Dortmund von unten

Dortmunder sollten bei Atomkrieg unter Stadtgarten flüchten

Der sogenannte Atombunker unter dem Dortmunder Rathaus am Friedensplatz. Tausende von Autoparkern ahnen nichts von dem Innenleben des Parkhauses.

Foto: Ralf Rottmann / WAZ FotoPool

Der sogenannte Atombunker unter dem Dortmunder Rathaus am Friedensplatz. Tausende von Autoparkern ahnen nichts von dem Innenleben des Parkhauses. Foto: Ralf Rottmann / WAZ FotoPool

Dortmund.  Die Tiefgarage unter dem Stadtgarten in der Dortmunder City wird täglich von Tausenden Pendlern und Einkäufern genutzt. Dass die Anlage auch als Atombunker konzipiert worden ist, erschließt sich nur bei genauem Hinsehen. 2000 bis 3000 Dortmunder sollten hier Zuflucht finden.

Der Alltag in der Tiefgarage unter dem Dortmunder Stadtgarten ist von Hektik geprägt. Pendler hasten zur Arbeit, andere Besucher der City eilen an die Oberfläche, um sich zum Shopping auf den Westenhellweg zu stürzen. Niemandem fallen die eigentlich offensichtlichen Anzeichen dafür auf, dass die Tiefgarage im Herzen der Innenstadt noch einen weiteren Zweck erfüllt: Sie ist Dortmunds am einfachsten zugänglicher Bunker. Sie wurde als Atombunker für 2000 bis 3000 Dortmunder gebaut.

Ab der dritten Tiefebene deuten gut sichtbare Hinweise auf die Existenz des Bunkers hin - allerdings nur, wenn sich der Besucher die Muße macht, auf die baulichen Eigenheiten zu achten. Zum Beispiel auf die etwa 25 Zentimeter dicke, braune Stahltür, die an die Wand des Treppenhauses gelehnt ist. In den oberen Etagen sind lediglich wesentlich dünnere, orangefarbene Metalltüren verbaut.

Die braunen Riesentüren hätten die Bunkeranlage im Ernstfall hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt. Auch die Auf- und Abfahrten wären im Fall eines Angriffs mit riesigen Stahlwänden verschlossen worden. Die sind in den Wänden versteckt, auf der gegenüberliegenden Seite ragt eine dicke, eiserne Lasche aus dem Mauerwerk - hier wäre die Trennwand eingehakt worden. Oder achten Sie einmal auf die gelben Schilder, auf denen ein schwarzes "V" in einem Kreis gedruckt wurde.

Vermeintlicher Schutz für bis zu 3000 Menschen

"Im Verteidigungsfall hätte diese Anlage dem Schutz der Zivilbevölkerung gedient", erklärt Branddirektor Matthias Gahlen. Er besitzt den Schlüssel für die vielen versteckten Lager- und Funktionsräume, die in der Bunkerebene der Tiefgarage hinter gut sichtbaren Türen versteckt sind. Nur bis zu 3000 Bürgerinnen und Bürger hätten in der Anlage Zuflucht gefunden. "Dortmund war sehr zurückhaltend", erklärt Gahlen. Allerdings sei bundesweit in Atombunkern ohnehin nur Platz für rund drei Prozent der Bevölkerung geschaffen worden. Dortmund lag also um Bundesschnitt. Die Stadtspitze und der Krisenstab wären in den Kommandobunker an der Ruhrallee geflüchtet.

Genutzt hätte der Atombunker ohnehin nicht. Die Erbauer der "atomsicheren" Anlagen kalkulierten viel zu geringe Sprengkräfte ein. Die Hiroschimabombe "Litte Boy" besaß eine Sprengkraft von 13 Kilotonnen TNT. Eine russische Rakete vom Typ SS 20, die ab Ende der Siebziger auf westliche Stellungen und Städte gerichtet war, brachte es in der Variante mit einem Sprengkopf auf eine Megatonne oder mit drei Sprengköpfen auf drei Mal 150 Kilotonnen. Wäre ein solcher 1-Megatonnen-Sprengkopf über dem Dortmunder Rathaus gezündet worden, wäre alles Leben im Umkreis von mehreren Kilometern sofort verdampft worden. Zu der Zerstörung durch Hitze und Druckwelle wäre die Strahlung gekommen, durch die Erdoberfläche auf Jahre hinaus unbewohnbar geworden wäre.

Elektrische Kochplatten für warme Bunkerkost

So lange hätte ein Aufenthalt im Tiefgaragenbunker nicht dauern sollen. Die Aufenthaltszeit bemaß sich eher in Wochen oder wenigen Monaten. Dafür waren Nahrungsreserven verfügbar, die im Dortmunder Atombunker inzwischen vernichtet wurden. Zur Zubereitung der Bunkerkost hätten elektrische Kochplatten zur Verfügung gestanden.

Wer beim Einparken darauf achtet, wird rote, runde Lüftungsrohre entdecken, die aus den Wänden ragen. Sie hätten im Innern einen Überdruck erzeugen müssen, um das Eindringen von Außenluft in den Bunker zu verhindern. An einigen Parkbuchten gucken kleine, weiß übertünchte Schrauben aus den Wänden - an ihnen wären grüne Waschbecken befestigt worden, die jetzt noch zu Hunderten in Nebenräumen lagern.

Bunker hat keine Heizung — Körperwärme hätte ausgereicht 

An der Decke verlaufen neben den Rohren für die Sprinkleranlage noch kleinere, unscheinbare Wasserleitungen, aus denen die Duschen gespeist worden wären. Auch die dazu gehörenden Duschvorhänge lagern hinter dicken Türen, ebenso wie Wasserhähne und Abflussrohre. Ihre Notdurft hätten die Bunker-Insassen auf Chemieklos verrichten müssen. Für die sanitäre Ausstattung im Bunkeralltag war gesorgt. Eine Heizung gab es nicht. "2000 Menschen hätten den Bunker mit ihrer Körperwärme geheizt", erklärt Gahlen. Immerhin erzeuge jeder Körper eine Heizleistung von rund 200 Watt.

Hinter eine schweren Metalltür liegt das Herz des Bunkers: die Lüftungsanlage, oder "das Fitnesscenter", wie Gahlen sagt. Denn im Falle eines Stromausfalls hätten die Insassen die Anlage mit ihrer Muskelkraft betreiben müssen - per Kurbel. Zwar gibt es auch ein Diesel-Aggregat, aber auch das könnte ausfallen. Für den Handbetrieb hätten sich jeweils zwei Insassen gegenüber gestanden und mittels der durchaus schwergängigen Handkurbeln die Energie für die Filter erzeugt.

Sechs solcher Zweier-Stationen befinden sich in dem Raum mit der gigantischen Filteranlage, deren gelbe Rohre den ganzen Raum einnehmen. 1984 wurde die Anlage gebaut, 1994 zum letzten mal gewartet. Ein Stockwerk darüber befindet sich ein weiters Lager mit Werkbank und 800 Müllsäcken. Eigentlich hätten auch Leichensäcke zur Bunkerausstattung gehört, die wurden aber offenbar inzwischen entsorgt. Hinter einer weiteren Tür liegt ein weiterer Teil der Lüftungsanlage. Wieder gelbe Rohre. An der Decke der Parkebene E verlaufen auch heute noch die Lüftungsrohre, gekennzeichnet mit schwarz-gelbem Klebeband.

Warten als Alltag im Bunker

Ob der unterirdische Bunker funktioniert hätte, wurde zum Glück nie probiert. Das Zusammenleben so vieler Menschen auf engstem Raum wäre für die Beteiligten auf Dauer wohl unerträglich geworden. Zumal der Alltag unter Tage nicht gerade abwechslungsreich gewesen wäre. Zur Ungewissheit, wie die Welt oben wohl aussieht und was aus Verwandten und Freunden geworden sein mag, wäre unerträgliche Langeweile gekommen. Die einzige Beschäftigung der Menschen im Bunker wäre Schlangestehen gewesen: vor den Toiletten, vor den Duschen, an der Essensausgabe. Jeden Tag, jede Stunde.