Zugunglück

Nächster Halt für den ICE 945: Die Werkstatt in Dortmund

Das „Mammut“ greift nach dem entgleisten Waggon: Der Notfallkran soll den ICE wieder auf die Schienen setzen.

Das „Mammut“ greift nach dem entgleisten Waggon: Der Notfallkran soll den ICE wieder auf die Schienen setzen.

Foto: Ingo Otto

Dortmund.   Ein Notfallkran namens „Mammut“ setzte den ICE in Dortmund wieder auf die Schiene. Im Gleisbett darunter suchen Experten nach der Unfallursache.

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Das Bordrestaurant schaffte es noch an die Bahnsteigkante. Gleis 8, Abschnitt G, ganz hinten; die drei Waggons danach haben den Bahnhof nicht mehr erreicht. Es habe einen Knall gegeben, sagen Passagiere, ein „Scheppern“ auch: Das Ende des ICE 945 „Templin“ landete im Gleisbett. Und steht nun da im Regen, schief, schräg, mehr als 50 Tonnen schwer. Im grauen Schotter daneben hocken Männer in Orange, sie rätseln: Was brachte diesen Zug am Montagabend zum Entgleisen?

Es wird noch dauern, bis sie Antworten haben: Warum nur zwei Drittel dieses ICE von Düsseldorf nach Berlin-Gesundbrunnen noch in den Dortmunder Hauptbahnhof einfuhren, die beiden letzten, schwersten aber aus den Schienen sprangen und die Kupplung des drittletzten beschädigten. Ob am Wagen etwas kaputt war, am Rad, an der Achse – das aber war am ICE der zweiten Generation noch nie das Problem. Oder ob es einen „Defekt am Fahrweg“ gab, wie die Untersuchungsstelle des Bundes für Eisenbahn-Unfälle sagt. Heißt: Die Weiche war vielleicht kaputt. Nur, warum ließ sie dann den Großteil des Zuges durch? Eigentlich ist eine Weiche nicht verstellbar, wenn eine Bahn darüber rollt.

Fragen über Fragen, weshalb am Dienstag die Gleise 2 bis 10 gesperrt bleiben: Hier arbeiten die Fachleute, hier stellt die Bahn in ihren Oberleitungen den Strom ab: 15 000 Volt. Dann fährt das „Mammut“ vor: ein knallroter Reparaturzug aus Leipzig, ein Notfallkran, vor zwei Wochen erst getauft. 160 Tonnen kann das Mammut heben, mit einer Schlaufe um den Bauch trägt es den letzten Waggon wieder auf die Schiene, da ist es halb zwölf. „Aufgleisen“ heißt das.

Zug steht im 30-Grad-Winkel zu verbogenen Schienen

Nur, was nutzt das noch? „Der fährt nicht mehr“, sagen Beobachter auf Bahnsteig 11. Die Schienen sind verbogen, Schotter ist aus dem Gleisbett gesprungen, Beton zerborsten. Wie also soll man den letzten Wagen, der im 30-Grad-Winkel quer zu den Schienen steht, überhaupt abtransportieren? Jedenfalls muss er in die Werkstatt und unter sich die Spuren freigeben.

Die Einzigen, denen das alles Spaß macht, sind Bahn-Fans, die von der Sperre aus fotografieren. Die Mehrheit der Menschen im Dortmunder Hauptbahnhof sind genervt, das Wort des Tages beginnt mit einem kräftigen „SCH“. Noch am Abend hat die Polizei, wegen der Mai-Demos noch mit Hunderten Kräften vor Ort, alle Gleise komplett gesperrt. Noch um zwölf Uhr anderntags fallen zehn von 22 Zügen komplett aus, weitere acht sind stark verspätet.

Meterlange Schlangen an Info-Schaltern

Zwar schickt die Bahn Busse nach Süd und West, doch warten die Fahrgäste lange im Regen, es gibt nur ein Schild zum „Schienenersatzverkehr“, aber das erzählt von der S 2 und galt im April. Ein Mann muss nach Lüdenscheid und brauchte nach Dortmund schon vier Stunden. Eine alte Dame will nach Wickede, weiß aber nicht wie.

Eine Frau, mit Hackenporsche auf dem Weg nach Hagen, schimpft. Eine andere reiste Montag aus Hamburg nach Witten, drei Stunden Verspätung, am nächsten Morgen wieder zwei zur Arbeit. Und Sebastian: Der lernt Koch, kommt aber nicht von Porta Westfalica nach Volmarstein. „Macht ja nichts“, sagt der 19-Jährige bitter, „ist ja nur mein Ausbildungsplatz.“

An zwei Info-Schaltern stehen meterlange Schlangen, das Sicherheits-Personal schult live um auf Reise-Info, und eine Frau meint den Grund zu kennen für all das Ungemach: „Sicher wieder so ein Sparschweinchen.“ Neben dem havarierten ICE liegt eine alte Zeitung. Der Regen hat sie aufgeweicht, eine Schlagzeile ist noch zu lesen: „Abenteuer Bahn“.

ELF LINIEN SIND BETROFFEN

Der Bahnverkehr im Revier wird noch tagelang eingeschränkt sein. „Pendler müssen mit Beeinträchtigungen durch Umwege, Ersatzverkehr und längeren Fahrzeiten rechnen“, so ein Bahnsprecher am Dienstag. Der Fernverkehr wird weitgehend umgeleitet, betroffen sind vor allem elf Linien der Nahverkehrstrecken:

RE 1 und RE 6: Umleitung zwischen Essen Hauptbahnhof (Hbf) und Dortmund Hbf. Kein Halt in Wattenscheid und Bochum Hbf.

RE 4 und S 5/S 8: Teilausfälle zwischen Dortmund Hbf und Witten Hbf.

Züge der Linie RE 11: Die Halte Bochum Hbf, Wattenscheid, Essen Hbf und Mülheim Hbf entfallen.

Züge der Linie RE 42: Die Züge werden über Essen-Altenessen umgeleitet. Die Halte Essen Hbf und Mülheim Hbf entfallen.

Züge der Linie RB 52: Teilausfälle zwischen Dortmund Hbf und Herdecke.

RB 53 und RE 57: Teilausfälle zwischen Dortmund Hbf und Dortmund-Hörde.

S 1 und S 2: Teilausfälle zwischen Dortmund Hbf und Dortmund-Dorstfeld.

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