Kunst

Aktzeichnen mit der „Rodinmuse“ im Lehmbruck-Museum

Zu Füßen der „Stehenden“ posiert „Rodinmuse“ Tanja Wilking beim Aktzeichenkurs im Duisburger Lehmbruck-Museum.

Zu Füßen der „Stehenden“ posiert „Rodinmuse“ Tanja Wilking beim Aktzeichenkurs im Duisburger Lehmbruck-Museum.

Foto: Michael Dahlke / FUNKE Foto Services

Duisburg.  In der Ausstellung „Schönheit. Lehmbruck & Rodin“ war im Duisburger Lehmbruck-Museum die „Rodinmuse“ im Einsatz. Sie ist Aktmodell aus Berufung.

Wenn Tanja Wilking arbeitet, verwandelt sie sich in die „Rodinmuse“. Sie schlüpft in ihr Alter Ego und lässt damit auch Aufregung und Scham hinter sich, wie sie sagt. Die empfinde sich immer noch, obwohl sie schon seit 26 Jahren als Aktmodell in Kunstakademien, Ateliers, VHS-Kursen und manchmal auch in Museen arbeitet. Wie jetzt in der Ausstellung „Schönheit. Lehmbruck & Rodin“. Einmal im Jahr bietet das Lehmbruck-Museum einen Aktzeichenkurs an, zum ersten Mal mit der „Rodinmuse“.

Über einen Umweg ist sie auf diese Bezeichnung gekommen. Ein Künstler habe ihr mal gesagt, ihr Körper gleiche denen der Skulpturen des französischen Bildhauers Aristide Maillol (1861-1944). Aber mit Maillol hätten wohl nicht sehr viele etwas anfangen können, „und ich hätte den Namen jedes Mal buchstabieren müssen“. Rodin sei einfach bekannter, und seine Skulptur „Eva vor dem Fall“ gehöre zu ihren Lieblingen: Eva, die sich ihrer Nacktheit noch nicht schämt.

Rodins Muse war die Künstlerin Camille Claudel

Nicht zuletzt ging es Tanja Wilking auch um Camille Claudel (1861-1943), die mehr als Muse und Modell Rodins denn als eigenständige Bildhauerin wahrgenommen wurde. Künstlerin zu sein, wurde vielen Frauen ihrer Zeit abgesprochen, Modelle hatten ein Schmuddel-Image. „Sie war aber eine tolle Künstlerin“, sagt Tanja Wilking über Camille Claudel, die in der „Schönheit“-Ausstellung mit der Skulptur „Der Walzer“ vertreten ist.

Die in Niedersachsen geborene Tanja Wilking ist als 20-Jährige Jurastudentin von den Kunstpädagogen in Passau gefragt worden, ob sie sich vorstellen könne, für sie Aktmodell zu stehen. „Ich würde es nie vor Leuten machen, die ich kenne“, sagt sie – auch bei aller Routine, die sie längst hat. Hier trennt sie ebenso klar zwischen ihrem Beruf und ihren Privatleben wie bei der Erotik. Tatsächlich ist sie eine der ganz wenigen, die hauptberuflich als Aktmodell arbeiten. „Zwischen 25 und 45 Stunden pro Woche.“ Dennoch sei sei aufgeregt, zumal wenn sie erstmals vor einer unbekannten Gruppe posiert wie zuletzt bei einer Gesellenprüfung von Holzbildhauern.

Der Körper des Modells muss nicht makellos sein

Wenn sie als Anfängerin eine Position zum Beispiel auf einem Bein eingenommen hat, habe sie stets gedacht: Bloß nicht umfallen! Längst bewegt sie sich souverän durch ihren Arbeitsplatz. Von Aufregung oder Unsicherheit keine Spur, wenn sie im Lehmbruck-Museum posiert. Bevor der Zeichenkurs beginnt, gibt es eine Foto-Session im Lehmbruck-Trakt. Sie braucht kaum Zeit, die Haltung der Skulpturen zu erfassen, wenn sie Lehmbrucks „Stehende“ (Standbein-Spielbein), die „Kniende“ (mit Tuch) oder der den „Gestürzten“ nachstellt.

„Ich habe alles durch das Modellstehen gelernt“, sagt Wilking. „Das schult das Körperbewusstsein, ich höre auf meinen Körper.“ Der muss bei Aktmodellen nicht makellos sein, Modelmaße oder das gängige Schönheitsideal sind auf dem Podest nicht gefragt. Bevorzugt werden Körper, denen man das Leben ansieht. Was man nicht auf der Haut sehen möchte, sind hingegen Abdrücke von Unterwäsche, verrät Wilking, dass sie manchmal noch im Zug auf dem Weg zum Einsatz den BH enthakt.

Im Lehmbruck-Museum fasziniert sie das „tolle Licht“

Während bei den Zeichnern meist die klassischen Posen gefragt sind, wobei die „Susanne steigt ins Bad“ eine ist, die sie besonders gern einnimmt, ist in der künstlerischen Fotografie auch schon mal anderes gefragt. „Ich finde Inszeniertes ganz toll“, sagt Tanja Wilking. Da ist sie auch für „Abgefahrenes“ zu haben. Für eine Fotokünstlerin hat sie sich sogar mal verkehrt herum an einen Flaschenzug gehängt. „Die Personen oder die Werke müssen mich interessieren.“

Keine Interesse an Sexspielzeug-Bildern

Was sie zum Beispiel nicht interessiert hat, war das Angebot, für eine Werbung für „Fifty Shades of Grey“ mit Sexspielzeug zu posieren. „Ich muss auf meinen Ruf achten, das ist schon eine Gratwanderung“, sagt Tanja Wilking, die auch TV-Anfragen, bei denen sich nicht sicher ist, ob sie annehmen soll, stets mit ihrem Mann bespricht.

Ins Lehmbruck-Museum hat sie sich sozusagen selbst eingeladen. Im Internet habe sie vor allem das „tolle Licht“ im Haus fasziniert. Als sie anfragte, ob sie mal im Museum arbeiten dürfe, wurde sie für den Aktzeichnen-Kurs gebucht. „Man könnte mich hier für eine Nacht einschließen, dann hätte ich noch nicht genug gesehen“, sagt die „Rodinmuse“, die in München lebt.

Dann posiert sie für die allesamt weiblichen Teilnehmer des Aktzeichenkurses mit der Künstlerin Bettina Kohrs. Ein zartes Tattoo an der Unterseite des Arms macht Tanja Wilkings Haltung deutlich: nude is not naked – unbekleidet ist nicht nackt.

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