Video-Clip

Feuerwehr fordert mehr Respekt gegenüber Rettungskräften

Auch die Dortmunder Feuerwehr fordert mehr Respekt.

Auch die Dortmunder Feuerwehr fordert mehr Respekt.

Dortmund.  Es ist kaum vorstellbar, aber schon passiert: Die Feuerwehr will helfen - und wird von filmenden Gaffern gestört. Nun soll ein Video wachrütteln.

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Nur mal angenommen: Sie liegen bewusstlos am Boden Ihrer brennenden Wohnung und jede Hilfe kommt zu spät. Draußen vor der Tür hält eine grölende Menge die Einsatzkräfte der Feuerwehr auf, attackiert die Männer der Wehr, um in Ruhe das flammende Inferno filmen zu können. Sie möchten sich diese Situation nicht vorstellen? Ein solches Szenario kann heute leider jederzeit an jedem Ort genauso eintreffen. Die Zeit ist überfällig für ein Video, das Menschen wachrütteln soll.

Seit Dienstagabend, 20.57 Uhr, steht der Video-Clip der Feuerwehr "Respekt? Ja - Bitte!" im Internet. Bis Mittwoch, 10 Uhr, gab es allein bei Facebook über 100.000 Aufrufe. Schnelle Bildschnitte, peitschende Musik, kurze Statements von Betroffenen, dazu von Politikern wie Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, alles fügt sich in zweieinhalb Minuten zu einem einzigen Appell: Lasst jeden, der Menschen rettet, in Ruhe seine Arbeit machen! Und bitte immer mit dem nötigen Respekt!

Hass, Beleidigung, Respektlosigkeit

Im Clip schildert ein farbiger Feuerwehrmann, gebürtiger Deutscher, wie er angegangen wird als "scheiß Neger, von dir lass ich mir nicht helfen" und "du nimmst uns hier unsere Arbeitsplätze weg". Eine Feuerwehr-Frau berichtet, sie und ihre Kollegen seien aus dem Rettungswagen heraus und in eine Massenschlägerei hinein gezogen worden.
In einem anderen Fall fuhr ein Mann mit seinem Wagen mitten in den Einsatz der Feuerwehr. Alles unfassbar? Leider Alltag!

Andreas Jedamzik, Vorstandsmitglied der Feuerwehr-Gewerkschaft, und Oliver Nestler, Städtischer Branddirektor, haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Diskussion über Strafen für Pöbler, Störer und Gaffer sei das Eine, sagt der Branddirektor, die Frage, wie wir wieder Werte in die Gesellschaft bringen, das andere. Für Nestler das Entscheidende.

Noch vor Silvester

Die Idee fürs Video kam aus der Landesgruppe der Feuerwehr-Gewerkschaft. Andreas Jedamzik wollte den Clip, an dem sich auch Kollegen aus dem Sauerland und Rheinland beteiligten, gerne schon während der "Woche des Respekts" online haben. Mit dieser Woche warb die Landesregierung im November um mehr gegenseitige Achtung. Nun ist Jedamzik froh, noch vor Silvester den Videoclip ins Netz gebracht zu haben. Er hat selbst Dienst in der kommenden Silvesternacht.

Einen Jahreswechsel in Dortmund vergessen die Feuerwehrmänner nicht mehr: Als vor zwei Jahren Kollegen auf der Mallinckrodtstraße in Dortmund schwer damit beschäftigt waren, einen Kellerbrand zu löschen, erlebten die Einsatzkräfte auf der Straße, beschäftigt mit Überwachung und Absicherung, eine bewusste Attacke. Feuerwehr und Polizei wurden mit einer Böllerbatterie beschossen, mehrere Polizisten erlitten Verletzungen.

Behinderung der Arbeit

Behinderungen und Beschimpfungen seien ein ernst zunehmendes Problem in allen Altersgruppen und Schichten, muss Oliver Nestler feststellen. Kollege Andreas Jedamzik pflichtet ihm bei: "Ich habe Einsätze erlebt an Stellen im Stadtgebiet, an denen ich nicht mit einem solchen Verhalten gerechnet habe." Es seien schon Kollegen zusammengefahren worden von Menschen am Steuer eines Mittelklassewagens, nur weil diese Fahrer den lebensrettenden Einsatz der Feuerwehr nicht abwarten wollten.

Ein anderes Mal musste Jedamzik mit ansehen, wie die Kollegen verzweifelt einen Autofahrer suchten, damit dieser seinen blockierenden Wagen wegsetzt. Das Auto stand der Drehleiter beim Brandeinsatz im Weg. Auch nach mehrmaligen Aufrufen meldete sich kein Fahrer. Die Kollegen der Wehr mussten einen anderen, zeitraubenden Weg für ihren Rettungseinsatz finden. "Und als der Einsatz vorbei war", sagt Jedamzik, "ging der Mann, der die ganze Zeit neben mir stand und sich ruhig verhielt, zu seinem Auto, das im Weg war, und fuhr es weg."

Ungebremst vorbei

Mindestens an Körperverletzung grenzte bei einem Notfalleinsatz das Verhalten gleich mehrerer Autofahrer. Noch während die Rettungssanitäter einen Herzinfarkt-Patienten auf der Trage in den Rettungswagen brachten, passierten ungebremst im Millimeter-Abstand mehrere Fahrzeuge Patienten und Retter. Pöbeleien, Angriffe, Bedrängungen kämen im Rettungsdienst inzwischen wöchentlich vor, beklagen die Feuerwehrmänner.

Im Jahr 2015 zählten Feuerwehr und Rettungsdienst insgesamt 136.226 Einsätze, sechs Prozent mehr als 2014. Die Zahlen für 2016 liegen noch nicht vor. Im Durchschnitt wurde in der Einsatzstelle der Feuerwehr alle drei Minuten und 52 Sekunden ein Einsatz registriert und Einsatzkräfte zur Hilfe entsandt. Bei den Brandeinsätzen wurden im vorigen Jahr 80 Einsätze mehr gezählt als 2014. In der Notfallrettung stiegen die Einsatzzahlen erneut um fast sechs Prozent auf 87.402 Fahrten. Die Löschzüge der Freiwilligen Feuerwehr rückten 2015 zu 2689 Einsätzen aus - ein bisher nicht verzeichneter Höchststand bei den Feuerwehr-Kollegen, die sich ehrenamtlich für das Gemeinwohl engagieren.

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