Prozess

Nach 25 Jahren: Dortmunder (53) wegen Mordes vor Gericht

25 Jahre nach dem gewaltsamen Tod der 16 Jahre alten Gymnasiastin Nicole Denise Schalla muss sich ab Montag ein 53-jähriger Dortmunder wegen Mordes vor dem Dortmunder Schwurgericht verantworten. (Symbolfoto)

25 Jahre nach dem gewaltsamen Tod der 16 Jahre alten Gymnasiastin Nicole Denise Schalla muss sich ab Montag ein 53-jähriger Dortmunder wegen Mordes vor dem Dortmunder Schwurgericht verantworten. (Symbolfoto)

Dortmund.  25 Jahre nach dem gewaltsamen Tod der 16 Jahre alten Nicole muss sich ab Montag ein 53-jähriger Dortmunder wegen Mordes vor Gericht verantworten.

„Die DNA lügt nicht“, lautet eine Juristenweisheit. Und dieser genetische Fingerabdruck scheint auch nicht zu verblassen. 25 Jahre nach dem gewaltsamen Tod der 16 Jahre alten Gymnasiastin Nicole-Denise S.

Ralf H. soll am Abend des 14. Oktober 1993 die junge Frau nur wenige Meter von ihrem Elternhaus entfernt vergewaltigt und erwürgt haben. Das legen nach neuen Methoden analysierte DNA-Spuren nahe.

Die Hauptverhandlung reißt alte Wunden auf, aber die Kripo Dortmund berichtete im Sommer, dass die Familie die Nachricht von der Festnahme des mutmaßlichen Mörders mit einer Mischung aus Freude und Trauer aufgenommen habe. 25 Jahre des Wartens fanden ein Ende. 25 Jahre der quälenden Ungewissheit, wer ihrem Kind diesen schrecklichen Tod zugefügt hatte.

Akte war nie geschlossen worden

Eine Zeitungsbotin hatte das Mädchen am frühen Morgen halbbekleidet unter einer Hecke an einer Grundschule im Dortmunder Westen gefunden. Tot. Spuren gab es fast gar keine mehr, weil es die ganze Nacht geregnet hatte.

1993 stand die Kriminaltechnik am Anfang einer rasanten Entwicklung. Damals ermittelten Fahnder den Täter noch relativ vage mit Fingerabdrücken, Textilfasern oder der Blutgruppenbestimmung. Erst Anfang der 90er Jahre war es möglich, anhand genetischer Spuren aus Sperma oder Hautzellen einen individuellen Täter zu bestimmen. Doch das half bei Nicole Denise Schalla nicht weiter. Es gab kein Material, das sich mit den damaligen Möglichkeiten analysieren ließ.

Erst 20 Jahre später kam der Durchbruch. Jetzt ließen sich auch Erbinformationen in so kleinen Einheiten wie einer einzelnen Hautschuppe analysieren. Das war der Durchbruch, um endlich Licht ins Dunkle zu bringen.

Die Akte Schalla, sie war bei der Dortmunder Mordkommission nie geschlossen worden. Über die Medien hatte die Kripo immer wieder nach Hinweisen gefragt, selbst 2013 noch Speichelproben genommen. Auch in Aktenzeichen XY war der Fall ein Thema.

Hautschuppe an Schulter von Opfer gefunden

Uwe Block, Leiter der Mordkommission, bestätigte das hohe Engagement der Fahnder: „So ein Fall beschäftigt mich schon über das normale Maß hinaus. Denn es ist ein junges Mädchen, das sein ganzes Leben noch vor sich hatte, umgebracht worden.“

Die neue Analyse der Hautschuppe, die an der nackten Schulter von Nicole Denise S. gesichert wurde, brachte sofort einen Treffer in der DNA-Datenbank: Der Dortmunder Ralf H. war darin dokumentiert, weil er in den 90er Jahren mehrfach wegen Gewaltdelikten aufgefallen und verurteilt worden war. Er soll auch Frauen angegriffen haben, zu Sexualdelikten sei es aber wohl nicht gekommen, teilten Kripo und Staatsanwaltschaft im Sommer 2018 mit. Ralf H. soll aber auch schon in Sicherungsverwahrung gesessen haben. 2011 kam er frei, lebte zuletzt mit einer Frau zusammen und bezog Sozialhilfe.

Gegenüber der Kripo hatte er die Tat pauschal bestritten und seitdem geschwiegen. Er sitzt in Untersuchungshaft. Der lange Zeitraum seit der Tat ist für die Strafjustiz kein Problem. Bei einem Totschlag hat der Täter nach 20 Jahren keine Strafverfolgung mehr zu befürchten. Doch Mord verjährt nicht, wird auch noch nach Jahrzehnten verfolgt.

Schwurgericht wird Beweislage prüfen

Obwohl ein Geständnis des Angeklagten nicht vorliegt und er den Mord bestreitet, glaubt die Staatsanwaltschaft, die letzten Stunden im Leben der 16-Jährigen rekonstruieren zu können. Beweissicher zu rekonstruieren.

Nicole-Denise S. war tagsüber reiten, danach bei ihrem Freund in Herten. Die Elftklässlerin nahm am Abend des 14. Oktober 1993 gegen 21.35 Uhr den letzten Bus nach Hause. Gegen 22.40 Uhr kam sie in Dortmund-Huckarde an. Sie hatte nur noch wenige hundert Meter bis zu ihrem Elternhaus. Doch hinter ihr stieg wohl der Mörder aus dem Bus aus, folgte ihr.

Es galt den Fahndern als unwahrscheinlich, dass sie den Mann gehört hatte, bevor er sie von hinten packte. Denn sie hörte über einen Walkman Musik.

Laut Anklage zog Ralf H. sie von der Straße, um sie zu vergewaltigen. Weil sie sich wehrte, soll er sie minutenlang gewürgt und so ihren Tod zumindest billigend in Kauf genommen haben. Staatsanwalt Henner Kruse im Sommer nach der Festnahme von Ralf H.: „Mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit ist er der Vergewaltiger und Mörder von Nicole.“

Ab Montag wird das Dortmunder Schwurgericht die Beweislage prüfen. Dabei muss es vor allem die Frage beantworten, wie eine Hautschuppe von Ralf H. auf die nackte Schulter der 16-Jährigen kam. War es die Folge einer zufälligen, harmlosen Begegnung -- oder doch der genetische Fingerabdruck ihres Mörders?

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