Interview

Warum die Stadt in Nordstadt-Schrottimmobilien investiert

Wenn die Haustür abschließbar ist, ist das ein Schlüssel zum Erfolg. Wie dieses Haus, sollen weitere Häuser saniert werden.

Wenn die Haustür abschließbar ist, ist das ein Schlüssel zum Erfolg. Wie dieses Haus, sollen weitere Häuser saniert werden.

Foto: Gregor Beushausen

Dortmund.  Die Stadt Dortmund kauft erste Schrottimmobilien in der Nordstadt. Warum, erklärt Grünbau-Chef Andreas Koch im großen Interview.

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Weitgehend unbeobachtet von der Öffentlichkeit hat die Stadt begonnen, die ersten Schrottimmobilien in der Nordstadt zu kaufen. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Grünbau GmbH und die Dortmunder "Stiftung Soziale Stadt". Was sind die Ziele? Was passiert mit den Häusern? Wie hoch sind die Kosten? Ein Interview mit Grünbau-Chef Andreas Koch.

Täuscht der Eindruck, dass die Zahl der Schrottimmobilien in der Nordstadt, die so viel Schlagzeilen produziert haben, langsam aber sicher sinkt?

Der Eindruck täuscht nicht. Es ist gar nicht lange her, da sind wir hier auf 100 bis 130 solcher Problemhäuser gekommen. Aktuell dürften es noch um die 75 sein. Viele dieser Immobilien sind inzwischen von privaten Eigentümern gekauft oder ersteigert worden und werden jetzt mit hohem Aufwand saniert. Dazu gehören übrigens auch ortsansässige Familien mit Migrationshintergrund. Den Ausschlag dafür dürften die niedrigen Zinsen auf dem Kapitalmarkt geben, Investitionen in Immobilien sind wieder gefragt.

Parallel hat auch die Stadt begonnen, die ersten heruntergekommen Häuser zu kaufen. Das heißt, die öffentliche Hand muss jetzt nachholen, was die früheren Eigentümer versäumt haben?

Wenn sie das so sehen wollen... Sie können aber davon ausgehen, dass die Stadt die Immobilien zu angemessen Preisen erwirbt und sie ihren Eigentümern nicht noch vergoldet. Es ist auch nicht geplant, sämtliche Problemhäuser zu übernehmen. Wenn, kauft die Stadt von Fall zu Fall. Trotzdem ist das eine gute Entwicklung. Sie gibt uns die Chance, Problemhäuser nach dem Modell der Brunnenstraße 51 zu sanieren. Die Stiftung Soziale Stadt hatte das Objekt in völlig marodem Zustand gekauft. Die Grünbau gGmbH hat es unter Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen saniert und wieder bewohnbar gemacht. Nach der Fertigstellung hat die kommunale Dogewo21 die Immobilie in ihr Portfolio übernommen und bewirtschaftet sie. Alle Wohnungen sind vermietet. Das war ein viel beachtetes und sehr erfolgreiches Projekt, an dem viele Partner mitgewirkt haben. Das wollen wir jetzt in ähnlicher Form auf weitere Objekte übertragen.

Auf welche?

Ein aktuelles Beispiel ist das Haus Missundestraße 80. Die Stiftung Soziale Stadt hat die Immobilie mit acht Wohnungen erworben. Wir haben der Stadt Dortmund angeboten, das Haus komplett zu sanieren und es anschließend für eine Nutzung des Jugendamtes an die Stadt zu veräußern. Stimmen die politischen Gremien zu, können wir nach der Sommerpause loslegen. Mitte 2018 wären wir fertig. Auch in diesem Fall würde die Sanierung durch Langzeitarbeitslose unter Beteiligung von Fachfirmen übernommen.

Gibt es weitere Beispiele?

Ja. Die Stadt hat vor Kurzem die Immobilien Nordmarkt 3 und Mallinckrodtstraße 55 bis 57 übernommen, Mallinckrodtstraße 59 soll folgen. Das sind insgesamt 40 Wohneinheiten, in denen mehr als 160 Menschen osteuropäischer Herkunft leben. Inzwischen sind alle registriert und amtlich gemeldet. Der Kauf war ein sehr komplexer Vorgang. Es handelt sich um Eigentumswohnungen, die in vielen verschiedenen Händen lagen. Nach einer Ausschreibung hat Grünbau nun den Auftrag zur Instandsetzung und Bewirtschaftung erhalten. Die Arbeiten sind bereits gestartet.

Was genau ist zu tun?

Lapidar gesagt, alles. Von der gesamten Elektrik über die Heizungsanlagen bis zu den Fenstern - alles muss überarbeitet und gesichert werden. Spätestens im Juli wird das Haus Mallinckrodtstraße 55 auch eine verschließbare Haustür haben. Das mag sich merkwürdig anhören, aber in dieser Maßnahme liegt schon der eigentliche Schlüssel zum Erfolg. Unsere Leute haben Dreck und Müll mit dem Radlader aus dem Innenhof geholt. Sie mussten Schutzanzüge und Atemmasken tragen, so schlimm war das. Drogendealer und Prostituierte sind im Hausflur ihren Geschäften nachgegangen, Junkies haben sich dort den Schuss gesetzt. Dem schieben wir jetzt den Riegel vor, im wahrsten Sinn des Wortes. Einen Nachtwächter gibt es bereits. Neben Videoüberwachung am Hauseingang werden wir eine Art Concierge einsetzen, der nach dem Rechten sieht und den Bewohnern beispielsweise Beratung in ihrer Muttersprache anbietet. Und wir sind guter Dinge, mit Hilfe einer Landesförderung weiteres Personal einstellen zu können.

Alle fünf Gewerbeeinheiten im Erdgeschoss kommen weg?

Lassen Sie es mich so ausdrücken: Viele Probleme wurzeln in diesen Gewerbeeinheiten, die alle über sehr umfangreiche Sortimente verfügen. Deshalb auch die Menschentrauben vor den Häusern. Die Läden kommen allesamt raus. Bei der Stadt wird überlegt, an ihrer Stelle eine Kita oder eine Großpflegestelle einzurichten. Man muss das sehr klar sagen: Es ist nicht so, dass die Menschen draußen vor den Bewohnern der Häuser geschützt werden müssen. Es ist genau umgekehrt.

Wie hoch sind die Modernisierungskosten?

Das lässt sich noch nicht sagen, die Modernisierung steht 2018 an. Zunächst geht es um die Instandhaltung, die wird rund 400 000 Euro kosten. Es wird Ende 2017 werden, bis die letzte Treppenstufe so geworden ist, wie sein soll.

"Ich behaupte, mischen ist possible"

Wer trägt die Kosten?

Als neuer Eigentümer steht die Stadt in der Pflicht, sie muss das Gebäude verkehrssicher machen und in bewohnbarem Zustand bringen. Wir sind als Grünbau gGmbH der Auftragnehmer und für die operative Umsetzung der Maßnahmen zuständig. Damit kein Missverständnis entsteht: Es gibt keine Luxussanierung! Es geht darum, die Häuser und Wohnungen in einen angemessenen Standard zu versetzen. Am Ende des Tages dürfen die Mieten die des Sozialen Wohnungsbaus nicht überschreiten. Wir werden also bei 5,25 Euro pro Quadratmeter landen. Und das heißt auch, dass die Wohnungen allen Menschen offenstehen, die unter die Einkommensgrenzen des Sozialen Wohnungsbaus fallen. Das können Flüchtlinge mit abgeschlossenem Asylverfahren sein, Studenten oder Deutsche mit Transfereinkommen. Wir wollen kein irgendwie geartetes Ghetto, sondern eine gute Durchmischung. Ich behaupte, mischen ist possible.

Wird die Stadt die Immobilien langfristig in ihrem Bestand halten?

Fördermittel für die Sanierung lösen eine Bindungswirkung aus, ein Verkauf an Private ist ausgeschlossen. Es gibt aber andere Idee: In Absprache mit der Stadt wird erwogen, alles Problemimmobilien, die die Stadt erworben hat, in eine neue Tochter unter dem Dach der Stiftung. zu überführen. Die Viertelwerk gGmbH, ebenfalls gemeinnützig, würde die Häuser auf Basis von Erbpacht übernehmen und verwalten. Das Modell liegt dem Finanzamt zur Prüfung vor. Auf diesem Weg schlagen wir mehrere Fliegen mit einer Klappe: Wir können Problemimmobilien zügig sanieren, qualifizieren Langzeitarbeitslose, sorgen für Beschäftigung und heben die Wohnqualität ganzer Quartiere. Nebenbei starten wir den Versuch, neuen sozialen Wohnungsbau zu etablieren, den Dortmund dringend benötigt.

>>> INFO: Die Dortmunder Stiftung Soziale Stadt

  • Sie engagiert sich in jenen Stadtteilen, die wirtschaftlich und sozial den Anschluss an andere Stadtgebiete zu verlieren drohen.
  • Sie schafft soziale, geförderte Arbeit, unterstützt schulische und berufliche Qualifizierung und regt Nachbarschafts- und Selbsthilfe in den Quartieren an.
  • Das Stiftungskapital beträgt 142 458,62 Euro.
  • Die Stiftung speist sich aus dem Stiftungskapital, aus Spenden, Zustiftungen und Wohnungsbau- bzw. Städtebaumitteln.
  • Im Kuratorium vertreten sind u.a. das NRW-Städtebauministerium, DGB, IHK, Handwerkskammer, Kreishandwerkschaft und die Stadt Dortmund mit OB Ullrich Sierau und Dezernenten.
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