Widerstand gegen den NS-Staat

Der Kampf der Edelweißpiraten gegen den Nationalsozialismus

Das Edelweiß war auch in Dortmund das Symbol vieler Jugendlicher.

Das Edelweiß war auch in Dortmund das Symbol vieler Jugendlicher.

Foto: Stephan Schuetze

Dortmund.  Sie wollten sich nicht anpassen an den NS-Staat. Aus den Dortmunder Edelweißpiraten wurde so eine Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus. Das bewegt auch heutige Jugendliche.

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Man muss schon ein wenig Kondition haben. In der obersten Etage der Steinwache wird in einer ehemaligen Zelle des früheren Gestapo-Gefängnisses an die Edelweißpiraten erinnert. Sie waren die „Unangepassten“ im NS-Staat, wie es Jannis Gustke (24) formuliert. Gehorsam und Disziplin, Einordnen in die Masse, Marschieren in Reih’ und Glied – das war der Alltag in der Hitlerjugend (HJ) und dem Bund Deutscher Mädel (BDM).

Doch es gab Jugendliche, die sich dem Zwang nicht beugen wollten. Sie kämpften gegen HJ und BDM. Dabei ging es am Anfang gar nicht unbedingt um politische Ziele. „Es ging darum, die Freiheit und Eigenständigkeit zu verteidigen“, berichtet Jannis Gustke. Er ist einer der „Botschafter der Erinnerung“, die sich mit der Geschichte der Dortmunder Edelweißpiraten beschäftigt haben und Jugendliche durch die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache führen.

Doch wer waren die Edelweißpiraten? Es waren zumeist Jugendliche aus der Arbeiterschicht, die sich dem HJ- und BDM-Gehorsam verweigerten und sich abends in Parks oder Gaststätten trafen, gemeinsam Ausflüge und Wanderfahrten unternahmen. In Abgrenzung zu der marschierenden NS-Jugend nennen sie sich „Latscher“, Edelweiß-Anstecker werden ihr Erkennungszeichen, antifaschistische Lieder werden gesungen. Ein Schwerpunkt ist die Nordstadt, vor allem der Platz an der Danziger Freiheit, dem Bunker am Brügmannpark an der Bornstraße.

Bald werden die Geheime Staatspolizei (Gestapo) und HJ-Gruppen auf die Treffen der „Unangepassten“ aufmerksam. „Im Sommer 1942 beginnt der Terror. In der Regel wird der Treffpunkt der jungen Leute nach Einbruch der Dunkelheit von Hitlerjugend umstellt. Wer nicht entkommen kann, wird erbarmungslos zusammengeschlagen. Die Mädchen werden in unflätiger Weise beleidigt und als Huren beschimpft. Die Personalausweise der Betroffenen werden eingezogen und müssen am nächsten Tag bei der Polizei oder einer HJ-Dienststelle abgeholt werden. „Meistens kam es dabei zu erneuten Misshandlungen“, berichtet der Edelweißpirat Kurt Piehl in seinen Erinnerungen.

Misshandlungen und Gefängnisstrafen

Immer wieder kommt es zu Prügeleien mit der HJ. Ein Höhepunkt ist die sogenannte Corso-Schlacht, eine Auseinandersetzung mit Hitlerjungen im Café Corso am Westenhellweg, einem beliebten Treffpunkt der Edelweißpiraten. Zehn Tage später werden bei einer Razzia in der Nähe des Hauptbahnhofs gut 80 Edelweißpiraten von der Gestapo festgenommen, zur Bahnhofswache gebracht und dort verprügelt, wie Kurt Piehl berichtet. Piehl selbst wird kurz vor Kriegsende mit 16 Jahren verhaftet, nachdem er einen SS-Mann im Kampf mit einem Messer schwer verletzt hat. Er wird in der Steinwache misshandelt. So wie ihm geht es vielen Edelweißpiraten in Dortmund und anderen Städten. Nach und nach wird aus dem Unangepasstsein politischer Widerstand, den einige Jugendliche – wie etwa in Köln – sogar mit dem Leben bezahlen.

In Dortmund bleibt es bei Gefängnisstrafen und Misshandlungen. 1943 stehen 30 junge Edelweißpiraten vor Gericht, ein Jahr später 63 Jugendliche, die im November 1943 verhaftet worden sind. Sie hatten sich „allabendlich bis zum Einsetzen des Fliegeralarms in der Nähe eines Luftschutzbunkers herumgetrieben und Lieder bündischen Inhalts gesungen“, wie es in der Akte des Reichssicherheitshauptamtes heißt. „Ein Teil trug Edelweißabzeichen, Totenkopfringe und bunte Halstücher.“

Keine offizielle Anerkennung des Kampfes

Freilich: Auch Diebstähle und Gewalttaten werden den Edelweißpiraten vorgeworfen. Weswegen sie nicht als uneingeschränkte Vorbilder taugen. Mit ihren politischen Aktionen sind sie aber durchaus für heutige Jugendliche ein gutes Beispiel, dass „einfache Leute im Alltag Widerstand leisten können“, stellt Navanya Ganasathasan (24), eine der Botschafterinnen der Erinnerung, fest. „Sie sind ein Beispiel für eine buntere, tolerantere Gesellschaft“, sagt Lars Gutknecht (23).

„Eine offizielle Anerkennung ihres Kampfes hat es nie gegeben, nicht als Widerstand und nicht als Verfolgung“, schließt der Roman von Kurt Piehl. Das ist mit ein Grund, dass der Jugendring über die Botschafter der Erinnerung das Gedenken an die Edelweißpiraten und ihren Kampf gegen den NS-Staat wachhält. Ein Wunsch ist dabei, einen Gedenkort zu schaffen, der zum Treffpunkt für Jugendliche werden kann, wie Andreas Roshol von der Arbeitsstelle „Zukunft braucht Erinnerung“ des Jugendrings erklärt. Möglichst in zentralerer Lage als in der obersten Etage der Steinwache.

Ein Comic zeigt den Widerstand

Kurt Piehl hat den Edelweißpiraten gewissermaßen literarisch ein Denkmal gesetzt. „Latscher, Pimpfe und Gestapo“ ist der Titel des Romans, mit dem er seine eigenen Erlebnisse als Edelweißpirat in der Dortmunder Nordstadt dokumentiert hat. Heute ist das 1980 veröffentlichte Buch oft Schullektüre.

Auf etwas andere Weise beschäftigte sich der Dortmunder Künstler Günter Rückert mit dem Thema. Mit Unterstützung Piehls und des Historikers Prof. Hans Müller zeichnete er 1987 einen Comic mit dem Titel „Das Karbidkommando“ über den Widerstand der Dortmunder Edelweißpiraten gegen Hitlerjugend und Gestapo, der 2001 neu erschien.

Ausstellung in der Steinwache

Ein ungewöhnliches Denkmal, das an die Edelweißpiraten erinnert, ist die Fassade eines Hauses an der Schleswiger Straße, die Günter Rückert im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt gestaltet hat. Es zeigt comicartige Porträts von Dortmunder Edelweißpiraten, die der Künstler nach Gruppenfotos gestaltet hat.

Ein Thema sind die Edelweißpiraten auch in der Ausstellung Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933-1945 in der Steinwache.

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