Jahresrückblick

Das war mein Jahr 2017: Vier Persönlichkeiten ziehen Bilanz

Bei der Demonstration "Wir wollen Bivsi Zurück" zogen hunderte Demonstranten am Montag den 12.06.2017 vom Steinbart-Gymnasium zum Rathaus in Duisburg. Obwohl die 14-jähige Duisburgerin Bivsi in Deutschland geboren wurde, wurde sie zusammen mit ihren Eltern nach Nepal abgeschoben.

Foto: Lars Heidrich

Bei der Demonstration "Wir wollen Bivsi Zurück" zogen hunderte Demonstranten am Montag den 12.06.2017 vom Steinbart-Gymnasium zum Rathaus in Duisburg. Obwohl die 14-jähige Duisburgerin Bivsi in Deutschland geboren wurde, wurde sie zusammen mit ihren Eltern nach Nepal abgeschoben. Foto: Lars Heidrich

Duisburg   Wie war das Jahr: Sarah Habibi, Gerhard Meyer, Saad Mahmood und Dzenan Kurspahic geben Antworten zu ausgewählten Themen des Jahren.

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Nicht bei allen Themen war den Duisburgern 2017 zum Lachen zu Mute. Dies werden die Stahlarbeiter von Thyssen-Krupp bestätigen können. Wir haben bei Dzenan Kurspahic, dem Referent des Thyssen-Krupp-Betriebsrates, Sarah Habibi, der ehemaligen Schülersprecherin vom „Steinbart“, dem ehemaligen OB-Kandidaten Gerhard Meyer und Saad Mahmood, einem Flüchtling aus dem Irak gefragt, welche Bilanz sie für das Jahr 2017 ziehen.

Schülersprecherin organisierte der Protest mit

Am 29. Mai änderte sich das Leben von Bivsi Rana und ihren Mitschülern schlagartig. Die Steinbart-Gymnasiastin, die in Deutschland geboren wurde und aufgewachsen ist, wurde aus dem Unterricht geholt und nach Nepal abgeschoben. Ihre Klassenkameraden waren traurig, verdattert und empört. Sarah Habibi, im vergangenen Schuljahr Schülersprecherin am „Steinbart“, erfuhr in einer Pause, was geschehen war. „Das hat mich ziemlich mitgenommen und mein erster Impuls war: Da ist bestimmt etwas schiefgelaufen“, blickt die 17-Jährige zurück. Für sie war es ein „aufregendes“ Jahr. Schnell war klar: Nachdem die Jugendlichen mit ihren Eltern gesprochen hatten, wollten sie etwas unternehmen und dafür sorgen, dass Bivsi zurück kommen kann. „Wir sind innerhalb der Schulgemeinschaft total zusammen gerückt.“

Sarah Habibi fühlte sich als Schülersprecherin verantwortlich, etwas zu organisieren. Eine Demo sollte den Politikern und den Mitarbeitern im Rathaus klar machen, dass sie eine falsche Entscheidung getroffen haben. „Ich wusste gar nicht, wie man eine Demo beantragt. Bisher hatten wir ja nur kleinere Aktionen organisiert, zum Beispiel den Verkauf von Schoko-Nikoläusen in der Vorweihnachtszeit“, sagt die Zwölftklässlerin lächelnd. Zum Glück stand ihr Felix Banaszak, ehemaliger Schülersprecher und inzwischen engagierter Politiker bei Bündnis 90/Die Grünen zur Seite. Er erklärte, was man alles ausfüllen muss. „Ich bin dann zur Polizei gegangen, habe unser Anliegen vorgetragen. Für die war das ganz normal und die waren sehr freundlich.“

Zu Gast im Petitionsausschuss

Zusätzlich prasselten sämtliche Presseanfragen auf sie ein. „Am Anfang wusste ich gar nicht, was ich sagen sollte, aber im Laufe der Zeit, habe ich immer mehr einen Überblick bekommen. Aber zwischendurch musste ich ja auch noch die eine oder andere Prüfung schreiben. Ich mache nächstes Jahr Abitur.“ Mit anderen Schülern und immer wieder auch mit engagierten Eltern teilt sie sich die Aufgaben. Gemeinsam mit dem Schulpflegschaftsvorsitzenden Stephan Kube fuhr sie zum NRW-Petitionsausschuss. Sarah Habibi hatte zwar mal ein Praktikum im Büro von Sarah Philipp gemacht, aber wie der Petitionsausschuss arbeitet, war für sie neu. Nach der Entscheidung, die positiv für Bivsi und ihre Familie ausgegangen ist, rief sie in Nepal an. Es war das erste Mal, dass die beiden direkten Kontakt hatten. Ein emotionaler Augenblick für beide. Anfang August landete Bivsi wieder in Düsseldorf. Sarah Habibi und ein Empfangskomitee waren vor Ort.

Inzwischen ist Ruhe eingekehrt am „Steinbart“. Bivsi Rana besucht die Oberstufe und möchte in Ruhe gelassen werden. „Es ist wieder alles normal, das ist auch gut so“, findet Sarah Habibi. Sie konzentriert sich jetzt aufs Abi. Zu ihren Fächern gehören unter anderem Bio, Englisch und Sozialwissenschaften. Fürs Leben hat sie schon gelernt: „Politiker sind auch nur Menschen, die Fehler machen können.“

OB-Wahl-Verlierer Meyer ist mit sich im Reinen 

Knapp drei Monate nach der verlorenen OB-Wahl wirkt Gerhard Meyer entspannt. Der Parteilose ist für die CDU, Bündnis 90/Die Grünen, Bürgerlich Liberalen und Junges Duisburg ins Rennen gegangen und wollte am 24. September Sören Link als Oberbürgermeister ablösen. Am Wahltag erhielt Meyer allerdings nur 25,6 Prozent der Stimmen, Link lag mit 56,9 Prozent klar vorn. Dennoch ist Meyer mit sich im Reinen.

Die Wahl kam für viele überraschend – eigentlich wäre Link noch bis 2018 im Amt gewesen. Doch der verkündete, dass er die Oberbürgermeister-Wahl auf den gleichen Tag wie die Bundestagswahl legen wolle. Der 24. September wurde schließlich zum Superwahltag in Duisburg. Die Wähler entschieden nicht nur, wer die politischen Spitzenämter in Berlin und Duisburg erhält, sondern auch, ob in Duisburg ein neues Outlet-Center gebaut wird. Für Meyer eine schwierige Frage, da sich seine Unterstützer-Parteien CDU und Grüne selbst nicht einig waren. Meyer positionierte sich gegen den Standort am Hauptbahnhof, aber nicht komplett gegen ein Outlet. Er favorisierte die Altstadt dafür – Geschichte: Die Gegner setzten sich mit einer hauchdünnen Mehrheit durch. Und auch Meyer ist, bis auf einigen vergessenen Wahlplakaten im Norden der Stadt, nicht mehr in der Duisburger Politik aufgetaucht.

„Ich habe mich natürlich vorher beraten lassen, und es war klar, dass es schwer sein würde, gegen einen amtierenden Oberbürgermeister anzutreten, der in der Stadt bekannt ist.“ Als Zielmarke hatte er die Stichwahl ausgegeben. Doch auch die kam nicht zustande. Dennoch ist er als Quereinsteiger in die Kommunalpolitik mit den Ergebnissen zufrieden. „Wenn man sich anschaut, dass Thomas Wolters und Erkan Kocalar, die beide schon länger dabei sind, nur jeweils um die fünf Prozent bekommen haben, dann ist mein Ergebnis gar nicht so schlecht.“ Und in einigen Stadtteilen habe er sogar über 30 Prozent der Stimmen erhalten.

Als Betriebsrat sei er Wahlkämpfe in kleinerem Stil bereits gewohnt gewesen. Um auf kommunalpolitischer Ebene zu punkten, habe er sich in kurzer Zeit in viele Themenfelder eingearbeitet. „Besonders spannend war es, mit so vielen Menschen in Kontakt zu kommen. Ich habe von vielen Seiten Zuspruch erhalten“, blickt der 57-Jährige zurück. Auch der Umgang mit den Medien und die zahlreichen Interviews seien etwas, „was man ja nicht alle Tage hat“. Er möchte die Erfahrung nicht missen.

Gerhard Meyer schließt außerdem nicht komplett aus, wieder in die Politik zurück zu kehren. „Allerdings wohne ich ja in Düsseldorf, fühle mich dort wohl und sehe derzeit keinen Grund nach Duisburg zu ziehen.“ In der Kommunalpolitik wird es auf Parteiebene wohl vorerst kein Engagement geben.

Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze bei Thyssen Krupp 

Seitdem klar ist, dass Thyssen-Krupp Steel mit Tata Steel, dem zweitgrößten Stahlproduzenten Europas, fusionieren will, geht die Angst in Hamborn und Hüttenheim um. Bis zu 2000 Arbeitsplätze könnten an verschiedenen Standorten in Deutschland wegfallen. Einen Einschnitt wird die Fusion auch für Duisburg bedeuten – denn nicht hier, sondern in Amsterdam soll der Firmensitz von „Thyssen-Krupp Tata Steel“ sein. Aus Protest gegen diese Entscheidung und die Fusion als Ganzes gingen im September Tausende Stahlarbeiter auf die Straße. Zudem sind 50 Busse aus Duisburg zu einem gemeinsamen Protest nach Bochum gefahren, um dort für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu demonstrieren.

Tausende Stahlarbeiter demonstrieren in Bochum

Tausende Stahlarbeiter demonstrieren Freitagvormittag in Bochum gegen die Fusionspläne von Thyssen-Krupp mit dem indischen Stahl-Konzern Tata.
Tausende Stahlarbeiter demonstrieren in Bochum

„Anfangs klang es ja noch ganz und plausibel, was die Konzernspitze zur Fusion vorgetragen hat. Bei näherem Hinsehen haben wir germerkt, dass das nur die halbe Wahrheit ist“, erklärt Dzenan Kurspahic. Er ist Referent des Betriebsrates in Duisburg und hat den Protest gemeinsam mit seinen Kollegen organisiert. „Wir mussten erst einmal die Knackpunkte herausarbeiten und die Mitarbeiter dafür sensibilisieren“, erklärt Kurspahic. Sein Vater hat früher für Thyssen-Krupp gearbeitet. „Er hat von den Jahren geschwärmt. Das war eine gute Zeit.“ Kurspahic indes hat Politikwissenschaften studiert und als Mitarbeiter eines ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten gelernt, wie man Kampagnen auf die Beine stellt. Dieses Wissen konnte er nun gut gebrauchen.

„Die Verunsicherung war groß“, blickt Kurspahic zurück. Umso erleichterter waren er und die anderen, als kurz vor Weihnachten eine Einigung erzielt wurde. Es soll eine Jobgarantie bis 2026 geben. Zudem wurden Investitionen in Höhe von 14,5 Millionen Euro bei TKS-Süd vereinbart. Das Geld soll in eine neue Richtmaschine und in eine Krananlage fließen. „Stahl hat Zukunft. Davon sind wir überzeugt und das ist immer unser Slogan gewesen. Er wurde vom Konzern zweckentfremdet.“ Kuspahic will sich weiter ins Zeug legen.

Vom Asyl-Heim in die eigene Wohnung 

Für Saad Mahmood war es ein ereignisreiches Jahr. Der 31-Jährige ist von der Asylbewerber-Unterkunft an der Memelstraße in seine eigene Wohnung gezogen. Er hat zunächst einen Lehrgang vom Bildungszentrum des Handwerks begonnen und macht inzwischen eine Ausbildung in einer Walsumer Werkstatt. Nur sein größter Wunsch erfüllte sich nicht: Mahmood steht unter so genanntem subsidiärem Schutz. Dieser wird allen Flüchtlingen gewährt, wenn in der Heimat, unter anderem in Syrien, ernsthafter Schaden droht. Drei Jahre hat Saad Mahmood nun eine sichere Bleibe in Deutschland. Die Familien darf in dieser Zeit nicht nachkommen.

Flüchtlingszahlen gehen zurück

Mahmood war Geschäftsmann in Mossul im Irak, ist früher einmal entführt worden und vor dem „Islamischen Staat“ geflohen. Seine Frau, die kleine Tochter und das Geschäft musste er zurücklassen. „Zwei Jahre ist eine lange Zeit, wir halten Kontakt per Handy und Internet, aber ich würde sie wirklich gerne wieder sehen. Es ist schwer ohne sie“, erklärt er. Dabei tut er alles, um sich zu integrieren. Er spricht passabel Deutsch. Die Fachvokabeln für die Berufsschule paukt seine Vermieterin Jessica Dalg mit ihm. Sie gibt Deutschkurse für Flüchtlinge. Manches ist aber auch für sie eine harte Nuss. „Wie übersetzt man zum Beispiel die Vokabel Privatinsolvenz?“ Das Wort „Expansionspläne“ hat sie mit Hilfe von kleinen Autos erklärt, die sie dazu stellte. Jessica Dalg glaubt, dass sich ihre Arbeit und die der Flüchtlingshilfe Neudorf in Zukunft verändern wird. „Viele Menschen, die wir in der Vergangenheit betreut haben, sind in andere Heime gezogen. Stattdessen sind jetzt an der Memelstraße Personen eingezogen, die von dort in eine Wohnung vermittelt werden. Die brauchen natürlich kaum noch Deutschkurse.“

1401 Flüchtlinge sind 2017 nach Duisburg gekommen, teilt die Stadt mit. 49 davon im November. Zum Vergleich: Ein Jahr zuvor waren es manchmal täglich 49, 4288 Flüchtlinge kamen im gesamten Jahr. „Aufgrund der bundesweit zurückgegangenen Zahlen geht es überwiegend um die Zusammenführung von Familien“, erklärt ein Stadtsprecher. Damit sind nur Familien gemeint, die bisher in unterschiedlichen Städten untergebracht waren.

Saad Mahmood und Jessica Dalg hoffen indes auf die Koalitionsverhandlungen – und dass sich die SPD durchsetzt. Dann besteht vielleicht Hoffnung, dass die Familie Mahmood bald wieder vereint ist.

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