Mordserie

Serienmörder Högel: Anklage gegen Dortmunder Klinik-Chef

Der heutige Chef des Klinikums Dortmund war früher Geschäftsführer in Oldenberg.

Der heutige Chef des Klinikums Dortmund war früher Geschäftsführer in Oldenberg.

Foto: Annika Rinsche/Funke Foto Services

Oldenburg/Dortmund.  Fünf ehemalige Vorgesetzte wurden nun angeklagt. Sie sollen gewusst haben, welche Gefahr von Högel ausging. Einer arbeitet heute in Dortmund.

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Die juristische Aufarbeitung der wahrscheinlich größten Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte geht weiter. Knapp vier Monate nach dem Urteil gegen Ex-Krankenpfleger Niels Högel wegen 85 Morden hat die Oldenburger Staatsanwaltschaft Anklage gegen fünf frühere und aktuelle Führungskräfte des Klinikums Oldenburg erhoben.

Zu ihnen gehört der frühere Geschäftsführer Rudolf Mintrop, der heute Vorsitzender der Geschäftsführung des Klinikums Dortmund ist. Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten Totschlag durch Unterlassen vor, wie ein Sprecher der Behörde am Donnerstag sagte.

Das Klinikum Dortmund hielt am Donnerstag trotz der Anklage an Mintrop fest. „Solange kein Richter ein Urteil gesprochen hat, gilt in unserem Rechtsstaat die Unschuldsvermutung. Ich sehe daher zum jetzigen Zeitpunkt keinen Handlungsbedarf“, sagte die Aufsichtsratsvorsitzende des Klinikums Dortmund, Ulrike Matzanke. Sie schätze Mintrops Arbeit sehr.

Die Staatsanwaltschaft wirft Mintrop und einer ehemaligen Pflegedirektorin jeweils Totschlag durch Unterlassen in 63 Fällen vor. Einem weiteren Beschuldigten werden 60 Fälle zur Last gelegt. Die beiden anderen sollen sich laut Anklage in drei Fällen wegen Totschlags durch Unterlassen verantworten. Über die Anklage hatte zuvor die „Nordwest-Zeitung“ berichtet.

Die Frage, warum der Krankenpfleger ungehindert morden konnte, steht seit langem im Raum. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg will nun damalige Vorgesetzte Högels vor Gericht stellen. Sie geht davon aus, dass vier der Beschuldigten spätestens ab Ende Oktober 2001 erkannten, dass von dem damaligen Krankenpfleger Gefahr ausging. Demnach soll es eine intern erstellte Liste gegeben haben, aus der hervorging, dass es in Anwesenheit des Pflegers übermäßig viele Todesfälle nach Reanimationen gab.

Führungskräfte sorgten sich um Ruf und Ansehen des Klinikums

Laut Anklage meldeten sich die damaligen Führungskräfte nicht bei der Polizei, weil sie sich um ihren Ruf und das Ansehen des Klinikums sorgten. Im November 2001 sei es zu drei Morden des damaligen Krankenpflegers gekommen. Laut Ermittler wären die Beschuldigten verpflichtet gewesen, das Leben dieser Patienten zu schützen. Zwei Beschuldigte hätten sich aber unter Einbindung der Klinikleitung dafür eingesetzt, Högel auf eine andere Station zu versetzen.

Nachdem es auch auf der Anästhesiestation zu Auffälligkeiten kam, sollen drei der Beschuldigten dafür gesorgt haben, dass Högel freigestellt wurde und das Klinikum mit einem guten Zeugnis verlassen konnte. Laut Anklage haben die Führungskräfte dem Mann ermöglicht, in Delmenhorst zu arbeiten. Die Staatsanwaltschaft kommt daher zu dem Schluss, dass die drei Beschuldigten auch für die weiteren 60 Morde beziehungsweise Mordversuche in Delmenhorst wegen Totschlags durch Unterlassen verantwortlich sind.

Wann das Landgericht über die Eröffnung des Hauptverfahrens entscheidet, war unklar. Totschlag durch Unterlassen wird mit einer Freiheitsstrafe von mindestens 5 und höchstens 15 Jahren bestraft. Der Prozess wird kaum der einzige bleiben, in dem sich Ex-Kollegen Högels verantworten müssen. Vier frühere Mitarbeiter der Klinik Delmenhorst sind auch wegen Totschlags durch Unterlassen angeklagt. (dpa)

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