Duisburger Akzente

Bei „Romeo und Julia“ bleibt Versöhnung eine Utopie

Die Amme (Stephanie Gossger) ahnt die Folgen von Tybalds Tod; auch Julia ist fassungslos angesichts Romeos Tat.

Die Amme (Stephanie Gossger) ahnt die Folgen von Tybalds Tod; auch Julia ist fassungslos angesichts Romeos Tat.

Foto: Sascha Kreklau

Duisburg,  Zum Auftakt des Akzente-Theatertreffens inszeniert Kevin Barz Shakespeares Tragödie als vielschichtiges Stück – über das Liebesdrama hinaus.

Zum ersten Mal ist das Akzente-Theatertreffen mit einer Duisburger Eigenproduktion auf der großen Bühne eröffnet worden. Intendant Michael Steindl bringt Jugendclub-Mitglieder und professionelle Schauspieler, die er bereits für andere Eigenproduktionen gewinnen konnte, mit Shakespeares „Romeo und Julia“ zusammen.

Und Steindl vertraut die Inszenierung wieder Kevin Bartz an, der sich bereits mit Samuel Becketts „Endspiel“ im Foyer III empfahl. Erneut gelingt dem jungen Erfolgsregisseur, der in Oberhausen geboren wurde und seine ersten Theatererfahrungen in Duisburg gesammelt hat, eine schlüssige Inszenierung, die nur ganz am Ende pointierter hätte sein können.

Ohne historische Kulisse, ohne Blut- und Tränenströme, arbeitet Bartz aus 500-jähriger Distanz aus dem Liebesdrama Themen heraus: Hass und Verachtung, Mord und Gewalt, Alt und Jung.

Gewöhnungsbedürftige sechsfach Besetzung

Romeos Familie, die Montagues, bleiben weitgehend ausgespart. Es reicht schon, Julias feine Familie kennenzulernen. Capulet (Matthias Matz) ist ein neureicher Proll, von brutaler Autorität, und lässt bei Partys gern die Puppen tanzen. Lady Capulet (Katharina Böhrke, die auch als Theaterpädagogin die jungen Darsteller großartig vorbereitet hat) ist als seine herzlose Gattin in Pink so sexy und gleichgültig wie ein Möbelstück.

Bei Romeo und Julia löst Barz die Geschlechterrollen auf; die beiden Hauptfiguren sind jeweils dreifach besetzt. Romeo wird von Ferit Albayarak, Jule Pichler und Kats Schlia gespielt, Julia von Emma Stratmann, Juliette van Loon und Lennart Klappstein. Diese Dreiteilung ist gewöhnungsbedürftig, zumal wenn die drei gemeinsam ihren Text sprechen wie ein kleiner Chor.

Aber Shakespeares Zeilen werden mit Respekt behandelt und auf den Punkt artikuliert. Freund Mercutio zeichnet Mert-Koray Kocaoglu als mutig-spöttischen Spaßvogel, ängstlich-vorsichtig ist Benvolio (Marlene Raab), und Tybald (Hennin Grimpe) ganz de aufbrausende Capulet. Graf Paris (Robin Lascheit) gibt Vater Capulets opportunistisch-eitlen Wunschehemann.

In dieser Welt von Fehde und Furor sind Pater Lorenzo (Kai Bettermann), gekleidet wie ein japanischer Mönch, und die Amme (Stephanie Gossger), die getreu ihrer Rolle ein historisches Kleid trägt, die Stimmen der Vernunft und zeigen echte Zuneigung. Die Amme will das Glück ihres Schützlings Julia, Stephanie Gossger lässt in ihrer Liebe zum Kind eine ständige, leise Angst und düstere Vorahnung mitschwingen. Eher naiv ist Beichtvater Lorenzo, der sogar hofft, mit der Vereinigung der Kinder eine Versöhnung der Familien herbei führen zu können: eine Utopie.

Auf der Bühne mit ihren auf- und abfahrenden Podien und nur wenig Ausstattung (Veronica Silva-Klug) entwickelt das Spiel einen wunderbaren Rhythmus, dem die Musik von Paul Brody, in die auch gesprochene Sätze in Englisch eingewoben sind, eine poetisch-melancholischen Klang beimischt.

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