel in Ruhrort gefunden
  • Blindgänger im Hafen hatte tückischen Säure- statt Aufschlagzünder
  • In Sicherheitszone (500 Meter um Fundort herum) lag Ölinsel mit Tanklager
  • Betreiber Tanquid stellte Betrieb „weitestgehend ein“
  • Kein Schiffsverkehr mehr rund um Kohleninsel
  • Feuerwehr baute zum Schutz des Tanklagers sechs befüllte Container auf
  • Bombe um 21 Uhr entschärft – Einsatz aber doch noch nicht beendet
  • Der Grund: ein weiterer Bombenverdacht – Sondierungsbohrungen
  • 22.07 Uhr: Endgültige Entwarnung – keine weitere Bombe gefunden
  • Chronik des ungewöhnlichen Großeinsatzes in Duisburg-Ruhrort

Bombenentschärfung im Hafen in Duisburg-Ruhrort bremst Schiffsverkehr

Die Bombe war am Mittwoch um etwa 12 Uhr bei Sondierungsarbeiten auf der Kohleninsel entdeckt worden. Duisport und Partner wollen dort für 100 Millionen Euro das auch wegen der erwarteten Verkehrsströme umstrittene Duisburg Gateway Termin bauen (weitere Artikel zum Thema: am Textende).

In der Evakuierungszone (Umkreis von 250 Meter um den Fundort) und in der Sicherheitszone (500 Meter um den Fundort) (siehe Karte unten) wohnen nach Angaben von Stadtsprecher Sebastian Hiedels keine Menschen. Wie viele Angestellte dort ansässiger Firmen ihre Arbeitsplätze nach dem Bombenfund verlassen mussten, konnte eine Hafensprecherin nicht beantworten. Allerdings waren der Fund und die Entschärfung aus anderen Gründen brenzlig und (zeit)aufwendig:

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Auf einer Seite der Kohleninsel liegt in direkter Nachbarschaft – noch in der Sicherheitszone – die Ölinsel. Dort betreibt die Firma Tanquid ein Tanklager im Duisburger Hafen.

In der Öffentlichkeitsinformation des Störfallbetriebs erläutert Tanquid auf seiner Internetseite: „Das Tanklager dient der Lagerung und dem Umschlag von hoch-/leichtentzündlichen Flüssigkeiten (Benzin, Lösungsmittel), von entzündlichen Flüssigkeiten (Diesel, Heizöl), Flüssiggas und giftigen Stoffen (Methanol, Phenol, Benzol. In 119 Flachbodentanks mit einem Fassungsvermögen je Tank von 50-9300 m³ lagern insgesamt ca. 231.000 Kubikmeter flüssige Produkte. Darüber hinaus lagern in zehn unterirdischen Tanks ca. 20.000 m³ Flüssiggas.

Auf dem Gelände des Störfallbetriebs gelten wegen der grundsätzlichen Explosionsgefahr ohnehin strenge Regeln, und nun lag eine ausgegrabene Fünf-Zentner-Bombe in der Nähe des Geländes, auf dem bis zu 24 Meter hohe Tanks stehen.

Ein weiteres Risiko: Der Blindgänger hatte einen der tückischen Säurezünder, die für Sprengmeister unberechenbarer sind.

Diese chemisch-mechanischen Langzeitzünder sind zudem schwieriger unschädlich zu machen als die häufiger entdeckten Aufschlagzünder. Feuerwerker entschärfen solche Weltkriegsbomben nach Möglichkeit aus sicherer Entfernung ferngesteuert. Blindgänger mit Säurezünder müssen häufiger kontrolliert gesprengt werden. Auch bei der Sprengung eines solchen Blindgängers in Neuenkamp Anfang Juni wurde die Wucht der Detonation mit Containern gedämpft. Ein Bild von damals:

Wir berichten fortlaufend aktuell aus Duisburg:

Weltkriegsbombe im Duisburger Hafen – Container sollen Tanklager schützen

Wir berichteten im Newsblog über den ungewöhnlichen Großeinsatz in Duisburg:

22.07 Uhr: Stadtsprecher Sebastian Hiedels gibt Entwarnung: „Bei den weiteren Sondierungsbohrungen wurde keine weitere Bombe gefunden. Alle Sperren sind aufgehoben. Insgesamt waren rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Feuerwehr, DRK und THW, 24 Beamte der Polizei und Wasserschutzpolizei sowie 40 Kräfte des städtischen Außendienstes vom Bürger- und Ordnungsamt im Einsatz. Zur Entwarnung informiert die Warnapp NINA. Die städtische Sirene ist heute nicht zu hören, da keine Einwohner in dem Bereich wohnen.“

21.06 Uhr: Stadtsprecher Hiedels meldet zwar: „Die englische Fünf-Zentner-Bombe mit einem Säurezünder wurde um 21 Uhr erfolgreich entschärft.“ Aber überraschend teilt er auch mit, dass der Einsatz des Kampfmittelbeseitigungsdienstes damit doch noch nicht beendet ist. Denn die Sprengmeister haben „unter der Fundstelle der Fünf-Zentner-Bombe einen weiteren Verdachtspunkt festgestellt, der überprüft werden muss“. Sofort! Möglicherweise befinde sich in vier, fünf Metern Tiefe eine weitere Weltkriegsbombe.

Zu diesem Verdacht habe eine erneute Betrachtung der Luftbilder (der Alliierten) von der Fundstelle geführt. Das werde nun direkt überprüft, der Kampfmittelbeseitigungsdienst bohrt gewissermaßen nach: „Die Sondierungsbohrungen werden sofort durchgeführt“, so Hiedels.

Die Luftaufklärung der Amerikaner und Engländer hat über Duisburg rund 20.000 Luftbilder gemacht. Während die Alliierten die Luftbilder für die Suche nach neuen Angriffszielen oder dem Grad der Zerstörung nach den Bombenabwürfen benötigten, kann der Kampfmittelbeseitigungsdienst der Bezirksregierung die Aufnahmen heute für die Suche nach Blindgängern nutzen.

20.50 Uhr: Eine Sprengung der Bombe war also trotz des Säurezündern nicht notwendig.

20.47 Uhr: Die Entschärfung hat laut Stadtsprecher Hiedels um 20.45 Uhr begonnen.

20.37 Uhr: Stadtsprecher Hiedels meldet einen ersten Vollzug: Die sechs Container seien nun mit rund 60.000 Litern Wasser befüllt und zum Schutz der Ölinsel aufgestellt worden. „Der Kampfmittelräumdienst beginnt jetzt unmittelbar mit den finalen Vorbereitungen zur Entschärfung bzw. der möglichen Sprengung der Fünf-Zentner-Bombe mit einem Säurezünder in Ruhrort.“

20.06 Uhr: In Ruhrort weiterhin nichts Neues: Da die Container noch nicht fertig befüllt sind und die Fundstelle darum noch nicht abgesichert ist, kann Sprengmeister Frank Stommel den Säurezünder an der Bombe noch immer nicht so begutachten, dass er eine Entscheidung fällen kann.

Das hier sind Frank Stommel (rechts im Bild) und sein Team übrigens. Das Archivbild zeigt sie nach einem Einsatz in Essen am 9. Juni 2020:

19.15 Uhr: Stadtsprecher Sebastian Hiedels kann nun Genaueres zur Befüllung der sechs Container berichten: Die Einsatzkräfte stabilisieren die Container nicht mit Sand, sondern mit Wasser – mit Wassertanks: „Diese enthalten insgesamt 60.000 Liter Wasser.“ Dazu werden sogenannte „Intermediate Bulk Container“, IBC-Tanks, in den Überseecontainern platziert. Feuerwehr und THW haben jedoch auch mehrere Lkw-Ladungen Sand zur Absicherung organisiert.

19 Uhr: Der Blindgänger war übrigens, anders als zunächst berichtet, nicht bei Bauarbeiten entdeckt worden, sondern bei den vorgeschriebenen Sondierungsarbeiten, bei denen meist Fachfirmen und der Kampfmittelbeseitigungsdienst Baugrundstücke nach Sprengstoff absuchen. Dabei waren die Experten laut Stadtsprecher Hiedels gegen 12 Uhr auf die britische Weltkriegsbombe gestoßen.

Tanquid stellt Betrieb des Tankzentrums „weitestgehend ein“

17.45 Uhr: Betreiber Tanquid hat den Betrieb des Tanklagers nach eigenen Angaben „weitestgehend eingestellt“. Das Unternehmen teilt weiter mit, es habe seine Mitarbeiter „aus den Außenbereichen in gesicherte Gebäudebereiche gezogen“. Im unmittelbaren Schutzbereich im Umkreis von 250 Metern, in der Evakuierungszone also, liege ein „Schiffsteiger, in dem jedoch keine Produkte gelagert werden. Schiffe zum Umschlag haben das Hafenbecken bereits verlassen.“ Tanquid bestätigt zudem, dass sich Teile seiner Anlagen in der Sicherheitszone befinden, „im erweiterten Schutzbereich“. Das Unternehmen stehe „im engen Austausch mit den lokalen Ansprechpartnern“, endet die Pressemitteilung.

17.30 Uhr: In Ruhrort und rund um den Hafen staut sich der Verkehr. Der Karl-Lehr-Brückenzug (Ruhrorter Straße) ist in beiden Fahrtrichtungen weiterhin befahrbar und liegt auch außerhalb von Evakuierungs- und Sicherheitszone.

17.15 Uhr: Die Feuerwehr wird wie erwartet noch Zeit benötigen, um die Überseecontainer mit Sand zu füllen. Erst wenn diese Sicherheitsmauer so stabil steht, dass sie auch einer Druckwelle standhalten könnte, wird Feuerwerker Frank Stommel sich den Säurezünder genau anschauen und entscheiden, ob die Weltkriegsbombe gesprengt werden muss oder ohne großen Knall entschärft werden kann.

Als die britische Armee an zwei Tagen 9000 Tonnen Bomben auf Duisburg abwarf

Solch eine Bombenentschärfung ist immer auch ein Anlass für einen Blick zurück in die Zeit, als die britische Fliegerbombe abgeworfen wurde: Am 14. und 15. Oktober 1944 warf die Royal Air Force bei drei Angriffen auf Duisburg 9000 Tonnen Bomben ab. 3500 Menschen wurden getötet. Bilder von Duisburg in Trümmern: