Warenhäuser

Düsseldorfer Betriebsräte kämpfen für ihre Kollegen

Sie wollen das Aus nicht einfach akzeptieren (v.l.): Wolfgang Grabowski (Kaufhof), Andreas Scholten, Rainer Kruchem (beide Karstadt). Nicht auf dem Bild ist Andreas Marggraf (Kaufhof), der während des Fototermins die Anhörung des Betriebsrats zu den Kündigungen entgegennehmen musste.

Sie wollen das Aus nicht einfach akzeptieren (v.l.): Wolfgang Grabowski (Kaufhof), Andreas Scholten, Rainer Kruchem (beide Karstadt). Nicht auf dem Bild ist Andreas Marggraf (Kaufhof), der während des Fototermins die Anhörung des Betriebsrats zu den Kündigungen entgegennehmen musste.

Foto: Hans-Juergen Bauer (hjba)

Die Schließung mehrerer Filialen von Kaufhof und Karstadt trifft die Belegschaften hart. Betriebsräte kämpfen weiter für ihre Interessen.

Die vier Männer stehen für 127 Jahre Berufserfahrung bei Kaufhof und Karstadt. Als Betriebsräte kämpfen sie für sich und ihre Kollegen, nachdem die Schließung der beiden Filialen am Wehrhahn und an der Schadowstraße bekanntgegeben wurde: Wolfgang Grabowski (59) erlebte schon die Schließung von Galeria Kaufhof an der Berliner Allee. Andreas Marggraf (36) begann vor 20 Jahren seine Ausbildung bei Karstadt und ist heute Betriebsratsvorsitzender des Hauses. Rainer Kruchem (52) ist Betriebsratsvize bei Karstadt und arbeitet seit 29 Jahren in diesem Gebäude. Sein Kollege Andreas Scholten (53), der die Protestaktionen und die Unterschriftensammlungen organisiert, ist seit 33 Jahren dort.

Herr Grabowski, Sie sind seit 43 Jahren beim Unternehmen. Sie erlebten als Betriebsrat die Schließungen von Horten in Dortmund und von Kaufhof an der Berliner Allee. Jetzt geht das Ganze von vorne los. Wie halten Sie das aus?

Grabowski: Es ist schwierig. Der Körper erinnert sich plötzlich sehr gut an diese Zeit. Ich schlafe sehr schlecht. Die Schließung 2014 zog sich über anderthalb Jahre, in denen ich die Sorgen und Nöte der Mitarbeiter hautnah erlebt habe, ohne etwas tun zu können. Auch ich persönlich hing ganz bis zum Schluss in der Luft. 2015 war es dann, als ob jemand den Stecker gezogen hätte, ich hatte einen Burn-out. Jetzt ist es mir fast schon lieber, dass der ganze Prozess schnell und gnadenlos über die Bühne gehen soll.

Marggraf: Rechne doch noch mal vor, wie sich deine möglichen Abfindungen geändert haben.

Grabowski: 2014 hätte ich noch 110.000 Euro haben können, letztes Jahr noch 80.000 Euro. Nun sind es aufgrund des Insolvenzverfahrens noch maximal 5910 Euro.

Marggraf: Durch die Insolvenz gelten die Regelungen des Tarifvertrages nicht mehr, so günstig werden sie uns nie wieder los. Im März wurden auch einfach mal 15 Prozent des Lohns einbehalten.

Wie ist die Lage für die rund 300 Mitarbeiter der beiden Filialen?

Marggraf: Wir haben jetzt die Anhörung des Betriebsrats zu den Kündigungen vorliegen, denen wir widersprechen werden. Ende des Monats müssen dann die Mitarbeiter mit den Kündigungen rechnen, es sei denn, sie sind in die Tarifgesellschaft gewechselt, wofür sie sich jetzt auch noch entscheiden können. Im Einzelfall muss abgewogen werden, ob sich die Abfindung von wohl 1,5 Monatsgehältern und gegebenenfalls eine Kündigungsschutzklage mit langwierigem Verlauf eher lohnt oder die Tarifgesellschaft mit sechs Monaten mehr Zeit bis zur Arbeitslosigkeit.

Was geschieht mit einem Mitarbeiter, falls doch noch ein Standort erhalten bleibt und er bereits in die Transfergesellschaft eingetreten oder die Kündigungen wirksam ist?

Marggraf: Dafür gibt es jetzt immerhin eine Rückkehrklausel. Das heißt, egal ob Kündigung oder Transfergesellschaft, alle kämen in einen Topf und es würde nach Sozialpunkten ausgewählt.

Herr Marggraf und Herr Kruchem, Sie waren in der Telefonkonferenz dabei, als dem Betriebsrat die Schließungen bekanntgegeben wurden. Wie lief das ab?

Marggraf: Es wurden die Namen der Filialen vorgelesen, die schließen. Nachfragen waren nicht möglich.

Kruchem: Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Lösungsvorschläge waren kein Thema. Wir wurden einfach aufs Abstellgleis gesetzt.

Marggraf: Und wir waren besonders geschockt, weil wir nicht damit gerechnet hatten, dass es gleich beide Häuser und Karstadt Sports trifft.

Wie hat die Belegschaft das aufgenommen?

Kruchem: Eine Stunde später hat die Geschäftsleitung die versammelten Mitarbeiter in den beiden Häusern informiert. Die Kollegen waren absolut fassungslos, sie haben geweint und sich trotz Corona in den Armen gelegen.

Grabowski: Es hat wirklich lange gedauert, das zu begreifen. Das war eine Woche lang wie im falschen Film. Es ist für viele Kollegen, als ob sie ihre Heimat verlieren.

Scholten: Die Kollegen arbeiten nicht selten seit Jahrzehnten zusammen und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Wir haben viele Alleinerziehende, die so schon kaum über die Runden kommen. Da gibt es große Existenzängste.

Grabowski: Hinzu kommt, dass wir in der Luft hängengelassen wurden. Es gab keine weiteren Infos. Das hat alles noch schlimmer gemacht.

Wie motivieren sich die Mitarbeiter, Tag für Tag weiterzuarbeiten?

Scholten: Ganz wichtig ist der unglaublich starke Zuspruch der Kunden, die uns berichten, wie wichtig ihnen die Warenhäuser sind. Wir haben bereits 25.000 Unterschriften sammeln können. Auch die Umsätze entwickeln sich plötzlich gut. Manche nehmen Wartezeiten von bis zu 40 Minuten an der Kasse in Kauf. Außerdem sind wir als Belegschaft noch enger zusammengewachsen.

Grabowski: Die Trauer ist mittlerweile in Wut und Zorn umgeschlagen. Deshalb werden wir jetzt kämpfen, bis zum letzten Tag.

Es bleibt noch Hoffnung zumindest auf den Erhalt des Karstadt-Standortes. René Benko will ja als Eigner von Signa und Eigentümer des Kaufhof-Gebäudes dort ein Hochhaus entwickeln. Bei Karstadt verhandelt er nun mit dem Eigentümer über eine niedrigere Miete. Gleichzeitig hat OB Thomas Geisel mit Benko abgesprochen, dass die Entwicklung des Hochhauses von der Stadt unterstützt wird, wenn die Arbeitsplätze gesichert werden. Wie stehen Sie dazu?

Grabowski: Wir sind da sehr dankbar für die Unterstützung aus der Politik und vom Oberbürgermeister und auch von vielen Düsseldorfern. Das entspricht genau unseren Forderungen, die wir dem OB auch bei einem Treffen mitgeteilt haben. Die Mitarbeiter könnten dann auf den verbleibenden Standort sowie auf die Kö aufgeteilt werden, und dann in zwei Jahren auch noch auf das neue KaDeWe im Carsch-Haus, das Benko ja auch entwickeln will.

Welche Fehler sind in der Vergangenheit bei Karstadt und Kaufhof gemacht worden?

Kruchem: Bei Karstadt ist zuletzt unglaublich viel experimentiert worden, mit dem Ergebnis, dass wir fallengelassen werden.

Scholten: Wir haben zudem das Problem mit der langjährigen Baustelle vor der Tür gehabt. Doch genau jetzt, wo sich das Ende abzeichnet und wir von der umgebauten Schadowstraße und dem Kö-Bogen profitieren könnten, nimmt man uns kurz vor dem Ziel diese Chance. Und der Standort würde ja auch von den Menschen im neuen Hochhaus profitieren. Zumal uns viele Kunden sagen, dass sie eben gerade nicht auf der Kö einkaufen gehen wollen. Das mittlere Segment zwischen günstig und teuer würde ohne uns fehlen.

Grabowski: Beim Kaufhof haben wir im letzten Jahr auf einen Schlag erlebt, was bei Karstadt seit 2003 läuft. Wir mussten plötzlich mit 40 Prozent weniger Mitarbeitern auskommen. Dabei lebt ein gutes Warenhaus ja von guter Beratung. Zudem wurden Verkauf, Kasse und Aufbau streng getrennt. Da wusste der Verkäufer dann erst mal gar nicht mehr, wo die Ware platziert worden war und musste sie suchen, wenn ein Kunde fragte. Aber auch bei Hinweisen auf die Probleme schien das nicht wirklich jemanden zu interessieren.

Marggraf: Hinzu kommt, obwohl wir beim Kaufhof bei der Digitalisierung weit waren, haben wir die veraltete EDV von Karstadt übernehmen müssen. Vom papierlosen Kassensystem mit Tablets ging es zurück zu veralteten Computern und wieder viel Papier. Manchmal hat man das Gefühl, dass da System dahinter steckt. So verstehe ich nicht, dass Herr Benko nicht bereit ist, die Miete für praktisch seine eigenen Warenhäuser zu senken. Und im Gegenzug als Mieter bei Karstadt extrem harte Forderungen aufstellt. In anderen Städten hat er ja sehr weitreichende Angebote nicht angenommen.

Warum haben Warenhäuser aus Ihrer Sicht noch eine Zukunft?

Grabowski: Ich bin überzeugt, dass wir gegen den Online-Handel bestehen können. Man will die Dinge vor Ort anfassen und ausprobieren, das entdecken auch viele junge Menschen gerade neu. Zumal sie oft überrascht sind, wie groß die Auswahl in einem Warenhaus wirklich ist. Wir müssen diese neuen Kunden aber ins Haus locken. Und dafür bräuchten wir mehr Events, Einkaufen muss zum Erlebnis werden.

Kruchem: Das Angebot der Häuser müsste zudem viel mehr lokalisiert werden. Warum gibt es bei uns nicht ein kleines Baumarkt-Sortiment? Es gibt keinen Baumarkt in der City.

Scholten: Früher konnten wir noch einen Teil selbst einkaufen. Da hatten wir zum Beispiel nach Bedarf Schützenuniformen oder weiße Jeans für die Ärzte in der Umgebung. Und das lief gut.

Marggraf: Es fehlt Liebe zum Detail.

Mittlerweile ist der Ausverkauf gestartet. Wie läuft der ab?

Marggraf: Die Vermarktung übernimmt ein Serviceunternehmen, das nun nach und nach die Rabatte erhöhen wird, am Ende bis auf 90 Prozent. Nur bei den Shops im Shop können die Unternehmen die Waren so anbieten, wie sie möchten, und am Ende wieder rausnehmen. Die Kunden müssen sich darauf einstellen, dass es viele gewohnte Abläufe wie einen Umtausch nicht mehr geben wird. Auch die Rabattkarten werden nicht mehr gültig sein.

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