Serie: Wir sind Europa

89-jähriger Duisburger kämpft für ein Europa als Sozialunion

Walter Fischer (89): „„Ich mache mich in Europa für eine Sozialunion stark.“

Walter Fischer (89): „„Ich mache mich in Europa für eine Sozialunion stark.“

Foto: Foto: Lars Fröhlich

Duisburg.  Während andere den Ruhestand genießen, ist der ehemalige Schornsteinfeger Walter Fischer (89) nach wie vor politisch aktiv - für Europa.

Wenn Walter Fischer auf Podiumsdiskussionen oder anderen politischen Veranstaltungen zum Thema Europa auftaucht, dann spaltet er die Gemüter. Die einen freuen sich, dass da ein älteres Semester beharrlich und manchmal auch schon durchaus stoisch sein Anliegen vorträgt, die anderen werden nervös und würden ihm am liebsten gar nicht erst zu Wort kommen lassen. Dabei vertritt der 89-Jährige keinesfalls skandalös radikale Randpositionen.

„Europa als Sozialunion“

Ganz im Gegenteil: „Ich mache mich in Europa für eine Sozialunion stark. Europa muss langfristig auf drei Säulen stehen: Wie haben die Wirtschaftsunion, die Währungsunion und wir brauchen dringend eine Sozialunion.“ Hier wird Walter Fischers Stimme eindringlich. Obwohl der gelernte Schornsteinfeger es sich längst hinter dem Ofen gemütlich machen und die politischen Streitereien anderen überlassen könnte, ist er engagierter Europäer und politischer Denker.

Ruhestand? „Nee, das kommt später. Ich bin neben der SPD noch Mitglied in der AWO und im Sozialverband. Da ist immer was los und ich hab viel zu tun“, erzählt er. Doch auch bei seinen Parteigenossen stößt er mit seinem Konstrukt auf wenig Gegenliebe. Unverständlich für den engagierten Rentner: „Ich habe öfter angeregt, dass ich mich mit einem Infostand in die Stadt stelle und über die Sozialunion rede, aber da hat irgendwie keiner mitgezogen. Jetzt kümmere ich mich eben allein um das Thema.“

Brauchen einen einheitlichen sozialen Status in Europa

Fischer fordert nichts weniger als einen fundamentalen Umbau der Struktur der Europäischen Union. „Wir brauchen in ganz Europa einen einheitlichen sozialen Status. Die Renten müssen gleich sein, die Sozialhilfe muss einheitlich sein und auch der Mindestlohn sollte angeglichen werden“, erklärt er.

Nur durch diese Anpassungen kann aus Fischers Perspektive die wirtschaftlich motivierte Migration, unter der allen voran Duisburg zu leiden hat, gestoppt werden. „Wenn es den Menschen in Rumänien genau so gut gehen würde wie hier, dann hätten wir keine so massive inner-europäische Migration. Die Menschen würden schlichtweg zu Hause bleiben.“ Als Folge daraus entstünde weniger Hass und Angst Ausländern gegenüber und den Rechten würde ein zentraler Argumentationsstrang wegbrechen. „Wenn die EU die Sozialstandards angleicht, dann spüren auch die Menschen, die gerade unzufrieden sind, dass etwas für sie getan wird, dass sie nicht vergessen sind und fassen wieder Vertrauen zur EU.“

Europa ist mehr als eine krumme Gurke

Für Fischer ist Europa weit mehr als eine reine Wirtschaftsgemeinschaft, die sich vorrangig um den Krümmungsgrad einer Gurke streitet. Sie ist ein starker Anker und ein wichtiger Baustein für langfristigen Frieden in Europa. Und wie wichtig Frieden ist, kann er als einer der wenigen Duisburger heute noch aus eigener Erfahrung berichten.

Als gebürtiger Breslauer war er mit 15 Jahren mit seiner Mutter bereits am Bahnhof, um aus der Festung Breslau zu fliehen, als er dort von zwei Wehrmachtssoldaten aus der Menge gefischt und zur Verteidigung der Stadt gezogen wurde. Erst 1947 konnte er die Stadt wieder verlassen. „Danach bin ich in den Harz nach Braunlage gekommen, um für die Engländer Holz zu schlagen. Man musste ja irgendwie sehen, wie man zurechtkam“, erzählt er.

„Dazu ist mir die Sache zu ernst . . .“

Es folgte eine weitere Station auf einem Heringsfischer auf Langeoog und dann der endgültige Umzug ins Ruhrgebiet. „Ich war erst auf Schacht Westende und dann bin ich zur Eisenbahn.“ Und seit 1988 ist er in Rente. Und nach wie vor politisch aktiv. Aufgeben und resignieren, weil ihm momentan kein Amts- oder Mandatsträger zustimmt und seine Idee operativ aufgreift kommt für den 89-Jährigen nicht infrage.

Dazu ist ihm sein Anliegen zu wichtig, ist die Sache zu ernst. „Wir brauchen eine Veränderung in Europa hin zu sozialer Gerechtigkeit, sonst geht die ganze Sache zum Teufel und das will ich nicht!“ Walter Fischer kämpft nach wie vor für seine Idee und wird noch so manche europäische Wahlkampfveranstaltung mit seinen Thesen beglücken.

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