Landpartie

Ein Bauernhof macht Schule für eine bessere Welt

Aana hat Herbstrübchen selbst geerntet.

Aana hat Herbstrübchen selbst geerntet.

Foto: Matthias Graben

Dortmund.   Hier gibt’s was zu lernen: Auf dem Bauernhof Schulte-Tigges kommen Stadtkinder oft zum ersten Mal im Leben mit Landwirtschaft in Berührung.

Wo kommen eigentlich die Kartoffeln her? Aus dem Supermarkt! Und die Tomaten? Auch! Nee, eben nicht. Man muss kein allzu großer Kulturpessimist sein, um zu vermuten, dass viele Kinder heute gar nicht mehr wissen, woher all die Sachen kommen, die sie essen. Und nun stehen hier zwölf Kinder der Dortmunder Diesterwegschule auf dem Acker und sollen Herbstrübchen ernten. „Die sind ganz lecker, die schmecken wie eine Mischung aus Radieschen und Kohlrabi“, erklärt Gärtnerin Katharina Runte (36). „Kohlrabi!“, ruft Hussein (8) mit einer unter Kindern selten zu findenden Begeisterung für Wurzelgemüse. Es geht darum, genügend Rübchen für die Kisten der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) Kümper Heide zu ernten, immer nur die großen – und: „Wir wollen auch nicht zu viel ernten“, sagt Runte einen Satz, den man auf anderen Bauernhöfen ebenfalls eher selten hört.

Der Acker gehört nicht nur zur Solawi, sondern auch zum Lernbauernhof Schulte-Tigges in Dortmund-Altenderne, der auf den ersten Blick den Kindern nichts anderes beibringt, als sich beim Ernten auf dem Acker die Finger schmutzig zu machen, danach die Finger und das Gemüse ordentlich zu waschen – und mit eben jenen Fingern ein leckeres Essen zusammenzuschnippeln und zu kochen. Oft kümmern sich die Kinder auch um die Pferde und Schafe auf dem Hof – und kommen dabei nicht ums Ausmisten der Ställe herum.

Bildung für nachhaltige Entwicklung

Auf den zweiten Blick geschieht hier allerdings viel mehr. „Wir machen das mit dem Lernbauernhof so, weil wir angedockt haben an das Konzept ,Bildung für nachhaltige Entwicklung‘, kurz BNE“, sagt Bauer Elmar Schulte-Tigges (42). „Es geht also um den Einklang von Umwelt, Wirtschaft, Sozialem über mehrere Generationen. Und darum, junge Leute zu ermächtigen, ihre Welt selber mitzugestalten.“

Es geht um Fähigkeiten wie Teamarbeit, Verantwortungsbewusstsein, interdisziplinäres Arbeiten und auch um das Entwickeln von Empathie.

Wer angesichts solcher Ziele vermutet, dass Elmar Schulte-Tigges nicht sein ganzes Leben zwischen Stall und Acker zugebracht hat, liegt richtig. „Ich bin eigentlich Geograph, Schwerpunkt Entwicklungszusammenarbeit“, erzählt er. Nach dem Studium hat er mehr Zeit im südlichen Afrika verbracht als in Deutschland – und Pläne, den elterlichen Bauernhof zu übernehmen, gab es eigentlich auch nicht. Schon weil sein Vater den Betrieb stillgelegt hatte – ein Hof, der seit dem 14. Jahrhundert existierte und spätestens seit dem 17. Jahrhundert im Familienbesitz war. Im Jahr 2009 jedoch machte die schwere Erkrankung der Mutter die Rückkehr Elmars und seiner Frau Miriam auf den Hof notwendig.

Große Themen auf den Acker gebracht

„Das hat so einen Sog ausgelöst. Ich habe gemerkt: Irgendwie ist das anders, wenn ich aus dem Fenster schaue und sehe, was hier mit dem Regen passiert“, sagt er.

Und so entstand der Gedanke, etwas mit dem Familienhof zu machen, ohne den wissenschaftlichen Überbau zu Themen wie Globalisierung und Ernährung einfach auf den Kompost zu werfen. Schulte-Tigges brach die Promotion ab und wollte „etwas mit Lehre“ machen.

„Wir haben das Freunden erzählt und die haben sich darüber fast totgelacht. Die haben gesagt: Du bist kein Bauer und du bist kein Lehrer. Und jetzt willst du auf dem Bauernhof Sachen erzählen! Das hat uns erstmal zurückgeworfen.“ Bis Schulte-Tigges 2012 an einer Tagung der Bundesarbeitsgemeinschaft Lernort Bauernhof (BagLoB) teilnahm. „Da gab es keinen, der gesagt hat: Du kannst das nicht!“ Elmar, seine Frau Miriam und Schwägerin Nadia fingen an. Heute kommen täglich Schulklassen auf den Lernbauernhof, einige zu einzelnen Schnupper- und Erlebnistagen, einige zu Jahreskursen (jeden Monat einmal für drei Stunden), manche zum Ferien-Erlebnis oder schlicht zum Kindergeburtstag. Er arbeitet mit den Schulen und dem städtischen Träger für Kindergärten zusammen.

Kompetenzen und Kartoffeln

Auf dem Feld hat die Gruppe, die vom Bauernhof-Pädagogen Jörg Lüling (41) geleitet wurde, mittlerweile genügend Herbstrübchen geerntet und geht nun in die Küche, wo das Gemüse mit Kartoffeln und Möhren zusammen gekocht wird. Denn letztlich geht es darum, dass die Kinder hier Kompetenzen mitnehmen. Lüling: „Natürlich haben die Spaß. Aber die lernen auch so viele Sachen, ohne dass die merken, dass sie was lernen.“

>>> Infos zum Lernbauernhof Schulte-Tigges

Lernbauernhof Schulte-Tigges, Kümper Heide 21, Dortmund, lernbauernhof-schultetigges.de Die Thementage von drei Stunden heißen u.a. „Natur und Bauernhof erwachen“ und
„Wo wachsen Pommes?“.

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