Zwischen Dorstfeld und Schönau

Vergessener Ort - die Emscherauen

Emscher aue / lost places / Foto von der Schnettkerbrücke [ Dieter Menne Datum: 07.09.2017

Emscher aue / lost places / Foto von der Schnettkerbrücke [ Dieter Menne Datum: 07.09.2017

Foto: Dieter Menne

Dortmund.  Über die Schnettkerbrücke fahren täglich Tausende von Autos. Die Emscherauen aber, die sie überspannt, kennen die wenigsten. Dabei konnte man in den 1910er-Jahren von dort aus noch bis nach Amerika fahren.

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Kleingartenanlage, Radweg, Zechensiedlung, Grabeland und wilde Wiesen ziehen sich links und rechts der Emscher entlang. Einst konnte man auf diesem Stück des Gewässers erstaunlich weit reisen: Die "Fahrt nach Amerika" war dort in den 1910er-Jahren ein beliebtes Freizeitangebot. So wurde scherzhaft eine Bootstour genannt, die vom Gasthaus Ziegler an der Emscherbrücke am Dorstfelder Hellweg aus gebucht werden konnte.

Zwei Boote schipperten bis zur Schnettkerbrücke und zurück. "Man erzählt sich, dass bei der Abfahrt ,Ade mein lieb Heimatland‘ gesungen wurde", sagt Heimatforscher Nils Kowalewski. Der Geschichtsstudent und angehende Lehrer hat im Stadtarchiv und in Gemeindebüros recherchiert und reichlich Geschichten über das Brachgelände, das "Negerdorf" und Ziegler ausgegraben.

Berühmte Gaststätte in der Emscheraue

Auf alten Postkarten ist gut zu sehen, welche zentrale Bedeutung eine der ältesten und größten Gaststätten in Dortmund hatte. Berühmt wurde sie als Gründungsstätte der Bergbaugewerkschaft 1889. Mit drei Sälen, einer für bis zu 1000 Personen, bot sie reichlich Platz für derartige Versammlungen. Offenbar waren die Gastronomen auch sehr findig, wenn es um Freizeitangebote ging.

So gab es einen mysteriösen Biertunnel und zwei Badehäuschen, eins für Damen und eins für Herren. Große Lattenkästen wurden von dort in einen erweiterten Emscherteil hinabgelassen. Auch Nichtschwimmer konnten darin gefahrlos baden gehen, da die Wassertiefe regulierbar war.

Drei Wassermühlen gab es entlang der Strecke "nach Amerika", die letzte, die Hahnenmühle, wurde in den 1930er-Jahren abgerissen. Im Wasserbecken der alten Wulfsmühle soll es damals sogar Schwimmkurse gegeben haben.

Westlich der Emscher bedeckt dichte Vegetation das hügelige Gelände. Ob es sich um Bergehalden der Zeche Tremonia handelt, ist nicht verzeichnet. Dokumentiert ist allerdings ein Fabrikationsbetrieb für Fallschirmseide. Bis vor einigen Jahren stand noch eine zurückgebliebene Schranke des alten Zufahrtswegs mitten im Gelände.

Kriegsgefangene in der Emscheraue

Ehemals arbeiteten Kriegsgefangene in dem Betrieb, sie lebten in nebenstehenden Baracken. Nils Kowalewski weiß auch von dem Versuch, echte Seide zu produzieren. Dafür wurde eine Plantage angelegt, die Ansiedlung der zugehörigen Seidenspinnerraupen klappte jedoch nicht so ganz. Vereinzelte Maulbeerbäume seien aber noch auf dem Areal zu finden.

Eine Flak-Stellung sollte vor allem die heutige Miebach-Fabrik, das Gelände der Zeche Tremonia sowie den Güter- und Rangierbahnhof Dortmunder Feld sichern. Tatsächlich holte die Flugabwehr dort eine Maschine vom Himmel. Das Flugzeug stürzte etwa 100 Meter westlich der Emscher ab und hat bis heute eine Verfärbung des Bodens hinterlassen, die laut Nils Kowalewski bei kurz gemähtem Bewuchs deutlich zu sehen ist.

Das gesamte Gelände dürfte von unterirdischen Gängen umgeben sein, Stollen der Zeche Tremonia, die im Krieg zum Teil als Luftschutzbunker genutzt wurden. Die zugehörige Siedlung wird auch "Negerdorf" genannt, was die Legendenbildung beflügelt. Immer wieder, auch bei Wikipedia, taucht die naheliegende aber laut Historiker Kowalewski nicht korrekte Geschichte auf, der Name stamme aus der Zeit, in der die Kumpel der benachbarten Zeche schwarz vor Kohle nach Hause liefen. "Dem widerspricht die spätestens ab 1865 gültige preußische Bergverordnung in ihren Ausführungsbestimmungen."

Demnach waren Zechenbetreiber verpflichtet, Kauen, Hygiene-Einrichtungen und gegebenenfalls sogar Desinfektionsanlagen vorzuhalten. "Sowohl die Zeche Tremonia als auch die Zeche Dorstfeld verfügte zur Zeit der Gründung der Siedlung über Waschkauen."

"Negerdorf" sei vielmehr eine Verbindung und Verballhornung des Westfälischen "dat nigge Dorp" ("das neue Dorf"). Alter Schriftverkehr und Texte eines Dorstfelder Heimatdichters im Pfarrarchiv der St. Barbara-Gemeinde belegen das, so Kowalewski.

Gleisdreieck als Barriere

Südlich des "Dorfs" beginnt das Niemandsland, das am Gleisdreirck unterhalb der Schnettkerbrücke endet. Vor Jahren ließ die Stadt das Grabeland hier räumen, weil sich die Nutzer allzu üppige Bauten darauf gesetzt hatten. Seitdem verwildert das Gelände zwischen Sport- und Hundeplatz an der Ostermannstraße zusehends.

Am Ende ist Richtung Süden kein Durchkommen. Emscher, Gleise und Bahndamm blockieren den Weg nach Schönau. Die Emschergenossenschaft will bald zumindest einen provisorischen Weg ausschildern, um die versprochene durchgehende Rad- und Fußwegverbindung entlang der Emscher zu schaffen.

Sie führt hier allerdings über einen höher gelegenen Umweg an der Schnettkerbrücke. Radfahrer müssen da absteigen. So viel Leben wie vor rund 100 Jahren wird also nicht so schnell ins Emschertal zwischen Schönau und Dorstfeld einkehren.

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