Interview

Fortuna-Coach Funkel denkt "nicht 24 Stunden nur an Fußball“

Friedhelm Funkel im NRZ-Interview.

Friedhelm Funkel im NRZ-Interview.

Foto: Stephan Wappner

Düsseldorf.   Fortunas Coach Funkel hat im Advents-Gespräch mal über privatere Dinge gesprochen. Unter anderem hat er Lothar Matthäus beim Pokern ausgenommen.

Die Schulklasse hat die Sportstunde in der Leichtathletikhalle neben der Arena beendet. Jetzt drücken sich die Mädchen und Jungs mit den Turnbeuteln gerade die Nase an der Glastür platt und klopfen. Promi-Alarm. Im Besprechungszimmer sitzt Friedhelm Funkel gerade beim NRZ-Interview. Der 64-Jährige winkt freundlich. Später sagt eines der Kinder. „Ich kenne Dich aus dem Fernsehen, Du bist Fortuna-Trainer!“

Solche Begegnungen hat Funkel häufig, der Mann reagiert in der Regel freundlich und verbindlich. Im Advents-Gespräch mit der NRZ verrät er, warum Dinge wie Respekt den Mitmenschen gegenüber oder Authentizität so wichtig für ihn sind. Aber auch, was er von Spielerfrauen hält und zu welcher Gelegenheit er Uli Stein, Lothar Matthäus und Hans-Peter Briegel beim Pokern ausgenommen hat. Wir ließen Funkel 24 Törchen öffnen, in dem er zu 24 Stichworten ein Statement abgeben musste.

Krefeld ist zur Heimat geworden

1 Heiligabend: Läuft bei mir nicht mehr so traditionell, dass die ganze Familie zusammen ist. Früher, als ich noch mit meiner ersten Frau zusammen war und die Kinder kleiner waren, da war natürlich Heiligabend und am 1. Weihnachtstag immer die komplette Familie da. Dann war ich ja eine Zeit lang allein, jetzt bin ich wieder neu verheiratet und habe aufgrund meiner beruflichen Situation nur zehn Tage Urlaub, genau über Weihnachten. Da ich aber auch Urlaub brauche, fahre ich dieses Jahr Weihnachten höchstwahrscheinlich weg. Weihnachten ist 2017 für uns vielmehr der dritte Advent. Ich muss auch kein schlechtes Gewissen haben, Weihnachten nicht da zu sein. Meine Mutter hat gesagt, „Jung, Du brauchst den Urlaub, fahr Du mal.“ Wohin es geht, weiß ich noch nicht, das machen meine Frau und ich spontan. Entweder Skifahren oder in die Sonne.

2 Heimat: Ist für mich Krefeld – geworden. Ich wohne dort seit sieben Jahren wieder und habe dort in dieser Zeit sehr, sehr viele Freunde neu kennengelernt, ganz andere, als zu der Zeit, als ich bei Bayer Uerdingen gespielt habe oder Trainer war. Meine Frau, die aus Hamburg kommt, fühlt sich auch super wohl in Krefeld. Also wenn Heimat, dann Krefeld – und der Niederrhein.

3 VfR Neuss: Der Verein meines Geburtsortes. Dort hat alles angefangen. Ich bin schon als kleiner Junge zur Hammer Landstraße gegangen und habe dort Fußballspiele geguckt. Es gab mal einen sensationellen 5:4-Sieg des VfR gegen Fortuna, diese Bilder habe ich immer noch vor mir. Da standen die Leute im Stadion bis an den Spielfeldrand. Fortuna war damals haushoher Favorit und ging aber als Verlierer vom Platz. Das werde ich nie vergessen, ich dachte damals, das will ich auch mal erleben. Ich habe in Neuss alle Jugendmannschaften durchlaufen, habe dort auch als Senior kurz dritte Liga gespielt und auch meine Trainerkarriere begonnen. Leider gibt es den Club heute nicht mehr.

Spielerfrauen? - "Meine Frau würde das nicht machen wollen, meine Ex-Frau auch nicht"

4 Bommelante: Ein Grenadierzug beim Neusser Schützenfest, wo ich jahrzehntelang mitmarschiert bin. Sehr euphorisch war ich da immer unterwegs, das habe ich von meinem Vater. Wenn es der Spielplan erlaubte und ich mit meiner jeweiligen Mannschaft einigermaßen erfolgreich war, bin ich immer mitgelaufen. Samstags Fackelzug, dann sonntags und dienstags. Toll. Heute bin ich nur noch Gast beim Schützenfest.

4 Irland: (dass Funkel einmal im Jahr 1981 als B-Nationalspieler ein Tor gegen Irland schoss – sein einziges als Nationalspieler – das weiß er nicht mehr). Daran kann ich mich wirklich nicht erinnern. Ich habe drei B-Länderspiele, ich kann mich nur noch an das Spiel gegen Russland erinnern. Wir haben einen Tag vor der A-Nationalmannschaft gespielt, waren abends alle im gleichen Hotel und haben vor dem Rückflug die ganze Nacht durchgepokert: Uli Stein, Lothar Matthäus, Hans-Peter Briegel und meine Wenigkeit. Ich habe damals gut gewonnen.

5 Spielerfrauen: Das Thema ist wie vieles im Laufe der Jahre im Fußball expandiert. Die Aufmerksamkeit, die heutzutage Spielerfrauen erzeugen, steht ja in keinem Verhältnis dazu, was normalerweise das Leben einer jungen Frau ausmachen sollte. Sie leben im Schatten ihrer Freunde oder Männer, das ist ja so gesehen nicht schlimm. Aber sie versuchen – vor allem über die sozialen Medien – aus diesem Schatten heraus zu kommen. Dort präsentieren sie sich. Gefällt mir nicht. Meine Frau würde das nicht machen wollen, meine Ex-Frau auch nicht.

6 Facebook, Twitter und Co.: Ich brauche keine Parallelwelt. E-Mail, SMS oder Whatsapp reicht mir vollkommen aus, mehr brauche ich nicht. Wenn ich Bilder von frischoperierten Spielern sehe, die irgendwelche Posts aus dem Krankenhaus schicken, na ja. Ich verurteile das nicht, aber ich muss es nicht gut finden.

Medienpräsenz gehört dazu

7 Spielerberater: Die Entwicklung hat sich dramatisch geändert. Als ich anfing, gab es die noch nicht, irgendwann kamen die ersten dazu, Holger Klemm fällt mir da als erstes ein. Es gibt gute, weniger gute und schlechte Berater. Entscheidend ist, dass du als Berater nicht vom Spieler abhängig bist und eine schnelle Mark verdienen möchtest, sondern im Sinne des Spielers handelst. Weniger gute Berater mischen sich auch gerne ins Tagesgeschäft ein und suchen den Weg über die Medien. Die gute Leute verstehen hingegen die Situation des Trainers und suchen das Gespräch.

8 Tätowierungen: Muss ich auch nicht gut finden. Da kann ich oft amüsiert nur den Kopf schütteln. Ein, zwei Tattoos, okay. Aber manche sind am ganzen Körper tätowiert. Ich hatte mich schon Anfang der 90er-Jahre erschrocken, als ich zum ersten Mal Stig Töfting gesehen habe, als der Spieler bei mir in Duisburg war. Aber Vorurteile habe ich nicht, es ist nur ein spezielles Hobby, das Geld und Schmerzen kostet.

9 Medienpräsenz: Gehört dazu. Seit 1991, als das Privatfernsehen kam, ist das durch die Decke gegangen. Doch: Letztendlich profitieren alle davon. Ich stelle mich immer den Medien und nehme mir Zeit, in guten und in schlechten Phasen. Ich erwarte nur gegenseitigen Respekt. Man kann sich mal vorm Kopp hauen, aber am nächsten Tag muss gut sein.

10 Erfolgsdruck: Ich spüre den Druck seit einigen Jahren nicht mehr so doll, das hat aber auch mit meinen Freunden zu tun. Ich kann zwischendurch abschalten, denke nicht mehr nur noch 24 Stunden an Fußball. Das habe ich früher gemacht, das machen andere Trainer heute noch. Ich suche mir meine Nischen zwischen Trainings- und Spielbetrieb, wo ich dann auch mal auf dem Tennisplatz oder beim Kegeln bin. Ich war früher verbissener. Als ich in Frankfurt Trainer war, bin ich mal auf der Busfahrt zum Spiel eingeschlafen. Der damalige Eintracht-Manager Heribert Bruchhagen sagte zu mir, wie kannst Du jetzt einschlafen. Ich habe gesagt, ich denke nach. Aber ernsthaft: Im Stadion bist du dann natürlich wieder hellwach. Das liegt alleine daran, dass ich an der Seitenlinie immer stehe. Also: Anspannung ist völlig okay. Aber ich lasse mich von niemanden mehr aus der Ruhe bringen.

Guardiola: Super Trainer. Super Mensch. Sehr anstrengend.

11 Match-Plan (lacht herzhaft): Jeder Trainer von 1950 bis heute hat einen Plan. Sepp Herberger, Dettmar Cramer Helmut Schön, Jupp Derwall. Jetzt aber gibt es den Matchplan. Von mir aus, nennen wir ihn eben so. Ich bin mit meiner Mannschaft jedenfalls immer gut vorbereitet, wir wissen, was wir zu tun haben – auch gegen den Gegner. Okay, früher gab es keine Videoanalyse vor dem Spiel, das ist besser heute. Ich bin aber der Meinung, dass man Spieler nicht zu sehr überladen sollte vor einer Partie. Spieler müssen auch situationsbedingt handeln, das muss man im Straßenverkehr ja auch. Man kann nicht alles im Voraus planen.

12 Pep Guardiola: Habe ich voriges Jahr getroffen: Super Trainer. Super Mensch. Sehr anstrengend.

13 Axel Bellinghausen: Fortuna-Ikone, sehr temperamentvoll und überaus engagiert.

14 Peter Hermann: Toller Mensch, sehr viel Erfahrung, wäre auch ein guter Cheftrainer. Menschlich fehlt er uns.

15 Donald Trump: Gewöhnungsbedürftig, überraschend US-Präsident geworden.

16 Große Koalition: Ich glaube, in der derzeitigen Situation ist das die beste Lösung

17 Respekt: In meinem Leben unabdingbar, denn Respekt sollte man vor jedem Menschen auf der Welt haben. Egal, welche Ämter er innehat oder welchen sozialen Stand.

18 Authentizität: Auch ganz wichtig. Kann man nicht lernen. Das sollte einen Menschen auszeichnen – dass er authentisch bleibt, in guten wie in schlechten Zeiten.

Funkel wird Renten-Antrag stellen

19 Promi-Bonus: Ich habe einen Promi-Bonus klar, aber ich nutze ihn nicht aus. Ich würde zum Beispiel niemals in einem Kaufhaus um Prozente feilschen, nur, weil ich ein bekanntes Gesicht bin. In fremden Stadien werde ich manchmal auf die Parkplätze durchgewunken, weil ich dieses bekannte Gesicht habe. Dafür kann ich aber nichts, und brauchen tue ich es auch nicht.

20 Düsseldorf: Tolle Stadt, wo ich früher schon immer sehr gerne war. In der Altstadt, Bolker Straße, tolle Lokale, gute Kneipen, das kann man mit der heutigen Situation dort leider nicht mehr vergleichen. Da konnte man nachts um vier Jahr noch friedlich feiern. Düsseldorf ist aber auch Flughafen, Arena, Fortuna oder DEG – Düsseldorf ist einfach eine geile Stadt.

21 Alter: Alter ist eine Zahl, mehr nicht. Ich habe auch das große Glück, gar nicht an mein Alter denken zu müssen, weil es mir gesundheitlich supergut geht. Ich kann Sport machen, alles. Ich kann auch im nächsten Jahr in Rente gehen, das werde ich auch machen, klar. Den Renten-Antrag werde ich stellen. Aber im Fußballgeschäft möchte ich trotzdem noch gern ein bisschen arbeiten.

22 Relegation: Würde ich jetzt sofort unterschreiben, wenn das für meine Mannschaft im nächsten Jahr so kommen sollte.

23 2018: Gesundheit hat für mich und meine Familie den Vorrang, das geht doch allen so. Beruflich hoffe ich, dass wir uns mit der Fortuna weiter Schritt für Schritt verbessern, sportlich natürlich, aber auch in der Verwaltung wollen wir professioneller werden.

24 Funkel: Ich persönlich möchte mehr Sport machen als 2017. Das war ein bisschen wenig, weil ich eine Verletzung am Fuß hatte. Ich will im neuen Jahr viele Tennismatches machen. Ansonsten ist alles gut und kann so bleiben

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