Theater am Marientor

Bewegende Lesung mit Star-Ensemble um Jan-Josef Liefers

Die Schauspiel-Stars (v. l.) Matthias Koeberlin, Jan-Josef Liefers, Thomas Loibl, Claudia Michelsen, Ronald Zehrfeld und Meret Becker bei ihrem Auftritt im Duisburger Theater am Marientor.

Die Schauspiel-Stars (v. l.) Matthias Koeberlin, Jan-Josef Liefers, Thomas Loibl, Claudia Michelsen, Ronald Zehrfeld und Meret Becker bei ihrem Auftritt im Duisburger Theater am Marientor.

Foto: Arnulf Stoffel

Duisburg.   „Die Unmöglichen“ ist ein Stück zur pränatalen Diagnostik. Star-Riege um Jan-Josef Liefers las vor. Stehende Ovationen des Duisburger Publikums.

Designerbabys, gezüchtet im Reagenzglas: Ist Genmanipulation fortschrittlich? Verleiht es dem Leben der Eltern mehr Wert, dem des Kindes, oder womöglich doch niemandem?

Präimplantationsdiagnostik: ein schwieriges Wort und ein schweres Thema, dem sich das Stück „Die Unmöglichen“ annähert. Als Hörspiel konzipiert, funktioniert es ebenfalls als szenische Lesung hervorragend – so zu erleben am Samstagabend im nahezu ausverkauften Theater am Marientor, dank einer klugen Geschichte, die spekulativ die Zukunft dreier Embryos zeichnet und brillanten Schauspielern. Die sechs Akteure sitzen auf der Bühne und lesen gestenreich, ausdrucksstark und dirigieren mit ihren Stimmen die Stimmung beim Publikum; erheitert, ernst, traurig: „Tatort“-Star Jan-Josef Liefers fungiert als Erzähler, Erklärer, Strippenzieher zwischen den Szenen – so klärt er anfangs auf: Das an Mukoviszidose erkrankte Paar (gespielt von Thomas Loibl und Claudia Michelsen) will ein optimiertes Kind, das bestenfalls keine Genkrankheiten hat.

Rebellisch, introvertiert, behindert

Also ab nach England, „da dort das Embryonenschutzgesetz nicht so streng ist wie in Deutschland.“ Samen und Eizellen werden entnommen, drei Embryos entstehen im Reagenzglas – das beste Genmaterial wird gewinnen, die anderen Embryos aussortiert. Die 70-minütige Lesung erinnert an französisches Kino der vergangenen Jahre: harter Gesprächsstoff, entdramatisiert, fast nüchtern erzählt. Detailliert ausgearbeitete, zuweilen überzogene, dafür starke Charaktere und kluge, komische oder tragische Pointen sparsam, aber treffsicher eingesetzt.

Die drei Embryos, deren potenzielle Perspektiven erzählt werden, sind: Max (Matthias Koeberlin), der rebellische, ehrgeizige Jugendliche, der entgegen den Erwartungen des Vaters sein Leben früh in den Griff bekommt. Fabian (Ronald Zehrfeld), ein introvertierter, sensibler Junge aus dem ein erfolgreicher Pianist wird und der nur über die Musik seine Gefühle äußern kann. Das dritte potenzielle Kind ist Amelie (Meret Becker) – sie hat das Down-Syndrom, ist erschreckend ehrlich, hat eine Herzkrankheit und kuschelt auch mit 20 Jahren noch gerne im Elternbett.

Ein Wechselspiel der Gefühle

Beeindruckend facettenreich zeigt das Stück, wie das Ehepaar Belastungen unterschiedlich ertragen kann – dabei entweder zusammenhält oder daran zerbricht. Loibl und Michelsen verändern ihren Gesichtsausdruck und ihre Stimmlage je nach dem, mit welchem Kind sie die Szene inszenieren – das Wechselspiel der Gefühle präsentieren die beiden unglaublich authentisch.

Bei Max’ sind sie erst streng, dann verschämt, als der Sohn immer „erfolgreicher“ wird und der Vater vermeintliche Schwächen offenbart. Die lieblose Erziehung und distanzierte Beziehung dauert bis zum Ende; das fühlt sich bis in die letzte Zuschauerreihe unangenehm an. Wie auch bei Fabians Werdegang – wenn aus Fürsorge Egoismus entsteht. Fabian erkennt, dass seine Eltern durch ihn ihr eigenes Wunschleben führen. „Ohne mich, was wärt ihr dann?“, fragt er. Bei Amelie wandelt sich Loibl von Szene zu Szene. Vom überforderten, wütenden Papa wird er zum Rücksichtsvollen, der sich zu seiner Tochter bekennt.

Am Ende springt das Stück zurück in die Klinik, zurück zu der Entscheidung, welcher Embryo es Wert ist, eingepflanzt zu werden. Dann endet „Die Unmöglichen“. Stehender Applaus, minutenlang.

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