Musiker in Dortmund

Weniger Konzerte bei niedrigeren oder ganz ohne Gagen

Konzert von Marillion Gitarrist im Piano in Lütgendortmund.

Foto: Stephan Schütze

Konzert von Marillion Gitarrist im Piano in Lütgendortmund. Foto: Stephan Schütze

Dortmund.  Von der Musik leben können in Dortmund immer weniger Menschen: Auftrittsmöglichkeiten nehmen ab, die Veranstalter zahlen immer weniger Geld, das Publikum hat einen immer größeren Igel in der Tasche. Einige der Musiker versuchen nun, die Verhältnisse zu ändern.

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Es gibt einen Text, der immer wieder mal im Internet herumgereicht wird, und den Musiker gleichzeitig hassen und lieben. Er beginnt mit einem Jobangebot: „Wir sind ein kleines Restaurant und suchen Musiker, die gelegentlich bei uns musizieren, um bekannt zu werden. Wir können zwar keine Gage zahlen, aber wenn die Sache gut funktioniert und die Musik bei unseren Gästen gut ankommt, könnten wir an den Wochenenden auch Tanzveranstaltungen machen. Sollten Sie also daran interessiert sein, Ihre Musik bekannt zu machen, melden Sie sich bitte bei uns.“

Dann die Antwort: „Wir sind Musiker und wohnen in einem ziemlich großen Haus. Wir suchen ein Restaurant, das gelegentlich bei uns Catering macht, um bekannt zu werden. Bezahlen können wir nichts, aber wenn die Sache gut funktioniert und das Essen schmeckt, dann könnten wir das regelmäßig machen. Es wäre bestimmt eine gute Reklame für Ihr Restaurant. Bitte melden Sie sich bei uns.“

Den ersten Teil hassen Musiker, weil er wahr ist. Solche Angebote gibt es, auch in Dortmund, sagt der Dortmunder Musiker Martin Buschmann. Und Gastronomen, die so etwas anbieten, seien oft erstaunt, wenn eine Band so ein „gutes Angebot“ ablehnt.

Den zweiten Teil lieben Musiker, weil er verdeutlicht, wie absurd ein solches Angebot plötzlich wirkt, wenn man es nicht mehr an Musiker adressiert, sondern an Gastronomen oder irgendeinen anderen Dienstleister. Solche Ausbeuterjobs würden nur Musikern angeboten, sagt Buschmann.

Weniger Konzerte, weniger Geld

Martin Buschmann ist 62 Jahre alt und lebt seit 45 Jahren von der Musik. Er hat den Steeldrum-Verein Pankultur mitgegründet, wo er komponiert und unterrichtet, und spielt aktuell in sechs Bands, unter anderem Whatever Works, Salon 4B und Sunshine Coconuts. In den 80ern habe man von der Musik gut leben können, sagt Buschmann. Mit seiner ersten Band, Cochise, habe er 160 Konzerte im Jahr gespielt und damit 2500 Mark im Monat verdient. 2007 kam er mit allen seinen Ensembles auf gute 100 Auftritte pro Jahr, im vergangenen Jahr nur noch auf um die 80, „und wir verdienen viel weniger“.

Laut seiner letzten Steuererklärung von 2015 verdiente er insgesamt rund 25.000 Euro – und zwar zusammen mit seiner Frau, der Profimusikerin Bea Bernert. Abzüglich der Kosten für Instrumente, Fahrten und so weiter blieben rund 14.000 Euro zu versteuerndes Einkommen, für beide zusammen. Das ist so wenig, dass er nicht mal einen Euro Steuern zahlen musste.

„Existenziell am Minimum“, sagt Buschmannn. Hauptgrund: immer weniger Auftrittsmöglichkeiten bei immer niedrigeren oder ganz ohne Gagen. Vor allem unter Gastronomen habe sich das „Spielen auf Hut“ immer mehr durchgesetzt. Es bedeutet: Die Band oder der Veranstalter lässt einen Hut herumgehen und jeder Zuschauer kann reinlegen, was er für angemessen hält. Was da dann drin liegt, bekommt die Band. Liegt nichts drin, hat die Band umsonst gespielt.

Berufsstand "geht den Bach runter"

Buschmann weiß, dass die Gastronomen und Veranstalter selbst sehr knapp kalkulieren müssen und sich eine Gage oft nicht leisten können. Denn Gage bedeutet, dass die Veranstalter Eintritt nehmen müssen. Und die Erfahrung zeige, dass dann kaum jemand kommt – zumindest nicht bei unbekannten oder wenig bekannten Bands, egal, wie gut die sind. Und dann ist der Abend ein Reinfall für alle Beteiligten.

Trotzdem, sagt Buschmann, könne es so nicht weitergehen. So, wie es jetzt läuft, könne kaum ein Profimusiker noch von seiner Musik leben: „Ich sehe unseren ganzen Berufsstand den Bach runtergehen.“

Mit anderen Dortmunder Musikern hat Buschmann im November das „Musiksyndikat“ gegründet. Ihr Ziel: möglichst viele der Dortmunder Musiker vereinen, um zusammen die Bedingungen verbessern zu können. Auf ihrer ersten öffentlichen Veranstaltung, einer Podiumsdiskussion am vergangenen Sonntag im Gasthaus Zur Quelle in Barop, diskutierten sie mit anderen Musikern und Konzertveranstaltern die Probleme, Ursachen und Lösungsansätze.

Die drei Probleme

Problem 1: Es gebe viel weniger Menschen als früher, die überhaupt noch Lust auf Livemusik haben. Mit Handy in der Tasche und Streamingdiensten zu Hause habe jeder mehr Musik zur Verfügung, als er jemals hören kann.Problem 2 folgt aus Problem 1: Weil die Musik digital gar nichts oder nur sehr wenig kostet, sei kaum noch jemand bereit für Livekonzerte etwas springen zu lassen. Dazu kommen große Festivals oder Konzerte von internationalen Superstars, die inklusive Anfahrt und Übernachtung locker ein paar hundert Euro kosten – das Publikum tendiere dazu, statt vielen kleinen Konzerten nur ein großes, teures zu besuchen.Problem 3: Immer weniger Kinder und Jugendliche können selbst ein Instrument spielen, und wenn, dann höchstens auf Jeki-Niveau. Diese Heranwachsenden wüssten gar nicht, dass ein Livekonzert mit echten Instrumenten etwas völlig anderes sei als Konservenmusik.

Diese Probleme sind überregional und komplex, und können nicht von ein paar Dortmunder Musikern mal eben geändert werden. Als Lösungsansatz für ihre akuten, prekären Lebensverhältnisse diskutierten die Musiker in der „Quelle“ hauptsächlich das Gagenproblem. Die Syndikatgründer schlugen vor, sich auf keine Konzerte auf Hut mehr einzulassen.

Wenn sich viele Bands und Musiker darauf einigen können, so ihre Überlegung, dann müssten die Gastronomen und andere Konzertveranstalter sich entscheiden: Entweder nehmen sie Eintritt und zahlen der Band eine Gage, dann teilen sich Band und Veranstalter das Risiko, dass die Leute wegbleiben. Oder sie haben eben keine Livemusik. Einige der Anwesenden wollten jedoch die Auf-Hut-Konzerte nicht ausschließen (siehe unten).

Musiker seien mitschuldig an Situation

Etwa 30 Musikerinnen und Musiker waren bei dieser Diskussion in der „Quelle“. Einer der 30 ist Guntmar Feuerstein (Ape&Feuerstein, L.Bow Grease, Die Feuersteins). Er sagt, das Musiksyndikat sei der erste ihm bekannte Versuch eines Bündnisses, von einem ähnlichen, erfolglosen Versuch vor vielen Jahren mal abgesehen.

Die Musiker selbst seien mitschuldig an der aktuellen Misere, sagt Feuerstein. Sie alle hätten seit Jahren ihre Musik als Audio oder Video ins Internet gestellt und dadurch das Publikum daran gewöhnt, dass Musik grundsätzlich gratis ist. Dennoch, oder gerade deswegen, sei er gern bereit, sich mit den anderen über eine gemeinsame Strategie zu verständigen.

Martin Buschmann ist optimistisch. „Wir verstehen uns, das Musiksyndikat, als Keimzelle einer Gesellschaft, in der Künstler eine entsprechende Wertschätzung erfahren.“

Das spricht gegen Hutkonzerte:

Das Musiksyndikat spricht sich gegen Hutkonzerte aus, weil es sich ihren Erfahrungen nach nur ganz selten lohnt. Mit seiner Funkband Whatever Works habe er zum Beispiel kürzlich im „Maschinchen Buntes“ in Witten gespielt. Ohne Eintritt, auf Hut. Im Hut waren anschließend 98 Euro. Für acht Musiker, zwei Stunden Musik und für die Arbeit vor- und nachher. Buschmann: „Das passiert uns nicht noch mal.“ Zum Vergleich: Eine akzeptable Gage für so einen Auftritt beginne bei Minimum 1000 Euro, und auch nur innerhalb Dortmunds. Fair seien Gagen ab 400 Euro pro Musiker. Aber so etwas gebe es so gut wie überhaupt nicht mehr.

Manche Hutkonzert-Befürworter argumentieren: Wenn ein Konzert keinen Eintritt kostet, muss der Veranstalter auch weniger Gema-Gebühr entrichten. Doch auch das hat einen dicken Haken, sagt Buschmann: Denn je weniger Geld die Gema erhält, desto weniger kann sie ihrem Zweck nachkommen, und der besteht ja gerade darin, die Musik und die Musiker zu schützen und zu fördern. Buschmann verlangt Fairness: Mit Eintritt teilen Musiker und Veranstalter sich das Risiko.

Das spricht für Hutkonzerte:

Der Dortmunder Liedermacher und Komponist Hannes Weyland nennt sich einen „absoluten Verfechter von Hutkonzerten“. Er kenne sehr viele Musiker, die damit einen großen Teil ihres Einkommens verdienen. „Ein Hut-Abend kann sehr viel lukrativer sein als ein Door-Abend“, also ein Konzert, bei dem jeder an der Tür den gleichen Eintrittspreis bezahlt.

Allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen: Zum einen müsse der Auftrittsort die Hutspende bei seinem Stammpublikum etabliert haben, die Leute müssen daran gewöhnt sein, nicht nur ein paar Cent, sondern vielleicht einen Fünfer reinzuwerfen, weil sie wissen, dass die Musiker davon leben müssen. Und weil sie wissen, dass sie damit nicht nur für die zwei Stunden Musik bezahlen, sondern auch für die An- und Abfahrt, den Auf- und Abbau, das Komponieren und Einüben der Musik und nicht zuletzt die vielen Jahre Übung, die es braucht, um ein guter Musiker zu werden. Am besten sei es, sagt Weyland, wenn der Veranstalter selbst den Hut bewerbe.

Hier funktioniert es mit Eintritt:

Der Truxhof in Kirchhörde ist ein kleiner Konzertveranstalter: Dr. Dietrich Eickelpasch stellt drei bis vier Konzerte im jahr auf die Beine, auf dem Heuboden seines Privathauses am Patroklusweg 25, mit Hilfe von Familie und Freunden. Geld verdiene er nicht damit, sagt Eickelpasch, aber die Konzerte decken die Kosten. Knapp 200 Leute passen hinein, im Schnitt kommen 100 Besucher. Bei 12 bis 20 Euro Eintritt, je nach Band, könne er Gagen zahlen von mindestens 150 Euro pro Musiker.

Das funktioniere nur, sagt Eickelpasch, weil er konsequent auf die Qualität der Bands achte. Das habe sich herumgesprochen, und deswegen vertraue ihm das Publikum und komme auch, wenn es die Band nicht kennt. Ganz ähnlich macht es der Blue-Notez-Club, ein von 13 Personen seit 2011 ehrenamtlich bespielter Jazz-, Folk- und Bluesclub an der Joseph-Cremer-Straße 25 in der Gartenstadt.

Ganz zu Anfang, sagt der erste Vorsitzende Lothar Potnek, habe er es auf Hut versucht, aber die Leute hätten zu wenig gezahlt. „Das finde ich den Bands gegenüber unfair.“ Seitdem nimmt der Club Eintritt und vereinbart mit den Bands vorher einen festen Deal, entweder einen Anteil am Eintrittsgeld (40/60 oder 50/50), oder eine feste Gage.

Hier funktioniert es mit Hut:

Im Schiller 37 an der Schillerstraße 37 veranstalten die Betreiber ehrenamtlich rund neun Konzerte im Jahr. In einem kleinen Raum, in den je nach Bestuhlung 12 bis 30 Personen passen. „Wir könnten hier keinen Eintritt nehmen“, sagt eine der Betreiberinnen, Angelika Neuse. „Weil das Publikum so unterschiedlich ist.“ Wenn sie zum Beispiel 5 Euro Eintritt nähme, würden manche Menschen gar nicht kommen, weil sie es sich nicht leisten könnten.

Die anderen würden alle 5 Euro zahlen, obwohl manche sicher zu mehr bereit wären. Dann kommt sie bei 15 Besuchern auf 75 Euro. Auf Hut kommen alle, die interessiert sind, also insgesamt vielleicht 25. Dann lägen im Hut vielleicht 125 Euro – 50 Euro mehr für die Musiker. Immer noch nicht viel, aber die Musiker wissen vorher, worauf sie sich einlassen. „Ich bemühe mich immer um viel Publikum“, sagt Neuse.

Und: Sie geht selbst mit dem Hut herum und wirbt dafür, was für die Musiker und fürs Publikum viel angenehmer ist. Im Schiller 37 sei es übrigens wirklich ein echter Hut: ein schöner, grüner aus Cord, der bei einem Theaterstück mal übrig blieb.

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