Bildung

Alfred Grosser diskutiert mit Kollegschülern in Duisburg

Prof. Dr. Alfred Grosser, deutsch-französischer Intellektueller, diskutierte mit Schülern des Sophie-Scholl-Berufskollegs.

Foto: Zoltan Leskovar / FUNKE Foto Services

Prof. Dr. Alfred Grosser, deutsch-französischer Intellektueller, diskutierte mit Schülern des Sophie-Scholl-Berufskollegs. Foto: Zoltan Leskovar / FUNKE Foto Services

  Er gilt als Vordenker der deutsch-französischen Aussöhnung. In Duisburg fesselte der deutsch-französische Gelehrte Alfred Grosser sein Publikum.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

„Juristisch gesehen, bin ich seit 25 Jahren im Ruhestand“, scherzte Alfred Grosser. Da waren die 120 Schüler des Sophie-Scholl-Berufskollegs, mit denen der 92-jährige Soziologe, Politikwissenschaftler anderthalb Stunden lang stehend diskutierte, noch gar nicht auf der Welt. Mit Charisma und Antworten, die aus dem Erfahrungsschatz eines bewegten Lebens schöpfen, fesselte der große Europäer, mühelos sein junges Publikum. Ein Kontakt auf den er größten Wert legt. „Keine Erwachsenen in den ersten vier Sitzreihen“, war seine Forderung an Schulleiterin Gabriele Frerkes, die ihn in Marxloh begrüßte.

„Mann soll die Menschlichkeit nicht verlieren, wenn es schwierig wird“, schreibt Alfred Grosser in seinem neuen Buch. „Le Mensch“ – so deutsch-französisch wie der Titel ist das Leben von Grosser, der unmittelbar nach Kriegsende die Verständigung der Gegner in vielen Konflikten zu seiner Aufgabe machte. „Es gab DIE Deutschen nicht“ – mit diesem Satz hat er viel Widerspruch hervorgerufen. „Man soll nie sagen: DIE Flüchtlinge, DIE Duisburger“, warnt er jetzt die Schüler.

Haben denn Deutschland und seine Kanzlerin alles richtig gemacht, fragen die Jugendlichen. „Ich bin voller Bewunderung für Frau Merkel, sie hat aus menschlicher Überzeugung gehandelt“, entgegnet Grosser. „In Frankreich gab es eine große Heuchelei.“ Und die Parallelen: Der Widerstand gegen Flüchtlinge in Sachsen wie im Elsass – gewählt werden die Rechtsextremen. „Man ist gegen das was man nicht kennt“, sagt er und ist wieder beim Buch-Thema: „Ihre Geschichte können viele Flüchtlinge nicht erzählen, so schrecklich ist das. Dass man ihnen die Menschlichkeit verweigert, geht über meinen Verstand.“

Wenn’s gegen seine Haltung geht, greift Grosser auch gern mal zur verbalen Axt: „Was berechtigt die CSU, das C zu halten, wenn sie gegen Ausländer ist? Katholisch und ausländerfeindlich – das schließt sich aus.“ Die Auseinandersetzung mit dem Andersdenkenden führt er auch im hohen Alter noch mit Lust: „Das sind auch sechs Millionen ermordete Jugend und Jahrhunderte Sklaverei. Was gibt es da zu verteidigen?“, hat er kürzlich in einer Diskussion einem AFD-Mann entgegnet, der „das Abendland vor dem Islam“ schützen wollte.

Und Europa? Grosser hadert mit Brüssel, „dort herrschen die Staaten“. Vielleicht, das hofft er, bringt der von ihm nach Kräften unterstützte Emmanuel Macron als Präsident den stockenden deutsch-französischen Motor wieder ans laufen. Doch ohne die EU, das bleibt seine Überzeugung, wird’s nicht gehen: „Weder Deutschland noch Frankreich sind allein eine Weltmacht.“ Auch England nicht, „in den Verhandlungen werde man hart bleiben“, ahnt Grosser: „Es muss klar sein: Man kann nicht austreten, und alle Vorteile behalten.

Mit Grosser auf Tour d’Horizont

Da steht der mittlerweile 92-jährige Grandseigneur des Franco-Allemand in der Salvatorkirche, gestern noch war er in Bad Bergzabern, morgen ist er in Bonn, heute also Duisburg.

Er schiebt energisch das Stehpult beiseite, das man ihm diskreterweise zum Abstützen hingestellt hatte. Greift sich das Mikrofon aus dem Ständer und nimmt stehend die gut 250 aufmerksamen Kirchenbesucher auf eine wunderbare, politische Tour d’Horizon.

In der es um Identitäten geht, aber auch um Europa, und um die Welt, und Trump (die Franzosen sagen „Trömp“) kommt auch drin vor; natürlich De Gaulle, Schuman, De Gasperie und viele andere Großen, die das politische Europa geschaffen haben. Denn über zwei Themen will Grosser an diesem Abend sprechen: Über Europa und über sein neues Buch. Das heißt „Le Mensch“ und deswegen tourt er über Land.

Gut, dass die beiden Themen zusammenpassen. Denn Grosser wendet sich in der Salvatorkirche wie in seinem Buch vehement gegen grobe Vereinfachungen: „Es gibt nicht ,die’ Juden, ,die’ Deutschen, ,die’ Muslime, ,die’ Flüchtlinge, es gibt die Anderen.“ Sein Appell: Auch und gerade in schwierigen Zeiten niemals die Menschlichkeit verlieren.

Werte und eine Haltung, die sehr wichtig für die Mitgliedsstaaten in Europa sind. Natürlich spricht Grosser auch über den Brexit („Es wird ein 2. Referendum geben! Die Briten werden noch aufwachen!“) über Macron („Hoffentlich bekommt er im Parlament jetzt auch die Mehrheit!“), über seine Heimat, la belle France. Eine schöne Tour d’Horizon eben. (Text: Stefan Endell)

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik