Hochhaus-Räumung

Hannibal-Hochhaus: "Klar brennt es hier. Bei den Mietern!"

Foto: Tobias Großekemper

Dorstfeld.  Aufgebrachte Hannibal-Mieter hatten am Montag einen Hungerstreik angekündigt. Zwar hungert noch niemand – aber die Hilflosigkeit treibt viele um.

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Nein, noch wird nicht gehungert am Hannibal an diesem Mittwochvormittag. "Aber wir ziehen das durch", sagt Mustafa Öz, 45 Jahre alt, Mieter im Hannibal. Breitbeinig steht er da. Und wenn das, also der Hungerstreik, erst läuft, dann soll man doch mal sehen, wie da Stühle im Rathaus wackeln werden.

Wann es los geht, wie viele Menschen sich beteiligen werden, alles noch etwas nebulös, "das müssen wir noch genau besprechen, aber noch diese Woche", das sei sicher. Und dann würden sie gemeinsam hungern, "der Pole, der Russe, der Kasache." Der Pole ist Darius Czarkowski, er steht neben Öz und nickt.

"Ist so ein Hungerstreik nicht ein wenig drastisch, Herr Czarkowski?" "Ja, aber anders würden die es nie verstehen." Es, das ist die Situation, kein eigenes Dach mehr über dem Kopf zu haben. Die, das ist die Stadt einerseits und Intown andererseits. Und das Gefühl, dass die Mieter haben, scheint zu sein, dass sie zwischen die Fronten von Intown und Stadt geraten und jetzt die Leidtragenden sind, die auf die Schnelle aus ihren Wohnungen raus mussten und nicht wieder zurückkehren können.

Gefühl des Ausgeliefertseins dominiert bei Hannibal-Mietern

Wer den Menschen vor dem Hannibal zuhört, lernt verschiedene Dinge: Da ist erstens das Gefühl, ausgeliefert zu sein und nichts machen zu können. Da ist zweitens der Wille, etwas zu tun, aber noch nicht genau zu wissen, was. Der angekündigte Hungerstreik als Idee und Strohhalm. Und da ist drittens der Wunsch, sich selbst oder den eigenen Kindern erklären zu können, was da gerade eigentlich passiert ist. Denn in den letzten Jahren hat man ja auch hier gewohnt - und jetzt soll es auf einmal so schlimm sein, dass das alles plötzlich unbewohnbar sein soll?

Auf der Suche nach Antworten auf diese Frage kommen dann auch Thesen auf den Tisch, die, gelinde gesagt, unwahrscheinlich klingen. Zum Beispiel die, dass die Stadt Dortmund sich den Hannibal in Dorstfeld in einem Akt feindlicher Übernahme aneignen will, um den Komplex anschließend luxuriös zu sanieren und dann teuer zu verkaufen.

Man hört solche hanebüchenen Geschichten und fragt sich, wie so etwas in die Welt kommen kann, da es den Sachverhalt mal eben auf den Kopf stellt: Nicht die Stadt will hier verdienen, das war Intown.

Brandschutz wurde außer Kraft gesetzt

Nur war es, und das ist für die Menschen entscheidend, dann die Stadt, die die Reißleine zog und sich für eine Evakuierung entschied. Sie sagt selber, wegen der Gefahr für Leib und Leben. Was genau die Räumung der 412 Wohnungen so akut gemacht hat, darüber äußert sich die Stadt nicht mehr, seitdem sie eine Klage von Intown in der vergangenen Woche erhielt und sich jetzt, Stichwort laufendes Verfahren, nicht mehr öffentlich äußert.

Wer sich ein wenig Zeit nimmt, so weit es geht um den Hannibal herumspaziert und sieht, wie zugewachsen etwaige Feuerwehrzufahrtswege sind, kann zumindest sehen, dass das Thema Sicherheit für den Besitzer seit geraumer Zeit nicht die höchste Priorität gehabt haben kann. Der Grund für die Räumung war das selbstverständlich nicht.

Das waren bauliche Veränderungen im Inneren, ohne Genehmigung von Intown ausgeführt, die den Brandschutz außer Kraft setzten. Dem Vernehmen nach war es so, dass, als der Krisenstab sich nach einer Begehung des Hannibals durch Brandschutzexperten zusammensetzte, kaum jemand ahnte, dass am Ende dieser Sitzung der Räumungsbeschluss stehen würde. Mit allen Konsequenzen. Was eben die Stadt zum Buhmann werden lässt.

Dortmund kann es sich nicht erlauben, auf 412 Wohnungen zu verzichten

Intown selber hat jetzt, wie angekündigt, zwei Container vor Ort. Was auch Konsequenzen hat. Einerseits kann man dort als betroffener Mieter außerordentlich kündigen, wenn man das will. Andererseits wird damit offenbar auch Informationspolitik gemacht.

"Die Leute von Intown", sagt zum Beispiel Bewohnerin Franziska Hesse, "sagen doch selber, dass sie das Haus gar nicht betreten dürfen und sich kümmern können." Das Haus dürfen die Intown-Vertreter natürlich betreten und kümmern hätten sie sich ja auch vorher können.

Wenn solche Sachen den Mietern tatsächlich erzählt werden, dann gibt das eine Idee davon, mit welchen vermeintlichen Informationen Intown seine Mieter abspeist. Und wie dann letztlich solche Geschichten wie die, dass die Stadt hier eigene Interessen verfolge, entstehen können. Dortmund, das ist Fakt, kann es sich nicht mittelfristig erlauben, auf 412 Wohnungen zu verzichten.

Hungerstreik mit Hund

Darius Czarkowski will auch gar nicht kündigen, er wohnt hier ja nun seit 36 Jahren. Er will einen Hungerstreik mitmachen, so es ihn denn gibt. Mit seinem Hund. Um so schnell wie möglich wieder in den Hannibal zu kommen.

Während er da steht und erzählt, wie er in einer Sammelunterkunft untergebracht ist und wo seine ebenfalls ausquartierten Eltern untergebracht sind, läuft eine städtische Delegation schweigend vorbei. Darunter Feuerwehrmitglieder, die an ihrer Uniform leicht zu erkennen sind. "Na klar brennt es hier", sagt eine weitere Anwohnerin. "Bei den Mietern."

Am Nachmittag tagt dann am Mittwoch erneut der städtische Krisenstab. Nicht zum letzten Mal in dieser Sache.

Die Stadt, speziell das Sozialamt, hat die Losung ausgegeben, den betroffenen Mietern möglichst individuell zu helfen. Dafür und für weitere hilfreiche Informationen hat die Stadt eine Internetseite eingerichtet.

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