Zweiter Weltkrieg

So werden Fliegerbomben gesucht, gefunden und entschärft

Luftbildauswertung beim Kampfmittelräumdienst der Bezirksregierung Arnsberg in Hagen

Luftbildauswertung beim Kampfmittelräumdienst der Bezirksregierung Arnsberg in Hagen

Foto: Franz Luthe

Dortmund.  Fast im Wochentakt tauchen im Ruhrgebiet Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg auf. Aber wie suchen die Experten nach Bomben?

Im Ruhrgebiet schlummern wohl noch Hunderte Blindgänger in der Erde. Alle paar Tage finden Kampfmittelexperten eine Bombe – aber wer sagt ihnen, wo sie suchen sollen? Und wie suchen die Feuerwerker den Boden nach einer Bombe ab?

Wir haben mit Hans-Peter Eser gesprochen, dem Dezernenten für Kampfmittelbeseitigung bei der Bezirksregierung Arnsberg. Die Behörde mit Sitz in Hagen ist zuständig für die Beseitigung von Patronen, Granaten, Minen und Bomben aus dem Krieg – und zwar in den Regierungsbezirken Arnsberg, Münster und Detmold. So funktioniert eine Entschärfung:

Die Experten der Bezirksregierung suchen Bomben nur nach Bedarf – also meist bei geplanten Baustellen. Das ist Vorschrift. Ohne Bomben-Sondierung gibt's keine Baugenehmigung. Bauherren (Telekom, Landesbetrieb Straßen, private Häuslebauer etc.) melden sich also bei der Stadt, die dann in Arnsberg einen Antrag stellt. Natürlich nur dann, wenn die betroffene Stelle nicht vorher schon mal nach Bomben abgesucht worden ist.

Die Bezirksregierung ist bei der Bomben-Sondierung allerdings nur Dienstleister – die zuständige Gefahrenabwehrbehörde ist und bleibt die Stadt selbst. Deshalb hat sie auch die Federführung, wenn es um Auftrag und Organisation geht. Es gibt neben der "Service-Abteilung" der Bezirksregierung auch private Unternehmen für die kampfmittelbeseitigung.

Die Auswertung der Luftbilder:

Wenn der Bereich in den Unterlagen der Stadt nicht als "schon sondiert" verbucht ist, stellt das Ordnungsamt einen Antrag auf Luftbildauswertung. Dann machen sich die Experten an die Detailarbeit und vergleichen mehrere Luftbilder aus dem Krieg miteinander. Die Bilder stammen von den Alliierten: Sie haben vor, während und nach Luftangriffen die Ziele und Flächen fotografiert. Auch kurz nach Kriegsende sind noch Bilder entstanden. Auf den rund 300.000 Fotos ist ganz NRW flächendeckend abgelichtet. Diese Bilder dürfen die deutschen Behörden seit den 80er Jahren nutzen – aber sie sind nur gepachtet.

Auf den Bildern sind Krater von Blindgänger-Einschlägen als kleine, schwarze Punkte zu erkennen. Die zu finden ist einfach. Schwieriger wird es, wenn Blindgänger von Schutt verdeckt werden, weil direkt daneben eine Bombe hochgegangen ist. Da braucht es ein geschultes Auge. Das braucht es zum Beispiel auch, um den Explosionskrater einer 250-Kilo-Bombe vom Einschlagskrater einer nicht-explodierten 1,8-Tonnen-Luftmine oder einer schweren seismischen Bombe zu unterscheiden.

Meistens finden die Experten allerdings keine Bombenkrater, sondern Hinweise auf eine andere "Kampfmittelbelastung". Denn auf den Luftbildern erkennt man auch Flak-Stellungen und Schützengräben der Infanterie. Zudem sind Bombentrichter oft dazu genutzt worden, Munition der verklappen. Dort liegen häufig Patronen oder Granaten – deren Beseitigung aber längst nicht so öffentlichkeitswirksam ist wie eine Bombenentschärfung mit Evakuierungen.

Die Suche vor Ort:

Einen möglichen Treffer können die Experten dank des modernen GIS (Geo-Informations-System) auf den Meter genau eingrenzen. Dennoch wird sicherheitshalber ein Bereich von etwa 10x10 Meter angegeben.

Sobald sich der Verdacht ergibt, dass eine Bombe dort liegen könnte, macht die Bezirksregierung einen Termin mit Bauherrn und Ordnungsamt. Der Bauherr muss die Fläche für die Sondierung vorbereiten – also Baumaterial abräumen, Büsche schneiden und eine Zufahrt schaffen.

Die Kampfmittelexperten machen sich dann an die Oberflächendetektion. Die Messgeräte suchen den Boden bis in 3,5 Metern Tiefe nach größeren Gegenständen ab, die das Erdmagnetfeld stören. Die dabei erzeugten Bilder zeigen auch, wie tief die mutmaßliche Bombe liegt.

Wird ein Signal gefunden, muss der Bagger ran. Bis etwa einen halben Meter über dem "Objekt" gräbt er die Erde ab – danach wird mit Schaufeln weiter gegraben. Die Experten stoßen aber längst nicht immer auf einen Blindgänger: Oft graben sie auch einen Findling oder eine Eisenstange aus. Manchmal auch ein Fahrrad.

Liegt dort keine Bombe, geht die Suche weiter – oder besser: tiefer. Die Experten gehen davon aus, dass die alten Blindgänger heute bis zu acht Meter tief liegen können. So weit reicht das Oberflächen-Messgerät aber nicht. Stattdessen wird dann ein Bohrlochraster erstellt: Im Abstand von zwei Metern werden sieben Meter tiefe Löcher gebohrt, in die ein Metalldetektor abgelassen wird. Der sucht den Boden im Radius von einem Meter ab.

Wenn da nix ist, dann ist da nix. Und wenn doch?

Die Entschärfung der Bombe:

Wird eine Bombe ausgegraben, wird sie unverzüglich geräumt. "Unverzüglich" bedeutet aber nicht "sofort". Die Experten müssen das Risiko abwägen: Zündsystem, Zustand der Bombe, zu evakuierende Anwohner, Krankenhaus im Radius und so weiter.

Grundsätzlich gilt: Ist der Blindgänger mit einem Aufschlagzünder ausgestattet, kann die Entschärfung auch einen Tag warten. Diese Zünderart braucht einen schweren Stoß, um auszulösen – wie den Aufschlag auf dem Boden.

Anders sieht das bei einem chemisch-mechanischen Langzeitzünder aus (umgangssprachlich "Säurezünder" genannt, obwohl keine Säure benutzt wird, sondern das Lösungsmittel Aceton). Ein chemischer Zünder ist für die Feuerwerker eine Wundertüte — sie wissen nicht, ob und wann er losgeht. Das Perfide: Die Bomben sollten nicht sofort hochgehen, sondern zeitverzögert zwischen 30 Minuten und einer Woche nach dem Aufschlag. Das sollte die Bevölkerung verunsichern.

Und so funktioniert ein Säurezünder: Beim Aufschlag zerplatzt eine Ampulle mit ätzendem Aceton. Das Lösungsmittel zersetzt langsam einen Ring, der einen vorgespannten Schlagbolzen hält. Die Bombe geht erst los, wenn sich der Ring aufgelöst hat. Die Konzentration des Lösungsmittels bestimmt die Geschwindigkeit des Zersetzungsprozesses – und das macht es noch heute für die Bombenentschärfer so schwierig. Sie wissen nicht: Ist das Zündsystem kaputt? Klemmt der Bolzen nur leicht? Ist die Aceton-Ampulle sogar noch heil? Oder zerspringt sie und die Zeit fängt plötzlich an zu laufen? Wie hoch ist dann die Konzentration?!

Manchmal – selten – bleibt den Experten nicht anderes übrig, als die Bombe kontrolliert zu sprengen. Die Feuerwerker entfernen zwar möglichst viel Sprengstoff und decken die Bombe mit Torfsäcken ab, aber Schäden lassen sich auch dadurch nicht immer verhindern. Wie in Viersen, als eine Bombe mit Säurezünder im Fundament eines Kindermodeladens steckte.

Unabhängig von der Zünderart ziehen die Feuerwerker grundsätzlich eine Fernentschärfung vor. Dabei wird der Zünder mit einer "Raketenklemme" ausgeschraubt. Durch kleine Sprengladungen, die aus der Entfernung gezündet werden, wird der Zünder schneller herausgedreht, als es per Hand möglich wäre. Und vor allem: schneller, als der Zündbolzen zuschnappen könnte. Die zweite Möglichkeit der Fernentschärfung ist die Seilscheibe, sie auf den Zünder geschraubt und aus 100 Metern Entfernung per Seil gedreht wird.

Nur bei geringem Risiko greifen die Sprengstoffexperten zur Rohrzange. Und wenn gar nichts mehr geht, muss die Bombe eben gesprengt werden. Dazu wird möglichst viel Sprengstoff aus der Bombe entfernt. Trotzdem kann die Explosion enorm sein, wie 2012 in Viersen: Die Detonation beschädigte mehrere Häuser schwer – eins musste sogar abgerissen werden.

Erheblich öfter als Bomben werden übrigens Handgranaten oder Panzerfäuste gesprengt. Oft sind sie nicht mehr transportfähig. Daher die Warnung des Experten: Wer eine Granate im Garten, auf dem Dachboden oder in Opas Nachlass eine Granate findet, sollte sie auf keinen Fall bewegen. Und vor allem nicht ins Auto legen und damit zur Polizei fahren. Im Zweifel darf die Granate nicht bewegt werden, sondern wird gesprengt – im Auto.

Die Evakuierung:

Der Umkreis für die Evakuierung richtet sich nach dem Zustand des Zünders und nach der Lage der Bombe. Auch die Bebauung um den Fundort herum spielt eine Rolle. Und liegt ein Krankenhaus mit Intensivstation im betroffenen Gebiet, reicht manchmal eine Verlegung der Patienten in einen geschützteren Teil des Gebäudes, zumal der Stress eines Umzugs den Zustand eines Intensivpatienten erheblich verschlechtern kann.

Pi mal Daumen gilt aber: Pro Kilo Bombe ein Meter Radius. Bei der üblichen 5-Zentner-Bombe sind das also 250 Meter Evakuierungsradius. Liegt die Bombe auf einem freien Feld mit Randbebauung können es auch mal 300 Meter sein – oder weniger, wenn die Bombe in acht Metern Tiefe liegt.

Die Entsorgung der Bombe:

Ist der Zünder abgeschraubt, wird die Bombe entsorgt. Das gehört zum Service der Bezirksregierung Arnsberg. In ihrem Beritt gibt es zwei "Munitionszerlegebetriebe" – in Ringelstein bei Brilon (wird aber bald geschlossen) und in Hünxe am Niederrhein. Dort entfernen die Mitarbeiter den Sprengstoff und zersägen den Bombenkörper.

Der Sprengstoff, meist TNT oder Amatol, wird in Spezial-Öfen verbrannt. Und nein: Dabei explodiert nichts. Um das Material zur Sprengung zu bringen braucht es eine Initialzündung. In der Bombe ist dafür eine Zündkette mit empfindlicherem Sprengstoff geschaltet. Bloße Hitze reicht nicht. Trotzdem sind die Brenn-Öfen detonationssicher.

Der Eisenschrott wird beim Schrotthändler verkauft – das war's. Nächste Bombe.

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