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Der Ruhrklippenlauf in Dortmund lässt Muskeln weinen

Teilnehmer beim Ruhrklippenlauf in Dortmund.

Foto: WAZ FotoPool/ Ralf Rottmann

Teilnehmer beim Ruhrklippenlauf in Dortmund. Foto: WAZ FotoPool/ Ralf Rottmann

Dortmund.  Schon die Eckdaten müssen auf Lauf-Laien abschreckend wirken: Über 25 Kilometer und 480 Höhenmeter führt der Ruhrklippenlauf des Dortmunder Lauftreffs Bittermark jeden dritten Samstag im Monat. Wer die Strecke bewältigt hat, weiß, was die nackten Zahlen bedeuten: Schmerz und Stolz. Eine Reportage.

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An jedem dritten Samstag im Monat wird der Wanderparkplatz am Ellberg im idyllischen Dortmund-Wichlinghofen nicht von Gassigehern und ihren Hunden oder Nordic Walkern und ihren Stöcken bevölkert, sondern von einem bunten Trupp Laufbegeisterter, die von hier aus zum härtesten Lauf aufbrechen, den die Westfalen-Metropole zu bieten hat: den Ruhrklippenlauf, organisiert vom Lauftreff Bittermark.

Heute, bei der 165. Auflage dieses Klassikers bin ich ebenfalls am Start. Mit drei beendeten Marathons kein blutiger Anfänger und durchaus auf der Langstrecke erprobt. Doch mit dem Ruhrklippenlauf habe ich noch eine Rechnung offen, da mein erster Versuch vor rund einem Jahr eher kläglich endete. Aber heute wird alles gut!

Doch schon anderthalb Stunden vor dem Start wird mir klar, dass es auch heute ganz hart wird: Um sieben Uhr springt der Wecker an. Gedachte - aber aus Rücksicht auf die noch schlafende Gattin unausgesprochene - Flüche und Verwünschungen sorgen für den nötigen Adrenalinschub. Ich bin wach, aber noch nicht wach genug. Kaffee kochen, ein karges Läuferfrühstück, dann noch Wasser und ein Powerriegel zum Knabbern, falls die private Pasta-Party am Vorabend nicht ausgereicht haben sollte.

Vier Gruppen, für jeden Läufer die passende

Kurz vor halb neun erreiche ich den Start. Ich scanne die Teilnehmer – die meisten spielen defnitiv eine Gewichtsklasse unter mir. Asketen eben. Es gibt vier Gruppen für verschiedene "Leistungsklassen": Die Sieben-Minuten-Läufer sind schon seit einer halben Stunde auf der Piste, gleich starten die Gruppen mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von 5:30, 6 und 6:30 Minuten je Kilometer. Ich wähle die letzte. Mein Schrittmacher und Guide heißt Rüdiger Arnold und ist ein alter Laufhase.

Kurz nach halb neun geht’s los. Bloß nicht zu schnell loslaufen. Rüdiger marschiert voran und gibt ein flottes, aber angenehmes Tempo vor. Über wellige Waldwege bewegt sich mein Tross durch die Bittermark, am Mahnmal für die Karfreitagsmorde vorbei, dann nach Herdecke-Ahlenberg und schließlich wieder leicht bergab nach Syburg. Das Geläuf ist abwechslungsreich, mal Waldboden, mal Asphalt, vor allem aber nagen erste kleine, fiese Anstiege schon an den mühsam angefutterten Reserven und setzten erste Nadelstiche in die Oberschenkel. In Syburg beginnt der Abstieg. Regen setzt ein, ausgerechnet jetzt, wo es auf dem steinigen und glitschigen Ruhrhöhenweg über Stock und Stein hinunter zum Hengsteysee geht. Hier ist Trittsicherheit gefragt. Irgendwann spuckt uns der Wald aus und wir haben das Ufer erreicht. Auf dem flachen Rundweg laufen wir über die Brücke auf die Hagener Seite, dann Richtung Wehr und dort wieder hinüber nach Herdecke. Wer meint, er könnte die Flachpassage am Seeufer nutzen, um Tempo zu machen, wird bald die Quittung dafür bekommen. Chillen ist angesagt, Kräfte sammeln.

Die Eiger-Nordwand für Hobby-Läufer

Denn jetzt kommt der fieseste Teil des Ruhrklippenlaufs: der Aufstieg. Rüdiger stimmt die Gruppe auf die bevorstehenden knapp anderthalb Kilometer ein: „Jeder läuft sein eigenes Tempo!“ Über den Gerhart-Hauptmann-Weg, eine Art Eiger-Nordwand für Hobbyläufer, geht es steil, wirklich steil bergauf. Hier entscheidet sich, wer wie ins Ziel kommt. Es regnet nicht mehr. Oder merke ich den Regen nur nicht mehr, weil ich schweißgebadet bin? Beim Anstieg spüre ich, wie sich die Muskeln über die Kraftreserven hermachen wie ein Dreijähriger über einen Eimer Gummibärchen. Ich denke an den Muskelkater, der morgen auf mich wartet. Doch negative Gedanken sind nicht gerade leistungsfördernd – also umschalten auf ein positiveres Programm. Ich stelle mir vor, wie ich im Ziel ankomme, denke an das Glücksgefühl, das sich nach langen Läufen einstellt. Es klappt! Der Schmerz schwindet etwas, der Kopf besiegt die brennenden Beine. Das ist die gute Nachricht. Die Schlechte: Oben angekommen, sind es immer noch rund neun Kilometer bis zum Ziel.

Am Ende des Aufstiegs die Belohnung für die Mühe: Helfer des Lauftreffs Bittermark haben einen Verpflegungsstand aufgebaut. Es gibt Salzstangen, Wasser, Obst. Eine Wohltat. Ich spüre förmlich, wie die frische Energie in den Muskeln sofort verpufft. Heftiger Regen setzt ein. Weiter geht’s, bevor der Körper auskühlt. Dieser letzte Streckenabschnitt ist nicht der härteste, aber der tückischste des Ruhrklippenlaufs, weil das Gelände wellig bis bergig ist und sich mit dem bereits bewältigten Anstieg in den Knochen jeder Hügel anfühlt wie ein Achttausender. Zunächst laufen wir durch den Wald wieder nach Syburg. Das Wannebachtal zieht sich wie Kaugummi, vor allem weil „Tal“ bedeutet, dass es irgendwann wieder bergauf geht. Die Muskeln sind längst zu Pudding geworden, Oberschenkel und Waden senden Hassbotschaften. Einige knackige Anstiege führen uns zur Wittbräucker Straße. Noch rund 600 Meter – bergab!

Im Ziel gibt es Kuchen

„Tapptapptapp“ — nie klingt das Geräusch von patschenden Laufschuhen auf Asphalt so süß wie auf den letzten Metern eines langen Laufs. Endorphine bahnen sich ihren Weg. Noch eine Kurve, dann taucht der Wanderparkplatz auf, geschafft! Und: Es gibt Kuchen!

Im Ziel plaudern wir. Rüdiger Arnold erklärt: „Wir sind ein Langstreckenverein“, und will mir damit sagen, dass 25 Kilometer gar nicht so außergewöhnlich sind. Bei jedem Wetter gehen die Bittermärker und ihre Gäste an den Start: "Im Winter bei minus 15 und im Sommer bei plus 30 Grad", sagt Rüdiger. Erst einmal sei der Lauf ausgefallen - als Unwetter Ela auch in Dortmund für gesperrte Wälder sorgte. Vor Weihnachten stellen die Bittermärker ein Zelt im Start-/Ziel-Bereich auf und laden im Anschluss an den Lauf zur gemütlichen Weihnachtsfeier mit Currywurst und Bier.

Rüdigers Vereinskollege Jens Meyer erklärt, dass das Gelände beim Ruhrklippenlauf den besonderen Reiz ausmache und dass der Lauf prima in die Vorbereitung auf einen Marathon passt: „Wenn 30 Kilometer auf dem Trainingsplan stehen, hängt man die einfach noch an den Lauf an“, sagt er, und ich schüttele innerlich den Kopf. Außerdem sei es doch viel angenehmer, lange Läufe in der Gruppe mit netten Leuten zu absolvieren. An den Gedanken muss ich mich als eher eigenbrötlerischer Alleinläufer noch gewöhnen. Irgendwie hat er aber recht, glaube ich. Zumal sich die Organisatoren wirklich Mühe geben und es den Läufern an nichts mangelt. Die Teilnahme ist kostenlos, Spenden werden jedoch gerne angenommen. Auch Ruhrklippen-Neuling Josef aus Dortmund stimmt zu: „Es ist eine tolle Motivation, in der Gruppe zu laufen.“ Den Kurs beschreibt er als „anspruchsvoll“ – dem ist nichts hinzuzufügen. Nächsten Monat ist wieder Ruhrklippenlauf...

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