Dortmund von unten

Harte Maloche im Besucherbergwerk "Graf Wittekind"

Enge im Besucherbergwer "Graf Wittekind" in Dortmund-Syburg.

Foto: Stefan Reinke

Enge im Besucherbergwer "Graf Wittekind" in Dortmund-Syburg. Foto: Stefan Reinke

Dortmund.  Wie die Arbeit unter Tage war, kennen die meisten Menschen im Ruhrgebiet nur noch aus Erzählungen ihrer Großeltern. Im Besucherbergwerk "Graf Wittekind" in Dortmund-Syburg lässt sich die harte Maloche der Bergleute noch am eigenen Leib nachempfinden. Inklusive Muskelkater und blauer Flecken.

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Unter Tage ist es eng und schmutzig

Eine bergbauliche Zeitreise erwartet den Besucher von Graf Wittekind. Jeden Samstag sind hier Führungen durch den viele hundert Jahre alten Stollen möglich.
Unter Tage ist es eng und schmutzig
WAZFotoPool

Der Bergbau gehört zur DNA des Ruhrgebiets und ist ein fester Teil des kollektiven Bewusstseins der Menschen in der Region. Doch wie hart die Arbeit unter Tage wirklich war, kennen vor allem Jüngere nur noch aus den Erzählungen ihrer Großeltern. Im Besucherbergwerk "Graf Wittekind" in Dortmund-Syburg ist das anders. Dort lässt sich die harte Maloche unter Tage noch am eigenen Leib nachempfinden. Inklusive Muskelkater und blauer Flecken.

Eng, nass, schmutzig

"Es ist eng. Es ist nass. Und es ist schmutzig" – die warnende Ansage an die Gäste im Besucherbergwerk ist eindeutig. Heinz-Ludwig Bücking vom Dortmunder Arbeitskreis des Fördervereins Bergwerkhistorische Stätten im Ruhrrevier weiß, wovon er spricht. Dabei ist seine Warnung noch untertrieben. "Hier herrschen die Original-Bedingungen, wie im Bergbau des 18. Jahrhunderts", erklärt Bücking. In einigen Ländern, etwa der Ukraine, werde noch heute unter diesen Bedingungen gearbeitet.

Und die sind wirklich hart und für den Büromenschen unvorstellbar. Jeden Samstagvormittag arbeiten die ehrenamtlichen Bergmänner der Dortmunder Sektion des Vereins in "ihrem" Bergwerk. Danach führen sie Besucher in die spannende Welt unter Tage, bieten auch Kindergeburtstage für Kinder ab sechs Jahren an. Der Verein stellt dabei die nötige Ausrüstung: Overall, Helm, Knieschützer, Lampe, Arschleder.

Doch die Gäste sollten sich im Klaren sein, dass der Besuch im Innern des Sybergs kein Spaziergang ist. "Es ist anstrengend", so Bücking, fügt aber schnell hinzu: "Es macht aber auch Spaß." Dennoch: "Sie werden Muskeln entdecken, von denen Sie noch gar nicht wussten, dass es sie gibt", prophezeiht er. Allerdings nur, wenn man nicht zu Klaustrophobie neigt. Denn wer es nicht dunkel oder eng mag, der sollte den Weg in den Berg gar nicht erst antreten.

Extreme Enge

Tatsächlich ist die Enge in Teilen der Strecke extrem. Schon der Eingangsbereich ist lediglich 90 Zentimeter bis anderthalb Meter hoch und erlaubt keine aufrechte Haltung. Nach wenigen Schritten ist es stockdunkel. Nur die Grubenlampe am Helm leuchtet immer in die Blickrichtung ihres Trägers und gaukelt so Helligkeit vor. Die schroff aussehenden Wände der 80 Zentimeter schmalen Strecke sind vom ständigen Kontakt mit der stabilen Bergwerkskleidung rundgescheuert. An manchen Stellen sind die Gänge sogar nur rund 50 Zentimeter hoch, die Hobby-Bergleute und ihre Besucher können sich dort nur bäuchlings fortbewegen. Immer wieder eckt der Helm an der Decke an. "Ich verspreche Ihnen, dass Sie nach 20 Metern wieder aufrecht stehen können", versichert Bücking. Und jedes Mal ist es eine Wohltat, den Körper wieder auf ganzer Länge in die Höhe strecken zu können. Nicht nur die Psyche hat ihre Probleme, sondern der ganze vom Büroalltag verweichlichte Leib lernt völlig neue Bewegungen kennen. Die unausweichliche Folge: Muskelkater und blaue Flecken.

Auf Knien und auf dem Bauch durch den Berg kriechen 

Die Tour unter Tage führt über größtenteils auf Knien, Händen und Bauch zurückgelegte 40 Höhenmeter vom unteren Eingang des Bergwerks bis nah unter das Kaiser-Wilhelm-Denkmal oben auf dem Berg. Wer möchte, kann mit einer Keilhaue zum ersten und vermutlich einzigen Mal in seinem Leben "vor Kohle" arbeiten und ein paar Brocken aus einem Flöz schlagen. "Das gehört dazu", sagt Bücking. Da der Weg bis zum Flöz jedoch sehr beschwerlich ist und mit einigen anstrengenden Kletterpartien durch schmale und steile Strecken verbunden ist, kann dieser spannende Teil der Führung auch ausgelassen werden.

Ein Brocken Kohle als Erinnerungsstück

Eine Abbaugenehmigung für Kohle hat der Förderverein nicht. Auch wenn die Besucher sich mit der Keilhaue am Flöz zu schaffen machen, springt dabei höchstens Kohle mit Erinnerungswert heraus. Denn schon für zwei handliche Klumpen ist ein enormer Kraftaufwand erforderlich – noch dazu im Liegen.

Der Verein betreibt die Grabung im Syberg seit 1986 als archäologische Grabung. 1990 wurde das Areal als Bodendenkmal ausgeweisen und seit 1997 betreibt der Verein das Besucherbergwerk. Für seine Arbeit im Besucherbergwerk "Graf Wittekind" wurde der Dortmunder Arbeitskreis im Jahr 2007 vom Bundespräsidenten mit der Silbernen Halbkugel, dem höchsten deutschen Denkmalpreis, ausgezeichnet.

Bergwerk wurde im Laufe der Jahrhunderte verschüttet

Sinn und Zweck der harten Arbeit unter Tage ist es, alte, zusammengefallene Strecken zu neuem Leben zu erwecken. Sie graben also keine neuen Tunnel in den Berg, sondern legen das frei, was dort seit dem 16. Jahrhundert gegraben wurde und im Laufe der Jahrhunderte wieder auf natürlichem Wege oder von Menschen zugeschüttet wurde. Bis weit in die 70er Jahre nutzten Kinder aus der Umgebung die zugänglichen Reste des Bergwerks als Spielplatz und Versteck. Schließlich wurde die Anlage verschlossen. Heute sichern die ehrenamtlichen Bergleute des Fördervereins das Bergwerk mit schweren Gittern.

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