Antworten von der GEW

Was sagen Lehrer zum Thema Unterrichtsausfall?

Lesedauer: 3 Minuten
Schüler dürfen nach Hause gehen, auch wenn der Stundenplan noch Unterricht vorsieht. Wie oft kommt das vor?

Schüler dürfen nach Hause gehen, auch wenn der Stundenplan noch Unterricht vorsieht. Wie oft kommt das vor?

Dortmund.  Wie sagen Lehrer, Elternvertreter und letztendlich die Schüler selbst zum Thema? Wir haben uns umgehört. Als erstes bei der Lehrergewerkschaft GEW. Vorsitzender Volker Maibaum: "Unterrichtsausfall ist im System vorprogrammiert."

Das Landesministerium gibt an, dass 1,8 Prozent der Unterrichtsstunden in NRW ausfallen. Was sagen Sie dazu?

Mit dieser Prozentzahl werden nur die ersatzlos ausgefallenen Unterrichtsstunden erfasst. Schulen sind aber angewiesen, dies durch vielfältige Maßnahmen zu verhindern. Der planmäßig erteilte Unterricht wird mit 84,8 Prozent angegeben, 5,8 Prozent ist Unterricht in besondern Form (zum Beispiel eigenverantwortliches Lernern) oder klassischer Vertretungsunterricht mit 7,6 Prozent. In beiden Fällen wird dies häufig durch unbezahlte Mehrarbeit der Lehrkräfte abgesichert.

Streitpunkt ist die Bewertung dieses "nicht planmäßigen Unterrichts". Hier helfen radikale Forderungen nicht weiter. Weder ist ein fachlicher Eins-zu-eins-Ausgleich in jedem Fall realistisch, noch kann eine Aufsichtssicherung als Unterricht gewertet werden. Hier bedarf es klarer Übereinkünfte, was als Unterrichtsausfall zählt. Aus gewerkschaftlicher Sicht ist aber auch die Belastung der Lehrkräfte zu erfassen.

Was sind Ihrer Meinung oder Erfahrung nach Hauptursachen für Unterrichtsausfall?

Die Zuweisung des Lehrpersonals erfolgt auf Basis von Pauschalen, wie Lehrer-Schüler-Relation. Diese Pauschalen sind seit den 90er-Jahren so knapp kalkuliert, dass die besonderen Anforderungen der einzelnen Schule, ihre soziale Zusammensetzung oder die Herausforderungen von Inklusion und Integration nicht durch diese Pauschalisierung widergespiegelt werden.

Schulleitungen improvisieren bei der Unterrichtsplanung, um die Anforderungen zu erfüllen. Unterrichtsausfall ist so im System de facto vorprogrammiert. Da es gleichzeitig keine reale Vertretungsreserve an der einzelnen Schule gibt, bringt jeder Ad-hoc-Ausfall die Unterrichtsversorgung ins Wanken.

Im Falle von längerfristigem Ausfall ist aktuell das Problem, dass es kein pädagogisch ausgebildetes Personal gibt. Schon in der Vergangenheit war es kaum möglich, den entsprechenden fachspezifischen Vertretungsbedarf zu decken. Heute kommt hinzu, dass kein allgemein pädagogisch ausgebildetes Personal zur Verfügung stehen.

Wie ließe sich dem Stundenausfall entgegenwirken?

Die personelle Ausstattung der Schulen muss sich nach dem realen Bedarf und nicht nach fiktiven Pauschalen richten, die der Finanzminister vorgibt. Neben einer allgemeinen personellen Ausstattung müssen die Schulen für Projekte, besondere Aufgaben und soziale Herausforderungen zusätzliche Stellenkontigente anfordern können.

Außerunterrichtliche pädagogische Aufgaben sind durch eigenständige Stellenkontingente abzudecken und nicht durch Umwidmung von Lehrkräftestellen (zum Beispiel für Schulsozialarbeit) oder durch Kapitalisierung (Ganztagsbereich). Grundsätzlichen muss den Schulen eine Vertretungsreserve zugewiesen werden, an kleinen Schulen mindestens eine zusätzliche Stelle, in größeren Einheiten müsste diese zwischen fünf und zehn Prozent des Personals sein.

Die wichtigsten Infos zum Projekt:

  • Der "Unterrichtsausfall-Check" ist ein Projekt der Ruhr Nachrichten mit dem gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv. Jeder kann sich nach einer einmaligen Anmeldung an der Datensammlung beteiligen.
  • Erfassungszeitraum ist der 1. bis 31. März. Öffentlicher Auftakt ist am 23. Februar (Donnerstag), 19 Uhr im Lensing-Carre Conference Center, Silberstraße 21. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht nötig. Dort wird genau erklärt, wie die Erfassung funktioniert.
  • Wir begleiten das Projekt mit einer fortlaufenden Berichterstattung zu aktuellen Schul-Themen und Zwischenberichten zur Datensammlung. Auch der von vornherein nicht eingeplante Unterricht wird Thema. Anmeldung für den Newsletter und ab 23.2. für die Datenbank unter www.unterrichtsausfall-check.de

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