68er Revolte

In Düsseldorf ist der Geist der Revolution nicht erloschen

Schüler und Studenten protestieren am 15. Mai 1968 in Düsseldorf gegen die Notstandsgesetze.

Schüler und Studenten protestieren am 15. Mai 1968 in Düsseldorf gegen die Notstandsgesetze.

Foto: dpa Picture-Alliance / Wilhelm Bertram

Düsseldorf.   Studierende der Heine-Uni erinnern an die Errungenschaften der Jugendrevolte vor 50 Jahren.

1968 brodelte es an den deutschen Universitäten. Berlin und Frankfurt waren Zentren einer Revolte der Jugend. In Düsseldorf steckte die Heinrich-Heine-Universität noch in den Kinderschuhen. 1200 bis 1300 Studierende der Medizin waren zu der Zeit eingeschrieben. Und die künftigen Mediziner verhielten sich vergleichsweise ruhig. Doch auch an Düsseldorf gingen die Ereignisse des Jahres und die Forderungen und Entwicklungen der „68er“ nicht spurlos vorbei.

Die Düsseldorfer Studierenden reagierten dann auf die Ereignisse auf den großen „Kampfschauplätzen“. „Die Erschießung von Benno Ohnesorg durch einen Polizisten oder das Attentat auf Rudi Dutschke waren Mobilisierer für die Düsseldorfer Studenten“, sagt Dr. Uta Hinz. Auch die internationalen Proteste gegen den Vietnamkrieg oder die Arbeiter- und Studentenunruhen in Frankreich wurden durchaus bemerkt und kommentiert. Hinz ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere Geschichte der Heine-Universität. Sie hat sich gemeinsam mit Kollegen und Studierenden auf die Suche nach Spuren der 68er in Düsseldorf gemacht und daraus schließlich eine Ausstellung konzipiert, die im Sommer in der Bibliothek der HHU zu sehen war.

Fundamentaler Drang nach Demokratisierung

Die Studierenden aus Düsseldorf waren vor 50 Jahren „relativ gemäßigt“, wie Hinz erklärt. Keine Straßenkämpfe mit der Polizei, keine Massendemonstrationen oder besetzte Universitäten. Ein Schweigemarsch durch die Stadt und eine Kranzniederlegung wurden im Gedenken an den ermordeten Ohnesorg vom damaligen AStA organisiert. Daran nahmen Presseberichten zu Folge etwa 2000 Menschen teil. Nicht nur Studierende der HHU, sondern auch die der Fachhochschulen und der Kunstakademie und viele Schüler beteiligten sich daran. „Insgesamt war der jugendliche Faktor der Proteste sehr dominant“, sagt Hinz. Gerade für viele Schüler bedeuten die Jahre um 1968 herum eine erste Politisierung. „Sie hatten einen fundamentalen Drang nach Demokratisierung. Nach ernsthaftem Mitspracherecht in der Schulverwaltung etwa, auch nach offener Diskussion mit den Lehrern“, so Hinz.

An der HHU setzt sich der Sozialistisch Demokratische Studierendenverband (SDS) auch heute gegen eine Bevormundung der Studienzeit ein und fordert mehr Mitbestimmung für die mittlerweile um die 36.000 Studierenden. Der Verband hat sich ganz bewusst dasselbe Kürzel gegeben wie die historische Studierendenvereinigung dessen bekanntestes Gesicht Rudi Dutschke war und ist. Und sie wollen, passend zum 50. Jahrestag, erinnern. Erinnern an den Geist der 68er. „Daran, was Protest bewirken kann“, sagt Fabian Korner. Er ist Mitglied des SDS-Bundesvorstandes und studiert an der HHU Philosophie.

Kongress „Geschichte wird gemacht“ steigt in Berlin

Seit über einem Jahr planen und organisieren SDS-Studierende aus dem gesamten Bundesgebiet an einem Kongress. „Geschichte wird gemacht“ heißt der und findet an diesem Wochenende an der Technischen Universität in Berlin statt. Intellektuelle wie der französische Soziologe Didier Eribon, Linksparteivertreterinnen wie die Vorsitzende Katja Kipping und Aktivistinnen wie die Schwedin Elin Ersson, die bekannt wurde als sie die Abschiebung eines Afghanen verhinderte, werden miteinander diskutieren, vortragen und vielleicht auch fragen: Ist es Zeit für ein neues `68?

Der Düsseldorfer Fabian Korner beantwortet diese Frage für sich zweigeteilt. „Wir brauchen wieder die Menschen auf den Straßen, wir brauchen die aktiven Leute, die sich dem Rechtsruck entgegenstellen“, sagt er und weist darauf hin, dass es genau das ist was die 68er geschafft haben: Menschen auf die Straße bringen. „Insofern brauchen wir ein neues `68.“ Gerade die Art der Demonstrationen und das bewusste Umgehen der polizeilichen und politischen Anweisungen hätten gezeigt: Es ist möglich aus diesem System auszubrechen, scheinbar feste Grenzen zu überwinden. Diese Erkenntnis möchte Korner auch in die heutigen sozialen Kämpfe mitnehmen. Seiner Ansicht nach reicht eine Revolte, wie die vor 50 Jahren, aber mittlerweile nicht mehr aus. „Die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich so stark zugespitzt, dass wir eine wirkliche Veränderung dieses Systems herbeiführen müssen“, sagt Korner. Er möchte die grundsätzlichen Fragen wieder stellen. Antworten auf diese finden. Außerdem möchte er den Rechten aktiv entgegentreten: „Der Kongress findet in einer Zeit statt, in der Freiheit und ein liberales Gesellschaftsbild massiv in Frage gestellt werden. Wir wollen Demokratie und Freiheit verteidigen.“

Demokratie und Freiheit verteidigen

Aktuell brennen in Paris und an anderen Orten in Frankreich wieder die Barrikaden. Die „Gelbwesten“ protestieren in Massen gegen die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen. Der Soziologe Eribon schreibt über den Kurznachrichtendienst Twitter „Perfektes Timing“ und stellt damit die Verbindung her zwischen dem „Roten Mai“ 1968, dem Kongress anlässlich des Jahrestages und den Protesten der letzten Tage.

Am Rhein ist es dagegen ruhig. Doch auch an der HHU und deren Studierendenschaft gehen die überregionalen Ereignisse erneut nicht spurlos vorüber.

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