Schwerer Schaden

Brand über Kultkneipe „Bolleke“: Polizei sucht nach Ursache

Brandermittler der Polizei haben in dem ausgebrannten Gebäude am Obermeidericher Bahnhof ihre Arbeit aufgenommen. Mit einem schnellen Ergebnis ist wohl nicht zu rechnen.

Brandermittler der Polizei haben in dem ausgebrannten Gebäude am Obermeidericher Bahnhof ihre Arbeit aufgenommen. Mit einem schnellen Ergebnis ist wohl nicht zu rechnen.

Foto: Gerd Wallhorn

Duisburg/Oberhausen.   Dachgeschoss und erste Etage sind bei dem Brand völlig zerstört worden. Es spielten sich dramatische Szenen ab. Die Kneipe bleibt erstmal dicht.

Als am Mittag an Allerheiligen der Feuerwehr-Einsatz an der Kultkneipe „Bolleke“ noch in vollem Gange ist, säumen zahlreiche Schaulustige die gegenüberliegende Straßenseite. Passanten, Nachbarn und Stammgäste schauen zu, wie die Einsatzkräfte über eine Drehleiter letzte Brandnester im völlig zerstörten Dachgeschoss bekämpfen. Auf der abgesperrten Obermeidericher Straße nahe der Stadtgrenze zu Oberhausen liegt ein dicker Schaumteppich.

Am frühen Morgen müssen sich hier dramatische Szenen abgespielt haben. Das berichtet Isabella Blachut, die die Kneipe mit ihrem Lebensgefährten André Grühn betreibt: Nach der Halloween-Party am Vorabend hatte das Team noch im "Bolleke" gewartet, bis der Bäcker nebenan aufmacht. Dann sei einer der Bewohner des Hauses aus dem ersten Stock gekommen, habe "Feuer, Feuer" gerufen. "In der Kneipe haben wir davon nichts bemerkt", sagt Blachut. Sie schlagen Alarm, unternehmen eigene Löschversuche, wecken die Bewohner der insgesamt sechs Wohnungen über dem "Bolleke". Einige von ihnen hätten sich über ein Vordach der Küche ins Freie retten können, sagt die Gastronomin.

Von den Flammen auf dem Dach eingeschlossen

Ihre in einer Wohnung im zweiten Stock wohnende Schwester aber ist gefangen. Eingeschlossen von den Flammen. Schließlich flüchtet sich die 26-Jährige aufs Dach: "Sie stand mit den Füßen in der Regenrinne und hat sich an den Dachziegeln festgehalten", erinnert sich die ältere Schwester, die unten auf der Straße bangt: "Es war wie im Horror-Film." Eine gefühlte Ewigkeit klammert sich die jüngere Schwester fest, dann rettet sie die Feuerwehr mit einer Drehleiter. Kaum ist das geschehen, bricht das Rest-Dach ein. Als die 26-Jährige am Boden ist, erschrickt Ballut: "Die war komplett schwarz." Ihre Schwester kommt in eine Spezialklinik und dort auf eine Intensivstation. "Aber sie hat noch sehr viel Glück gehabt." Sie hat überlebt. "Sie ist eine Heldin." Noch einen weiteren Bewohner habe die Feuerwehr über die Drehleiter gerettet, erzählt Blachut, einen Mann aus dem ersten Obergeschoss.

Am Freitagvormittag parkt dort, wo an Allerheiligen die Zaungäste standen, ein Spezialtransporter der Brandermittler der Polizei. Was früh feststeht: Es wird dauern, die Brandursache festzustellen. Tage, vielleicht Wochen. „Der Brandort ist sehr umfangreich“, sagt Polizeisprecherin Jacqueline Grahl, „und wir ermitteln in jede Richtung.“ In den kommenden Tagen müssten außerdem noch zahlreiche Zeugen befragt werden. Ausschließen ließe sich bislang nur eine äußere Einwirkung, etwa durch einen ins Haus geworfenen Feuerwerkskörper: „Darauf haben wir keine Hinweise.“

Großeinsatz dauert bis in die späten Abendstunden

Der Großeinsatz für die Feuerwehr beginnt an Allerheiligen gegen 7.15 Uhr. Als die Einsatzkräfte an der Obermeidericher Straße anrücken, schlagen Flammen aus der ersten Etage und dem Dachgeschoss. Sechs Menschen rettet die Feuerwehr nach eigenen Angaben aus dem Gebäude. Fünf Verletzte zählt später die Polizei, im Alter von 26 bis 61 Jahren, zwei Frauen und drei Männer, darunter ist auch Blachuts Schwester. Drei von ihnen lebten dort, zwei waren zu Besuch, als das Feuer ausbrach.

Am Freitagmorgen werden alle Verletzten nach Polizeiangaben weiter in Krankenhäusern behandelt. Die meisten Bewohner hätten noch vergleichsweise Glück gehabt und nur eine leichte Rauchgasvergiftung und leichtere Brandverletzungen erlitten, sagt Grahl. Für die Feuerwehr Duisburg ist es ein Großeinsatz, mit 94 Kräften, mit Unterstützung der Oberhausener Kollegen und den gesamten Tag über. Erst gegen 23.45 Uhr am Donnerstagabend rückten die letzten Einsatzkräfte ab.

Völlig unklar ist, wie es nun mit dem Gebäude und der Kneipe, die Pächter André Grühn 2013 nach langem Leerstand wieder eröffnet hatte, weitergeht. Die beiden oberen Geschosse sind laut Polizei zumindest „baufällig“, wenn auch offenbar nicht einsturzgefährdet. Das Erdgeschoss dürfte voll mit Löschwasser sein. Allerdings gibt es zwischen der Kneipe und der ersten Etage wohl eine Betondecke, die noch schlimmere Schäden verhindert haben könnte. Gutachter müssen nun das tatsächliche Ausmaß klären und auch die Kosten beziffern, die ein Wiederaufbau verschlingen würde.

Gäste bekunden Solidarität auf Facebook-Seite

Das „Bolleke“ hatte den Brand am Donnerstagmorgen auch über seine Facebook-Seite vermeldet. Bitter: Erst vor ein paar Tagen waren Soundsystem und Außenwerbung erneuert worden. Groß war die Vorfreude auf kommende Events wie Metal-Night und Halloween-Party. Über Facebook bekundeten auch zahlreiche Gäste ihre Solidarität und boten ihre Hilfe beim Wiederaufbau oder Neuanfang an. Für den Moment aber sagt die Polizei klar: „Die Kneipe macht jetzt erstmal nicht mehr auf.“

Grühn und Blachut stehen nun vor den Trümmern ihrer Existenz: "Hier können wir auf keinen Fall weitermachen", sagt die 28-Jährige. Irgendwie weitermachen wollen sie, offen ist nur, wo und wie. "Es ist schrecklich, was passiert ist." Überwältigt ist das Paar von der Anteilnahme über Facebook. Selbst eine Solidaritätsgruppe hat sich schon gegründet. "Das hat uns Kraft gegeben", sagt Blachut. Das "Bolleke" sei eine "Institution". Sie wollen es wieder schaffen: "Den Menschen ein Wohnzimmer zu geben."

Während am Freitag die Bahn nach Ruhrort wieder fährt, der Verkehr wie gewohnt über die Stadtgrenze rollt, die Polizei mit einem Sachverständigen weiter den Brandort untersucht und noch Schutt- und Asche-Proben einsammelt, wagt sich ein Nachbar an seine Grundstücksmauer. Reden möchte er eigentlich nicht: „Das war schlimm genug.“ Dann sagt dann aber doch etwas: „Das möchte man nicht nochmal erleben.“

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