Klavier-Festival Ruhr

Das Debüt des Amerikaners Jeremy Denk wird zum Triumph

Das Publikum in der Gebläsehalle feiert den Pianisten mit seinem ungewöhnlichen Programm im Zeichen des Tanzes mit einem Jubelsturm.

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Mit einem höchst ungewöhnlichen Programm debütierte jetzt der US-amerikanische Pianist Jeremy Denk beim Klavier-Festival Ruhr. Von Bach und Schubert umrahmt, gab es einen wilden Ritt durch die Geschichte des Ragtime. Das Konzert in der Gebläsehalle des Landschaftsparks geriet zu einem wahren Triumph für den Künstler.

Der amerikanische Ragtime steht im Zentrum des Abends, doch zur Eröffnung spielt Denk Tanzmusik von Bach. In der Englischen Suite Nr. 3 zeigt der Pianist gleich, wie viel rhythmischer Pfiff in ihm steckt, wenn er aus den dichten kontrapunktischen Feldern einzelne Melodien heraushebt und gegeneinander setzt. In ruhigen Sätzen wie der Sarabande macht Denk aus Bach fast einen romantischen Schwärmer.

Vor der gut halbstündigen Ragtime-Folge erläutert Denk, dass es ihm um die „Erforschung des Witzes und der Synkope“ gehe. Der eröffnende „Sunflower Slow Drag“ von Scott Hayden und Scott Joplin wird flott und griffig musiziert.

Die folgende „Piano-Rag-Music“ von Igor Strawinsky ist schon eine radikale Ragtime-Dekonstruktion, die mit robuster Rhythmik gespielt wird. „The Passings Mesures“ des Shakespeare-Zeitgenossen William Byrd beginnt Denk lyrisch, macht aus der Pavane aber einen Renaissance-Rag, den er mit viel Energie in den Steinway-Flügel schlägt. Ein Wirbelwind ist der Ragtime von Paul Hindemith, bevor der „Graceful Ghost Rag“ von William Bolcom sanft daher kommt.

Geradezu ein Schock ist die Gigue von Mozart, deren Akzente und Phrasierungen so radikal gespielt werden, dass man Mozart kaum wiedererkennt. Da merkt man, dass Jeremy Denk nicht bloß musiziert, sondern auch interpretiert. Und dabei Mozart in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt.

Vollkommen irrwitzig und fast unspielbar ist der Canon No. 1 von Conlon Nancarrow, bei dem beide Hände in verschiedenen Tempi spielen. Der Pianist meistert auch diese Hürde, bevor er mit Donald Lamberts jazziger Bearbeitung des Pilgerchores aus Wagners „Tannhäuser“ seine Ragtime-Lektion beendet. Mit Jubelsturm und Trampelorkan wird er vom Publikum gefeiert.

Danach folgt mit Franz Schuberts Sonate Nr. 21 noch ein gewichtiges Werk der Klaviergeschichte. Denk lässt Schuberts lyrische Melodien wie ein Flehen um Erlösung klingen. Großartig, wie er immer wieder unterschiedlichste Farbakzente setzt, diese vielen Wechsel aber gleichzeitig mit einer bestechenden Traumlogik ineinander fließen lässt.

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