Atomkrieg

144 menschliche Versuchskaninchen im Dortmunder Sonnenbunker

Aufenthaltsraum im Sonnenbunker an der Zwickauer Straße in Dortmund.

Foto: WR

Aufenthaltsraum im Sonnenbunker an der Zwickauer Straße in Dortmund. Foto: WR

Dortmund.  Es war ein einmaliges Experiment, als vor 50 Jahren, am 8. Juni 1964, sollten 144 Menschen den Ernstfall proben und für eine Woche in einen Atombunker ziehen: den Dortmunder Sonnenbunker. Das Experiment scheiterte. Im Innern des Betonklotzes kam es zu Spannungen und Streit. Wir blicken zurück.

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In den 1960er Jahren stand die Welt täglich am Abgrund, der Atomkrieg drohte ständig — zumindest liefen entsprechende Vorbereitungen. In der Bundesrepublik entstanden angeblich atomsichere Bunker oder bestehende Bauwerke wurden modernisiert und aufgerüstet. So auch der Sonnenbunker in Dortmund, in dem am 8. Juni 1964 ein bundesweit einmaliges Experiment startete: ein Belegungsversuch.

144 Menschen zogen für eine Woche in den grobschlächtigen Betongiganten an der Zwickauer Straße. Sie sollten den Ernstfall, den Atomkrieg simulieren. Doch so ganz real waren die Bedingungen nicht. Denn der Bunker war für 1500 Menschen konzipiert. Dennoch scheiterte das Experiment, die Bundesrepublik plante um.

Der einzige Belegungsversuch in einem angeblich atomsicheren Bunker wurde 1964 nicht kritiklos hingenommen. Es gab Demonstrationen. Und erst aufgrund massiver Proteste durften Kinder nicht in den Betonklotz einziehen. So blieb es bei 144 Jugendlichen und Erwachsenen. Sie alle führten getreu Tagebuch.

Reporter berichtete aktuell aus dem Bunker

Für die Westfälische Rundschau war der inzwischen verstorbene Redakteur Thorsten Scharnhorst beim Belegunsversuch dabei und berichtete von jedem der sechs Belegungstage aktuell in der WR, obwohl er selbst nicht an den Sinn des Versuchs glaubte.

Ein Rechenbeispiel: Der Sonnenbunker sollte Platz für 1500 Menschen bieten, der Umbau zum Atombunker kostete 3,5 Millionen Mark. Auch die große Stollenanlage unter der City spielte eine Rolle in den Überlegungen. 3000 solcher Bunker sollte es bundesweit geben — für 57 Millionen Menschen. Das hätte hinten und vorne nicht gereicht, Atombunker waren nicht mehr als Augenwischerei.

2007 begleitete die Westfälische Rundschau Thorsten Scharnhorst bei einem Besuch im Sonnenbunker und hielt seine Erinnerungen fest. Lesen Sie auf den folgenden Seiten, was sich vom 8. bis 14. Juni 1964, also vor genau 50 Jahren, beim Belegungsversuch an der Zwickauer Straße abgespielt hat.

Hülsenfrüchte und Eintopf — dicke Luft im Sonnenbunker 

WR-Redakteurin Ellen Sarrazin begleitete Thorsten Scharnhorst 2007 in den Sonnenbunker. Lesen Sie hier ihren Originalbericht.

Scharnhorst geht 43 Jahre nach dem Belegungsversuch erstmals wieder durch die dicke Stahltür-Schleuse in die Tiefen des Bunkers. Er schaut sich um, erinnert sich. "Ach, die Küche! Da sind wir mit Konservenkost versorgt worden: Pichelsteiner Eintopf, Erbsen mit Bauchspeck... Absurd!" Alles, wirklich alles sei stark blähende Kost gewesen: "Da hatte mancher Probleme." Immerhin 144 freiwillige Testpersonen zogen damals für sechs Tage in den Atombunker. "Geschlafen wurde in drei Schichten: sechs Stunden Schlaf, zwölf in Aufenthaltsräumen — auf schmalen Klappsitzen und mit gärenden Därmen... "Prof. Schunk, der die Studie damals leitete, hätte wissen müssen, dass eher leichte Kost angesagt gewesen wäre."

Doch schlimmer als das Essen sei der Durst gewesen: "Es gab Tee — rationiert." Mit dem Wasser — im Ernstfall kostbares Gut — mussten die Bunkerinsassen äußerst sparsam umgehen. "Wer zur Toilette ging, konnte sicher sein, dass hinter der Wand ein Helfer stand, um den Wasserverbrauch zu kontrollieren."

375 Mark Prämie für Bunker-Insassen

50 solcher Studienhelfer seien im Dienst gewesen, zumeist Studenten. Er, Scharnhorst, sei wie die anderen Journalisten schon privilegiert gewesen: "Wir hatten ja unsere Arbeit, saßen mit der Reiseschreibmaschine in einem Raum." Aber auch immer wieder als Beobachter zwischen den Testpersonen im Aufenthaltsraum. Denn über die Menschen, ihre Gefühle im Bunker galt es zu berichten.