Rechtsextremismus

Düsseldorfer Ex-Neonazi Torsten Lemmer als Zeitzeuge im ZDF

Fernsehjournalist und Politologe Rainer Fromm (r.) interviewte Torsten Lemmer (l.) für die ZDF-Dokumentation zum Thema Geschichte des deutschen Extremismus.

Fernsehjournalist und Politologe Rainer Fromm (r.) interviewte Torsten Lemmer (l.) für die ZDF-Dokumentation zum Thema Geschichte des deutschen Extremismus.

Foto: OH

Düsseldorf.  Journalist Rainer Fromm interviewte den Düsseldorfer Ex-Neonazi Torsten Lemmer (50). Auch heute nehmen ihm einige den Ausstieg nicht ab.

Der Fernsehjournalist und Politologe Rainer Fromm dreht für das ZDF eine Dokumentation über Extremismus. Mit dabei ist auch ein bekanntes Gesicht aus der Düsseldorfer Stadtpolitik, Torsten Lemmer. Diesen interviewte Fromm im Rahmen der Produktion. Denn Lemmer, der heute Geschäftsführer der Düsseldorfer Ratsfraktion Tierschutz/FreieWähler ist und für die Freien Wähler auf Listenplatz eins für die Kommunalwahl am 13. September steht, hat eine rechtsextreme Vergangenheit.

Der heute 50-jährige produzierte neonazistische Musik von berüchtigten Bands wie „Störkraft“ oder „Sturmwehr“ und verlegte mit „Rock Nord“ eines der bekanntesten Rechtsrock-Magazine. 2001 schaffte er den Ausstieg aus der Szene, macht aus seiner Vergangenheit heute keinen Hehl. Aber: In Düsseldorf ist sein Name belastet, viele glauben ihm nicht, dass mit der Nazi-Szene nichts mehr zu tun hat.

ZDF-Doku: Lemmer gibt als Zeitzeuge tiefe Einblicke

In dem Interview mit Torsten Lemmer ging es besonders um die Bedeutung rechtsextremer Musik für die Szene. „Ich habe Lemmer bereits in den 90er Jahren zu seiner aktiven Zeit interviewt“, berichtet Fromm, der sich seit mehr als 20 Jahren schwerpunktartig mit Rechtsextremismus beschäftigt. Dabei produzierte er nicht nur TV-Beiträge für „Frontal“, „Spiegel TV“ oder „Aspekte“. Rainer Fromm promovierte auch mit einer Dissertation über die neonazistische Terrorgruppe „Wehrsportgruppe Hoffmann“ und schrieb über die Jahre mehrere Bücher über die rechtsradikale Szene in Deutschland und Europa.

„Die neue Doku ist eine Analyse, die sich mit der Geschichte des deutschen Extremismus, besonders des Rechtsextremismus befasst“, sagte er unserer Redaktion. Torsten Lemmer sei dankbar, dass dieser als Zeitzeuge und Insider so offen spreche. Die Dokumentation solle voraussichtlich im November ausgestrahlt werden.

Vergangenheit systematisch aufgearbeitet

Das war ein hervorragendes Interview“, betont Torsten Lemmer. „Wir haben fast vier Stunden gesprochen. Fromm hat wie kaum ein anderer Journalist Einblick in die rechte Szene in Deutschland und Europa. Er hat auch damals schon über Gruppen und Organisationen berichtet, bei denen ich dabei war oder zu denen ich Kontakte hatte“, so Lemmer. „Wir haben meine Vergangenheit systematisch und sehr intensiv aufgearbeitet.“

Sein Ausstieg, so Lemmer, habe sich über einige Jahre hinweg gezogen. „Das war kein Aha-Erlebnis. An sich hatte ich schon 1998 keinen Bock mehr, nachdem ich über Jahre mit schlechten Musikern gearbeitet hatte. Da konnte der Gitarrist nicht richtig Gitarre spielen und der Frontsänger die Texte nicht“, erzählt Lemmer. „Das war die erste Komponente für den Ausstieg, dass ich nicht mehr mit diesen musikalischen Dilettanten arbeiten wollte.“

Neonazis auf der Bühne

Dann nahm er am Aussteigerprogramm „Hamlet/Naziline“ am Schauspielhaus Zürich teil, das der Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief initiiert hatte. Auch die Schauspieler Peter Kern, über viele Jahre Ensemblemitglied am Düsseldorfer Schauspielhaus, und Irm Hermann waren beteiligt. Das Theaterprojekt sollte Rechtsextremisten zurück in die Gesellschaft führen.

So stand Lemmer 2001 mit vier anderen ausstiegswilligen Neonazis auf der Bühne. „Schlingensief, Kern und Hermann haben sich wirklich mit mir beschäftigt“, erinnert sich Lemmer. „Mit Schlingensief habe ich dann den Reichstag besucht, da haben wir dann auch die damalige Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer von den Grünen und einige andere getroffen. Und die haben uns ernst genommen und nicht einfach als Nazis abgelehnt. Die haben sich auf uns eingelassen.“

Ein kontinuierliches Abwenden

Dabei sei der Ausstieg kein leichter Prozess gewesen, so Lemmer weiter. „Ich war ja nicht einfach ein Neonazi aus Garath, ich war als Verleger wirtschaftlich abhängig von der Szene. Ich habe davon gelebt“, berichtet er. „Ich war einer der größten Verleger für rechte Musik, habe mit ‚Rock Nord‘ das größte Rechtsrock-Magazin der Welt herausgegeben und hatte Tonstudios in vielen anderen Ländern. Der Ausstieg war also ein großer wirtschaftlicher Schaden“, so Lemmer weiter. „Die Meinungen haben sich dann nach und nach geändert. Das war ein kontinuierliches Abwenden.“

2001 lernte er auch seine heutige Frau kennen, heiratete die gebürtige Marokkanerin ein Jahr später und konvertierte zum Islam. „Das war die zweite Komponente“, sagt er. „Ich bin seit 19 Jahren mit meiner Frau verheiratet und habe zwei Kinder. Das eröffnete mir eine neue Welt und es erleichterte auch das finanzielle Loslassen. Die Firma hatte schließlich 7 Millionen DM Umsatz. Aber das hat mir gut getan, ich fühle mich gut“, resümiert Torsten Lemmer.

Schlingensief zweifelte selbst an Lemmer

Dabei gibt es auch heute noch nicht wenige, die Lemmer seinen Ausstieg nicht abkaufen und ihm weiterhin Kontakte in die extrem rechte Szene nachsagen. Auch der 2010 verstorbene Schlingensief selbst äußerte 2004 noch gegenüber der Tageszeitung TAZ Zweifel: „Lemmer ist mir bis heute den Beweis schuldig geblieben, dass er nicht mehr an ‚Rock Nord‘ partizipiert.“

Seinen Kritiker erwidert Lemmer: „Wer sagt, ich sei noch drin in der Szene, der solle mir eine einzige Äußerung aus den letzten 19 Jahren zeigen. Ich war in dieser Zeit auf mehr als 100 Veranstaltungen in Europa gegen Nazis als Redner“, sagt er. „Ich habe ein Buch über meinen Ausstieg geschrieben, es ist eine DVD über mich erschienen. Keiner kann mir mehr Rechtsradikalismus vorwerfen. Ich würde dann ja auch gegen meine eigenen Kinder reden.“

Nicht vermittelbarer Lebensentwurf

Auch Politologe Rainer Fromm glaubt an Lemmers Ausstieg aus der Neonazi-Szene: „Die rechtsextreme Szene ist sehr neurotisch, es herrscht viel Misstrauen“, erklärt er. „Ich glaube, dass der Entwurf von Lemmers multikulturellen Leben nicht vermittelbar in der Szene wäre. Das dürfte der beste Beweis sein“, meint Fromm. Und wenn man ihm das nicht abnehme: „Er hat ein sehr offenes und transparentes Interview gegeben, so etwas würde ihm die Szene nicht verzeihen.“

Torsten Lemmer selbst hält die Vorwürfe gegen ihn für „reine Boshaftigkeit aus politischen Beweggründen“. Nur weil ich mich damals nicht zurückgezogen habe, kann man mir nichts vorwerfen“, sagt er. „Ich glaube, man hätte am liebsten, der Lemmer geht raus aus Düsseldorf. Aber den Gefallen tue ich ihnen nicht. Die Leute können sich meinen Wandel einfach nicht vorstellen.

Ich rede heute mit AfD und Republikanern, aber ich rede auch mit den Linken“, erklärt Lemmer, der sich heute in der politischen Mitte sieht. „Ich rede mit wem ich will, mache was ich will. Ich bin nicht konform. Ich stehe zu dem, was ich getan habe, was ich tue und übernehme die vollste Verantwortung. Ich habe mich auch beim Rechtsrock nie herausgeredet. Ich habe meine eigene Identität und lasse mich von niemandem korrumpieren und das ärgert viele.“

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