Duisburg. Nach einem Unfall hängt Tim Kamanns Fuß nur noch an der Sehne, die Amputation droht. 15 Monate lang retten Ärzte sein Bein. So geht es ihm heute.

Wenn Tim Kamann geahnt hätte, was ihn Ende Juni 2021 nach einem Fernsehabend bei Freunden erwartet, wäre er sicher zu Hause geblieben. Bei einem E-Roller-Unfall um 3.30 Uhr nachts verletzt er sich schwer. Mit Blaulicht wird der damals 35-Jährige ins BG Klinikum Duisburg gebracht. Dort wird er mehrfach notoperiert. Trotzdem droht dem Fitness-Fan eine Amputation.

Als Kamann nach seinem Unfall aus der Bewusstlosigkeit aufwacht, kann er nicht aufstehen. Der linke Fuß hängt nur noch an der Sehne, der Rest des Unterschenkels ist bis zur Unkenntlichkeit deformiert.

Die ersten Röntgenbilder offenbaren einen offenen Trümmerbruch. Adern, Venen und Lymphgefäße sind fast vollständig zerstört. Ein großer Teil des Schienbeinschaftes ist nicht mehr durchblutet.

Nach Unfall: 21 Zentimeter Knochen im Bein müssen entfernt werden

Wenige Tage später steht für Kamann eine Schicksals-OP an. „Wir haben uns final den betroffenen Schienbeinknochen angeschaut, um zu sehen, was noch zu retten ist“, sagt Dr. Martin Glombitza, leitender Arzt in der Septischen Chirurgie der Unfallklinik. Ergebnis: 21 Zentimeter Knochengewebe sind abgestorben und müssen entnommen werden.

Eine Amputation wäre der schnellere und einfachere Weg gewesen, wieder ans Laufen zu kommen.
Dr. Martin Glombitza - Leitender Arzt in der Septischen Chirurgie am BG Klinikum

„Eine Amputation wäre der schnellere und einfachere Weg gewesen, wieder ans Laufen zu kommen“, sagt Glombitza. In Rücksprache mit Kamann und dessen Frau entscheidet man sich für die andere Option, eine der Spezialmethoden in der Unfallklinik: Die Ärzte sollen den Knochen nachwachsen lassen.

Zunächst müssen Haut und Muskelgewebe aus dem Rücken auf den Unterschenkel verpflanzt werden, auch am Oberschenkel abgeschälte Haut wird dorthin umgesetzt. Nach 24 Stunden steht fest: Der Körper hat die Transplantate angenommen. Das Projekt Knochenverlängerung kann beginnen.

Keine Amputation: BG Klinikum will Knochen im Bein nachwachsen lassen

Im Oktober 2021 bekommt Kamann in der Unfallklinik einen Ringfixateur angelegt: ein Gerät aus Metallringen, die um das verletzte Körperteil herum platziert und mit Drähten im Knochen fixiert werden. „Wir haben dabei den Knochenstumpf oberhalb des Sprunggelenkes durchgesägt“, erklärt Glombitza die Vorgehensweise.

Im BG Klinikum legen die Ärzte Tim Kamann einen Fixateur an. Spannschrauben ziehen den Knochen lang – so soll er nachwachsen.
Im BG Klinikum legen die Ärzte Tim Kamann einen Fixateur an. Spannschrauben ziehen den Knochen lang – so soll er nachwachsen. © BG Klinikum

In dieser künstlichen Wachstumsfuge verankern die Ärzte einen Metallstift. Spannschrauben ziehen den Knochen wie auf einer Streckbank in Richtung Knie. So wird die Bildung von neuen Knochenzellen angeregt und mit der Zeit die Lücke im Schienbein aufgefüllt.

Bei Tim Kamann dauert das rund zehn Monate. Die meiste Zeit kann er zu Hause verbringen – und dabei selbst Hand anlegen. Viermal am Tag muss der die Schrauben am Ringfixateur um 0,25 Millimeter verstellen.

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Im BG Klinikum wird die Bildung des Knochengewebes mithilfe von Röntgenbildern überwacht. „Als der Defekt geschlossen war, haben wir dann mithilfe einer Metallplatte und sechs Schrauben den Transportknochen mit dem Zielknochen unterhalb des Knies fest gekoppelt“, sagt Glombitza.

Patient muss neu laufen lernen: Start mit nur fünf Kilogramm Belastung

Anfang August 2022 beginnt für Kamann das Laufenlernen. Zuerst nur mit fünf Kilogramm Belastung auf dem verletzten Bein, dann langsam steigern. Durch diesen Druck härtet die neue Knochensubstanz aus. Ein paar Monate später darf der Patient zur Vollbelastung übergehen – immer noch mit dem kiloschweren Ringfixateur am Unterschenkel. Erst im Mai 2023 kann der Fixateur entfernt werden.

Patient Tim Kamann muss nach der Operation und der Spezialbehandlung am BG Klinikum Duisburg neu laufen lernen.
Patient Tim Kamann muss nach der Operation und der Spezialbehandlung am BG Klinikum Duisburg neu laufen lernen. © Tim Kamann

Kamann muss wieder das Gewicht auf dem verletzten Bein reduzieren. Diesmal startet er mit 30 Kilogramm Belastung. Peu à peu wird sie erhöht. Acht Wochen später darf er die Gehhilfen endgültig in die Garage stellen. „Ein tolles Gefühl“, sagt Tim Kamann.

Nach OP und Spezialbehandlung: So geht es Tim Kamann heute

Heute hat er nur noch kleine Einschränkungen beim Gehen. Um den Blutkreislauf zu unterstützen, muss er einen Kompressionsstrumpf tragen. Zwei- bis dreimal pro Woche geht Kamann zu Krankengymnastik und ins Fitnessstudio. Das Ziel: Das Sprunggelenk weiter zu mobilisieren, verloren gegangene Muskulatur aufzubauen und sportlich wieder dahin zu kommen, wo er als Fitnessfreak einmal war.

Längst hat er auch den nächsten Schritt in Richtung Normalität getan: Nach mehr als zwei Jahren arbeitet er heute wieder in seinem Job als Bauleiter.

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